Eine Expertenkommission soll den Wiederaufbau des durch ein Feuer zerstörten Kehlsteinhauses vorantreiben. «Wir wollen das Kehlsteinhaus als Zeugnis der Geschichte und Ort der Aufklärung für kommende Generationen erhalten», sagte Kunstminister Markus Blume (CSU) der dpa in München. Das Haus sei als Repräsentationsbau des NS-Regimes errichtet worden und untrennbar mit der nationalsozialistischen Herrschaft verbunden. «Ein Wiederaufbau muss dieser historischen Verantwortung gerecht werden», sagte der Minister.
Von Denkmalpflege bis Erinnerungskultur
An dem Expertengremium sollen Fachleute aus der Denkmalpflege, dem Baufachwesen und der Erinnerungskultur beteiligt sein. Derzeit arbeite man mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und dem Staatlichen Bauamt Traunstein mit Hochdruck daran, die Schäden zu erfassen und zu sichern, was von der historischen Originalsubstanz noch erhalten sei. «Auf dieser Grundlage wollen wir zügig ein tragfähiges Wiederaufbaukonzept entwickeln.»
Ein Feuer hatte das historisch bedeutsame Gebäude am Obersalzberg bei Berchtesgaden in der Nacht zum Samstag fast vollständig zerstört. Das Haus wurde seit Jahrzehnten als Berggasthof genutzt. Derzeit laufen die Ermittlungen zu den Hintergründen der Brandstiftung. Die Polizei hat einen 33 Jahre alten Mann festgenommen, dem die Tat angelastet wird. Er wurde noch am Samstag in eine geschlossene Psychiatrie gebracht.
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hatte bereits am Samstag angekündigt, dass das geschichtsträchtige Gebäude, das sich im Eigentum des Freistaates Bayern befindet, wieder aufgebaut werden soll. Das Kehlsteinhaus war in den 1930er Jahren von den Nationalsozialisten während ihrer Terrorherrschaft als Teil des von Adolf Hitler genutzten Komplexes am Obersalzberg erbaut worden.
Kehlsteinhaus: Doku-Leiter gegen 1:1-Rekonstruktion
Der Leiter der Dokumentation Obersalzberg, Sven Keller, spricht sich nach dem Brand des von den Nazis errichteten Kehlsteinhauses gegen eine genaue Rekonstruktion eines vermeintlichen Originalzustands aus. «Gebäuden wie dem Kehlsteinhaus ist ja ein Narrativ eingeschrieben, in diesem Falle ein Überwältigungsnarrativ», sagte Keller auf Anfrage. «Es gibt einen Grund, warum das Gebäude bis heute faszinierend wirkt, das wirkt unwillkürlich weiter. Jetzt, wo das Gebäude zerstört oder mindestens schwer beschädigt ist, kommt eine 1:1-Rekonstruktion nicht infrage.»
Das Teehaus auf 1834 Metern Höhe wurde 1937/38 auf Initiative von dem Hitler-Vertrauten Martin Bormann errichtet und war Teil des Führersperrgebiets Obersalzberg bei Berchtesgaden. Ein 33-jähriger Mann soll das Feuer dort gelegt haben. Er wurde in eine geschlossene Psychiatrie gebracht. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und Kunstminister Markus Blume (beide CSU) haben bereits den Wiederaufbau angekündigt.
Chance zur Neugestaltung der historischen Einordnung nutzen
Es handele sich nicht um ein ungebrochen positiv besetztes Denkmal, sondern um ein NS-Gebäude, das auch in ideologischer Absicht errichtet worden sei, betont Keller. «Das heißt nicht, dass man das, was erhalten ist, nicht auch erhalten kann. Aber einen vermeintlichen Originalzustand muss und sollte man nicht wiederherstellen», sagte Keller. «Man sollte die Chance nutzen, um die historische Kontextualisierung zu verbessern, und vor allem sollte man die Zeitschichten offenlegen.»
Der historische Ort Kehlsteinhaus habe die Zeitläufte nicht unverändert überdauert. «Schon die amerikanische Präsenz nach 1945 und die Nutzung als Restaurant seit 1952 ist ja eine Veränderung.» Ziel sollte sein, einen gegenwärtigen Zustand in seiner Historizität begreifbar zu machen und den Menschen Kontext und Zusammenhänge zu erklären.
Hitler und sein Teehaus
Ein vergleichbares, wenn auch etwas kleineres Teehaus gab es laut Keller schon am Mooslahner Kopf. Das Teehaus am Kehlstein habe Hitler selten besucht: «Wir wissen von nur 14 Besuchen, alle im Zeitraum zwischen September 1938 und Oktober 1939. Danach, so meine Annahme, war der durchaus zeitaufwendige Ausflug nicht mehr so leicht möglich, auch dürfte sich das nicht mit dem "Führer"-Bild vertragen haben, das Hitler als Feldherr von sich vermitteln wollte.»
Wenn Hitler in den Jahren 1938 und 1939 hinauffuhr, dann habe er das in der Regel mit ausländischen Gästen, Staatsmännern, Diplomaten und ausgewählten internationalen Journalisten getan. Unter den Besuchern sei wenige Wochen vor Kriegsbeginn etwa Graf Galeazzo Ciano gewesen, Schwiegersohn Benito Mussolinis und Außenminister des faschistischen Italiens. Der Krieg sei auch das Thema des Besuchs gewesen.
«Überwältigungsensemble»
«Die exponierte Lage in 1.834 Metern Höhe, auf dem Felssporn des Kehlstein, mit einem spektakulären Blick auf die Berchtesgadener Alpenkulisse, sollte die Gäste beeindrucken», sagt Keller. «Das ganze Ensemble ist ein Statement: Wir machen uns die Berge untertan, wir haben die Macht dazu. Insofern war das Kehlsteinhaus samt Kehlsteinstraße und Aufzug ein Überwältigungsensemble - als einer von vielen Bauten des Führersperrgebiets.»
Die Dokumentation Obersalzberg befasst sich mit der Geschichte dieses NS-Machtzentrums und der nationalsozialistischen Diktatur insgesamt. Eine kleinere Ausstellung am Kehlsteinhaus ergänzte dies. Beide Ausstellungen wurden vom Institut für Zeitgeschichte konzipiert. Exponate - im Sinne von historischen Objekten - seien am Kehlsteinhaus nicht zu sehen gewesen, sagt Keller. «Wir haben dort vor allem mit Fotos und Dokumenten gearbeitet. Die Ausstellung ist zerstört, damit geht aber kein Verlust an historischen Objekten einher.» (dpa)