Krisenduo Merkel-Spahn: Mit Herz und Solidarität gegen Corona

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Theater geschlossen, Fußball ohne Fans, erste Grenzen in Europa dicht: Es ist ein Spagat, der Angela Merkel in der bedrohlichen Coronavirus-Krise gelingen muss. Menschen und Wirtschaft in Deutschland angesichts der anschwellenden Epidemie beruhigen, Panik vermeiden. Zugleich niemanden zu sehr in Sicherheit wiegen, denn alle Experten sagen ihr: Es ist noch nicht vorbei, es hat gerade erst begonnen. Die Kanzlerin könnte im 14. und wohl vorletzten Jahr ihrer Amtszeit vor ihrer größten Herausforderung stehen - nach der Bankenkrise 2008 und der Flüchtlingskrise 2015.

Mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und dem Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, stellt sich Merkel am Mittwoch den Fragen der Journalisten. Die Kanzlerin hat sich Zeit gelassen bis zu diesem ersten Auftritt auf der Hauptstadtbühne - Kritiker werfen ihr vor, zu lange.

Nüchtern, ruhig und gelassen trägt die 65-Jährige ihre Botschaft vor. Merkels Miene ist meist ernst, sie lächelt aber auch, selbst der ein oder andere Scherz fehlt nicht. In Zeiten der Krise holt die Physikerin ihr wissenschaftliches Handwerkszeug hervor. Sie analysiert, strukturiert, zieht Schlüsse und formuliert Konsequenzen. Aber auch eine Prise Emotion lässt Merkel anklingen. Das kann ein beruhigendes Element in psychologisch belastenden Lagen sein.

Die Kanzlerin mahnt die Gesellschaft, die seit der Migrationskrise vor fünf Jahren teils durchzogen scheint vom Virus des Hasses und der Abgrenzung, zum Zusammenhalt. Es ist ein Satz, der wohl hängenbleiben wird: «Da sind unsere Solidarität, unsere Vernunft, unser Herz füreinander schon auf die Probe gestellt, von der ich mir wünsche, dass wir diese Probe auch bestehen.»

Locker gibt sich Merkel, als sie empfiehlt, wegen der Ansteckungsgefahr auf den gewohnten Handschlag zu verzichten. «Dafür eine Sekunde länger in die Augen gucken und lächeln, und nicht schon mit der Hand beim Nächsten sein, ist auch eine gute Möglichkeit.»

Ob sich ihr Verhältnis zu Spahn in der Krise verbessert hat, will ein Reporter wissen - in der Flüchtlingspolitik war dieser ein scharfer Kritiker. «Aus der Tatsache, dass wir vielleicht in manchen politischen Fragen unterschiedliche Einschätzungen haben - was in einer Volkspartei per se vorkommen muss - zu schließen, dass wir nicht gut zusammenarbeiten könnten, finde ich relativ kühn. Und meinem Wesen fremd», pariert Merkel. Im Kabinett arbeite sie mit Spahn «immer super zusammen und jetzt natürlich noch sehr, sehr viel intensiver». Der Minister setzt mit Blick auf die Journalisten hinzu, «dass unser persönliches Verhältnis schon immer besser war, als die meisten von Ihnen manchmal geschrieben haben».

Ausdrücklich wiederholt Merkel die Zahlen, die ihr die Experten sagen und die sie am Vorabend in der Unionsfraktion referiert hat: Da das Virus in Deutschland angekommen sei und es weder Impfstoff noch Immunität gebe, sei davon auszugehen, dass sich ein hoher Anteil von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infiziere - jedenfalls so lange dieser Zustand so bleibe. Soll später nur keiner sagen, sie habe die Lage verharmlost.

Und Spahn? Seit Wochen agiert der 39-Jährige als oberster Krisenmanager: Spahn im Bundestag, Spahn mit Ministerkollegen, Spahn in einer Notaufnahme. Für seine Präsenz und Besonnenheit, die enge Abstimmung mit Experten und eine offensive Informationspolitik bekommt er Anerkennung bis in die Opposition. Einen «tollen Job» zu machen, bescheinigt ihm auch Merkel. Dabei weiß Spahn, dass das Geschehen kaum kalkulierbar ist - und Einschätzungen schnell überholt sein können. «Stand jetzt, heute», schränkt er vieles ein.

Dabei geht es dem Minister darum, «eine Balance zu schaffen zwischen Einschnitten und einem Alltag, der weitergeht». Er warnt im voraus, will aber nicht pauschal zu radikalen Maßnahmen greifen, wie es Bilder abgeriegelter Gegenden anderswo nahelegen. Fiebermessen an Flughäfen? Warum, wenn die meisten Infektionen mild oder ohne Symptome verlaufen. Flächendeckende Schulschließungen? Wo nötig regional. Denn so etwas habe weitere Auswirkungen, etwa wenn Ärzte oder Polizisten dann ihre Kinder betreuen statt einsetzbar zu sein.

Schwierig macht es die Sache für Spahn, dass sich die Blicke auf ihn richten, wo doch konkrete Krisenmaßnahmen meist Sache der Länder und Kommunen sind. Für Großveranstaltungen baute er gerade per Empfehlung aus Berlin Druck auf, sie bei mehr als 1000 Teilnehmern abzusagen - nach und nach findet die Ansage Widerhall. Die nächste und vielleicht entscheidende Stufe der Bewährung steht aber gerade bevor: Wie sind die Kliniken mit ihren 28 000 Intensivbetten gewappnet, wenn bald etliche Coronavirus-Patienten mit schweren Krankheitsverläufen kommen? Das große Ziel heißt, den erwarteten Andrang zeitlich zu entzerren.

Ohne Risiko ist die Coronavirus-Krise, in der jedes Wort auf die Goldwaage kommt, auch für ihn nicht. Garantien gebe es nicht, baut Spahn vor. Er appelliert, «einander auch unter Stress zu vertrauen». Schon vor ein paar Tagen hat er eine Ermunterung nach Art von Merkels einstigem «Wir schaffen das» in der Flüchtlingskrise formuliert: «Es geht.»

Ein Versprechen wie am 5. Oktober 2008, mitten in der Bankenkrise, gibt auch Merkel an diesem Tag nicht. Mit ihrem Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) war sie damals vor die Mikrofone getreten: «Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind.»

Heute ist die Lage anders. Deutschland sei «am Anfang einer Entwicklung, die wir noch nicht genau voraussehen können», sagt die Kanzlerin zur historischen Dimension ihres Auftritts. «Die Botschaft sollte sein: Wir werden das Notwendige tun als Land» - auch finanziell. Das klingt dann doch wie ein Versprechen.

Von Jörg Blank und Sascha Meyer, dpa


 

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