Sehnsucht nach Öffnung - Wann verschwindet Corona aus dem Alltag?

| Zahlen & Fakten Zahlen & Fakten

Karneval gestrichen, schärfere Grenzkontrollen und der Osterurlaub auf der Kippe: Der Frust über die Einschränkungen in der Corona-Krise wächst. Nun stellt sich CDU-Chef Armin Laschet an die Spitze derer, die nicht immer nur Vorsicht walten lassen wollen - sondern Freiheiten erlauben, wann immer es geht. Soll bald also mehr geöffnet werden - oder sind Hoffnungen auf ein Abflauen der Pandemie verfrüht? Ist eine Normalität wie vor Corona absehbar?

Noch ist ungewiss, ob ab dem 7. März wie geplant tatsächlich die Geschäfte wieder öffnen können. Ob der angepeilte Inzidenzwert von höchstens 35 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen dann erreicht wird. Da wendet sich der CDU-Chef gegen eine Bevormundung im Kampf gegen Corona: «Populär ist, glaube ich, immer noch die Haltung: Alles verbieten, streng sein, die Bürger behandeln wie unmündige Kinder», so Laschet. Es sind andere Töne, als man sie von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Pandemie gewöhnt ist - und Laschet will offenbar die Union damit hinter sich vereinen: «Wenn CDU und CSU hier auch eng beieinanderbleiben, haben wir die Chance, die Bürgerinnen und Bürger, die genau von Politikern diese Abwägung erwarten, und nicht nur eine Antwort erwarten, die wieder auf unsere Seite zu bringen», sagt er.

Bei der Wirtschaft rennt Laschet offene Türen ein. Sie trommelt seit Tagen für eine Öffnungsstrategie - nach dem «Wirtschaftsgipfel» versprach diese auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Sogar Bayerns Trainer Hansi Flick verlangt von der Politik jetzt mehr Engagement, «dass es irgendwann zu einer Normalität kommt».

Kein Jahr ist es her, dass viele mit bangem Gefühl die Ansprache Merkels im Fernsehen hörten. Seit Kriegsende sei Solidarität nicht mehr so gefragt gewesen, sagte sie im vergangenen März. «Diese Situation ist ernst, und sie ist offen.» Längst scheint es vielen mit dieser Art von Offenheit zu reichen - denn kein Ende ist in Sicht.

Merkel mahnt seither immer wieder zur Geduld. «Der vor uns liegende Winter wird uns allen noch viel abverlangen», sagte sie schon im November. Wegen der anrollenden Impfkampagne aber machte sie auch Hoffnung. «Dann können wir Schritt für Schritt das Virus besiegen», meinte Merkel im Dezember. War es eine trügerische Hoffnung?

Mittlerweile sind rund drei Prozent der Menschen in Deutschland geimpft. Und mittlerweile sollen fast alle Pflegeheimbewohner durch den Piks geschützt sein. Sämtliche über-80-Jährigen sollen bis etwa Ende März drankommen. Der Berliner Virologe Christian Drosten wies im NDR-Podcast aber darauf hin, dass diese aber nicht die großen Virus-Verbreiter seien. «Es könnte deswegen dementsprechend so sein, dass wir von der Impfung bis Ostern noch keinerlei Effekt sehen», so Drosten mit Blick auf die Virusverbreitung.

Die Über-60-Jährigen werden nach Berechnungen im Auftrag der Regierung wohl erst bis Mitte/Ende Juni in weiteren Schritten geimpft - erst danach die Jüngeren ohne Vorerkrankungen und zentralen Berufen.

Was man noch nicht weiß: Wie stark sich die ansteckenderen Virusmutationen ausbreiten. Neue Zahlen des Robert Koch-Instituts sollen diese Woche kommen. Die Virologin Melanie Brinkmann stellte im «Spiegel» bereits fest: «Wir kriegen niemals genügend Menschen geimpft, bevor die Mutanten durchschlagen.» Verstärkt zu lockern hieße: Eine massive Infektionswelle nach Ostern anschieben.

«Es hängt jetzt von uns und klugen Öffnungsschritten ab, ob wir ohne eine groß ausgeprägte dritte Welle durch die Pandemie kommen - oder ob wir zu unvorsichtig sind und dann doch vielleicht wieder steigende Fallzahlen haben», mahnte Merkel Ende der Woche. Drostens Frankfurter Kollegin Sandra Ciesek meint im NDR Podcast: «Wenn man jetzt lockern und dem Virus den freien Lauf lassen würde, würde es sicherlich zu einer dritten Welle kommen.»

Gehen die Infektionszahlen in den kommenden Tagen überhaupt zurück wie erhofft? Laschet zeigt sich schon sicher: «Wir werden in Kürze auch die 35 erreichen.» Ministerpräsidenten wie Michael Müller (SPD) aus Berlin oder Reiner Haseloff (CDU) aus Sachsen-Anhalt stimmen die Menschen hingegen schon auf Öffnungspläne beim nächsten Bund-Länder-Treffen am 3. März ein. Der Braunschweiger Immunologe Michael Meyer-Hermann hingegen meint, der 35-er Indizidenzwert werde mit den derzeitigen Einschränkungen womöglich gar nicht erreicht.

Helfen soll nun, Infektionen früh zu erkennen - mit kostenlosen Schnelltests ab 1. März in kommunalen Testzentren, Apotheken oder Praxen. Und mit einem breiten Einsatz von Selbsttests für Laien.

