Gastgewerbe-Studie - Ein Prozentpunkt Mehrwertsteuer-Erhöhung kostet über 100.000 Arbeitsplätze

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Der europäische Dachverband des Gastgewerbes, HOTREC, hat eine umfassende neue Studie von Syntesia Policy & Economics veröffentlicht. Die Untersuchung analysiert die Auswirkungen der Besteuerung auf den Gastgewerbesektor in den 27 EU-Mitgliedsstaaten sowie in Island, Norwegen und dem Vereinigten Königreich. Die Ergebnisse sind besonders relevant, da mehrere Regierungen derzeit eine Erhöhung der Mehrwertsteuersätze und eine Ausweitung der Tourismusabgaben in Betracht ziehen.

Die Studie stützt sich auf ökonomische Modellierungen und drei eingehende Fallstudien (Irland, Amsterdam, Dänemark). Der Bericht liefert Belege dafür, dass drastische oder schlecht koordinierte Steuererhöhungen schwere wirtschaftliche und soziale Konsequenzen haben könnten. Diese Auswirkungen würden demnach insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie ländliche Gemeinden treffen.

Direkter Verlust von Arbeitsplätzen durch Steuerpolitik

Die Untersuchung stellt fest, dass selbst scheinbar geringfügige Mehrwertsteueränderungen erhebliche wirtschaftliche Verluste in dem Sektor auslösen können. Das Gastgewerbe sei durch geringe Margen und arbeitsintensive Betriebe gekennzeichnet, weshalb es nur eine begrenzte Kapazität zur Absorption plötzlicher Kostensteigerungen habe.

Die ökonomische Modellierung der Studie deutet darauf hin, dass eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt Szenarien wie einen Umsatzrückgang von rund acht Milliarden Euro und den Verlust von über 100.000 Arbeitsplätzen auslösen könnte. Im umgekehrten Fall könnte eine Senkung der Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt zu zusätzlichen Umsätzen zwischen 2,5 und vier Milliarden Euro sowie zu 30.000 bis 50.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen führen.

Noch größere Verwerfungen drohen laut Szenarioanalyse bei einer plötzlichen Anpassung an die regulären Mehrwertsteuersätze. Die Anwendung der Standard-Mehrwertsteuersätze auf den Sektor könnte aufgrund von Betriebsschließungen und Insolvenzen weitreichende Konsequenzen haben. Dies berge das Risiko von fast einer Million Arbeitsplatzverlusten, was einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,5 Prozent entspräche. Bei Einbeziehung indirekter und induzierter Effekte auf die Lieferkette und das breitere Tourismusökosystem würden sich die Auswirkungen auf rund zwei Millionen Arbeitsplatzverluste und eine Reduzierung des BIP um ein Prozent verdoppeln. Die Auswirkungen in ländlichen Gebieten könnten dabei noch höher ausfallen und etwa 15 Prozent der Gastgewerbebetriebe gefährden.

Die ermäßigten Mehrwertsteuersätze würden als Stabilisierungsinstrument wirken, das Beschäftigung, die Wettbewerbsfähigkeit im Tourismus und den Zugang der Verbraucher zu erschwinglichen Gastgewerbedienstleistungen sichere.

Flickenteppich aus Abgaben verzerrt den Wettbewerb

Der Sektor sei einem Flickenteppich aus steuerlichen Maßnahmen unterworfen, die sowohl zwischen als auch innerhalb der Länder variieren. Neben den allgemeinen Steuern, wie Mehrwert- und Körperschaftsteuer, gebe es sektorspezifische Abgaben wie Tourismussteuern, Zugangsgebühren und parafiskalische Gebühren. Die Tourismusabgaben nähmen schnell zu und würden im Jahr 2024 schätzungsweise bereits 42 Prozent der Mehrwertsteuereinnahmen ausmachen. In Städten wie Amsterdam und in Ungarn würden diese Abgaben bereits mehr Einnahmen generieren als die Mehrwertsteuer selbst.

In Städten wie Amsterdam werden die kombinierten Abgaben aus Mehrwertsteuer und Tourismusgebühren bald über 33 Prozent einer Hotelrechnung ausmachen. In Amsterdam werde ab 2026 der Standard-Mehrwertsteuersatz für Beherbergungen mit einer Tourismussteuer von 12,5 Prozent kombiniert, was zu ad valorem Steuern von fast 35 Prozent auf Hotelübernachtungen führe. Dies zeige, wie unkoordinierte lokale Besteuerung zu Verlusten von Hunderten von Arbeitsplätzen und der Kannibalisierung kommunaler Einnahmen führen könne.

Ein weiteres Problem sei das ungleiche Spielfeld: Während die Beherbergungsbranche in fast allen analysierten Ländern (außer Dänemark, dem Vereinigten Königreich und ab Januar 2026 den Niederlanden) von reduzierten Mehrwertsteuersätzen profitiere, würden Kurzzeitvermietungen oftmals unter Umsatzschwellen fallen, von Ausnahmen für Vermietungstätigkeiten profitieren oder seien von Tourismus- und City-Steuern befreit. Diese Asymmetrie verzerrt den Wettbewerb.

Die dänische Fallstudie illustriert die Grenzen eines einheitlich hohen Mehrwertsteuersatzes im Wettbewerb des Binnenmarktes. Während städtische Luxussegmente dies tolerieren könnten, hätten ländliche und mittelständische Betriebe Schwierigkeiten, wettbewerbsfähig zu bleiben, da Kunden günstigere Angebote im benachbarten Deutschland und Schweden wählten.

Ruf nach koordiniertem und ganzheitlichem Steueransatz

HOTREC fordert politische Entscheidungsträger nachdrücklich auf, die kumulativen Auswirkungen von Mehrwertsteuer, lokalen Tourismusabgaben, Lohnnebenkosten und Faktoren, welche die Arbeitskosten im Allgemeinen beeinflussen, zu bewerten. Die kombinierten Effekte dieser Abgaben würden im Durchschnitt etwa zweimal so hoch sein wie das Niveau der Mehrwertsteuer. Die Gesamtheit dieser Abgaben zeige, dass der Sektor nicht unterbesteuert sei, sondern vielmehr sein fiskalisches Gewicht überschreite.

Die Fallstudie aus Irland zeige, dass Mehrwertsteuererhöhungen in einem von der Stadt-Land-Spaltung geprägten Umfeld ländliche Gastgewerbebetriebe überproportional schädigen. Dies sei besonders gravierend, da das Gastgewerbe in benachteiligten Gebieten oft einer der wenigen verbleibenden Arbeitsplatzgeneratoren sei.

Basierend auf den Studienergebnissen mahnt HOTREC zur Vorsicht bei der Verabschiedung plötzlicher starker Erhöhungen oder drastischer Anpassungen an die Standard-Mehrwertsteuersätze. Der Verband empfiehlt eine bessere Koordination zwischen nationaler und lokaler Besteuerung. Zudem solle die faire steuerliche Behandlung von Kurzzeitvermietungen unterstützt werden, um gleiche Wettbewerbsbedingungen zu gewährleisten und Europas vielfältiges Ökosystem des Gastgewerbes zu erhalten. Einnahmen aus Tourismusabgaben sollen transparent, verhältnismäßig sein und nach Möglichkeit in die Entwicklung des Tourismus reinvestiert werden.

Alexandros Vassilikos, Präsident von HOTREC, stellte fest: „Die Beweise sind klar: Plötzliche oder drastische Steuererhöhungen bergen das Risiko von Betriebsschließungen und massiven Arbeitsplatzverlusten, und untergraben Europas vielfältiges Ökosystem des Gastgewerbes. Ermäßigte Mehrwertsteuersätze sind kein Privileg – sie sind ein Stabilisierungsinstrument, das Beschäftigung, KMU und erschwingliche Gastfreundschaft für alle schützt.“


 

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