So geht Deutschland Ostern und einer möglichen dritten Welle entgegen - und dann? Vergangenes Jahr erlebten viele nach dem Frühjahrs-Lockdown unbeschwerte Sommermonate. Virologen fürchten in diesem Jahr aber Fluchtmutationen - Virus-Varianten, die der Immunabwehr entgehen.

Bis Ende des Sommers, also 21. September, sollen alle in Deutschland laut Merkel «ein Impfangebot» bekommen. Der Massenschutz könnte im Herbst volle Wirkung entfalten. Doch dass der Einsatz von Masken womöglich das ganze Jahr ratsam ist, brachte Drosten schon im September ins Gespräch.

Denn die Pandemie dürfte weitergehen - auch noch im kommenden Jahr. In den vielen Ländern, die sich kein entsprechendes Impftempo leisten können, könnten sich immer weitere Varianten bilden. Auch für Deutschland erwarte Experten weiter Mutanten, die Anpassungen von Impfstoffen und Schutzmaßnahmen nötig machen. Die Mikrobiologin Sharon Peacock, die in Großbritannien für die Suche nach den Virusvarianten zuständig ist, meinte in einem BBC-Podcst, die britische Mutation ziehe wohl durch die ganze Welt und mutiere dabei womöglich weiter. Wenn das Virus seine Aggressivität verliert, müsse man sich zwar keine großen Sorgen mehr machen. Doch selbst in zehn Jahren werde man immer noch nach neuen Varianten suchen müssen.

Längst wird debattiert, ob die Menschen insgesamt weitermachen können und sollen wie vor Corona. Zum Beispiel was das Reisen oder das Einengen der Lebensräume virustragender Wildtiere anbetrifft. «Die Menschen reden über eine Rückkehr zur Normalität, aber ich bezweifle, dass das möglich sein wird», sagte der emeritierte Yale-Professor Frank Snowden in der «Zeit». Merkel meinte schon im August: «Nicht alles wird wieder so sein wie vor der Corona-Pandemie.»


Notizblock

Internet


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Anspruch auf Urlaubsersatzleistung auch nach Kündigung

Auch wer seinen Arbeitsvertrag vorzeitig und ohne wichtigen Grund kündigt, hat nach Einschätzung eines Rechtsexperten des Europäischen Gerichtshofes Anrecht auf Urlaubsersatzleistungen. Ein endgültiges Urteil wird in den kommenden Monaten erwartet.

Umfrage: Schlechte Homeoffice-Bedingungen machen viele Menschen krank

Das Homeoffice hat viele Vorteile, aber es gibt auch Probleme: Laut einer neuen Umfrage machen schlechte Arbeitsplätze vielen Heimarbeitern gesundheitlich schwer zu schaffen.

Liste der Corona-Risikogebiete in Deutschland

In Deutschland bleiben Corona-Neuinfektionen weiter auf hohem Niveau. Die Auflistung zeigt die Städte und Regionen, in denen die Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen über 50 gelegen haben. (Stand 16.4.2021, morgens, ohne Gewähr)

Neue Ausbildungsverträge auf niedrigstem Stand seit der Wiedervereinigung

In Corona-Zeiten eine Ausbildung starten? Für viele junge Menschen kommt das offenbar nicht in Frage. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung gefallen.

Messe-, Ausstellungs- und Kongressveranstalter: 56 Prozent weniger Umsatz im Jahr 2020

Ob Buchmesse, Hannover-Messe oder ITB oder IAA – die meisten Veranstaltungen dieser Art wurden im Corona-Jahr 2020 abgesagt oder virtuell durchgeführt. Für die Branche bedeutete das 56 Prozent weniger Umsatz als im Vorkrisenjahr 2019, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. 

2021 in die Selbstständigkeit starten – Darauf sollten Gründer achten

Wer den Schritt in die Selbstständigkeit wagen möchte, sieht sich auf Grund der Corona-Pandemie aktuell mit diversen Schwierigkeiten konfrontiert. Dieser Artikel erläutert, worauf Menschen achten sollen, die 2021 in die Selbständigkeit gehen wollen.

Corona-Lage auf Mallorca bleibt entspannt

Auf Mallorca und den anderen Balearen-Inseln bleibt die Pandemie-Lage auch nach dem Besuch von Tausenden Touristen aus Deutschland zu Ostern vorerst weiter entspannt. Binnen 24 Stunden wurden in der Region insgesamt 38 Neuinfektionen und nur ein Todesfall registriert.

Focus und Kununu küren beste Arbeitgeber Deutschlands 2021: Motel One Branchensieger

Auch in diesem Jahr haben Focus und Kununu gemeinsam die besten Arbeitgeber Deutschlands gekürt. In der Branchen-Kategorie Gastronomie, Hotel & Tourismus schaffte es Motel One auf den ersten Platz.

Langes Stehen im Job: Was dem Körper beim Entlasten hilft

Viele Menschen arbeiten in Berufen, in denen sie ständig stehen. Müde und geschwollene Beine, Verspannungen und Rückenschmerzen sind die Folgen. Experten erklären, was Entlastung bringen kann.

Regierungs-Umfrage: Nur jeder zweite Mitarbeiter nimmt Testangebot an

Nur knapp jeder zweite Beschäftigte in Deutschland nimmt derzeit laut einer Umfrage im Auftrag der Bundesregierung ein Corona-Testangebot in Unternehmen an. Konkret sind es 46 Prozent, bei den in Präsenz Beschäftigten ist der Anteil mit 57 Prozent etwas höher.