Studie zum Trinkgeld-Verhalten: Wo Deutsche den Geldhahn zudrehen

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Das in der Dienstleistungsbranche oft als selbstverständlich angesehene Trinkgeld unterliegt einem spürbaren Wandel. In einer aktuellen Analyse für die Fachzeitschrift WiSt – Wirtschaftswissenschaftliches Studium haben Prof. Dr. Sascha Hoffmann und Dr. Frederic Hilkenmeier die psychologischen und sozialen Mechanismen hinter dem Trinkgeld-Verhalten in Deutschland untersucht. Die Ergebnisse, gestützt durch eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts Appinio zeigen, dass etablierte Normen, etwa beim Taxifahren oder im Handwerk, zunehmend an Bedeutung verlieren.

Wo noch Trinkgeld fließt: Erosion alter Gewohnheiten

Die Studie belegt, dass die Bereitschaft, Trinkgeld zu geben, stark von der jeweiligen Branche abhängt. Während der Obolus im Restaurant weiterhin fest verankert ist, bröckelt die Zahlungsmoral in anderen Dienstleistungsbereichen massiv. Die Ergebnisse der Appinio-Umfrage bestätigen, dass die soziale Erwartungshaltung sinkt:

Die soziale Erwartungshaltung ist im Restaurant am höchsten, wo 82 Prozent der Befragten Trinkgeld als üblich erachten. Bei Lieferdiensten halten 66 Prozent der Deutschen Trinkgeld für angebracht. Beim Taxifahren empfindet nur noch jeder zweite Deutsche Trinkgeld als üblich. Bei Handwerkern geben lediglich 35 Prozent der Befragten Trinkgeld. Im Pflegebereich ist es mit 26 Prozent mittlerweile die Ausnahme.

Professor Hoffmann von der Hochschule Fresenius stellt fest: „Was früher selbstverständlich schien, ist es heute oft nicht mehr. Auch wenn uns historische Vergleichsdaten fehlen, zeigen unsere aktuellen Erhebungen, dass klassische Trinkgeld-Normen erodieren: Beim Taxifahren greift nur noch jeder Zweite zum Portemonnaie, beim Handwerker sogar nur noch jeder Dritte. Die soziale Erwartungshaltung verschiebt sich spürbar.“

Die psychologische Wirkung der „Trinkgeldtaste“

Die Untersuchung widmet sich zudem der Digitalisierung des Bezahlvorgangs und der damit verbundenen digitalen Trinkgeldabfrage an Kartenterminals. Entgegen der öffentlichen Debatte hat ein signifikanter Teil der Kartenzahler (43 Prozent) diese Funktion außerhalb von Restaurants bislang noch nicht wahrgenommen.

Die Forscher betonen jedoch die qualitative Veränderung der Interaktion durch die Technik. Der Grundsatz der Freiwilligkeit werde durch die digitale Abfrage nicht formal aufgehoben, aber psychologisch modifiziert. „In Deutschland gilt der Grundsatz der Freiwilligkeit. Wenn man nichts gibt, passiert nichts“, erklären die Autoren. „Durch die digitale Abfrage am Kartenterminal wird der Gast jedoch aktiv aufgefordert, eine Entscheidung zu treffen. Das erzeugt einen psychologischen Druck, den es beim Bargeld nicht gab.“

Die Studie differenziert die Wahrnehmung je nach Servicegrad: Während die Taste im Restaurant mit Service am Tisch oft als hilfreiche „Eselsbrücke“ gegen das Vergessen wahrgenommen wird, kann sie in schnellen „To-Go“-Situationen mit wenig oder keinem Service (zum Beispiel in der Bäckerei) schnell als unangemessen empfunden werden.

Dr. Hilkenmeier von der Hochschule Fresenius erläutert: „Die digitale ‚Trinkgeldtaste‘ ändert die Spielregeln der Interaktion. Im klassischen Bargeldverkehr bin ich frei. Das Terminal aber fragt mich aktiv: ‚Willst du etwas geben oder nicht?‘ Das ist ein deutlicher qualitativer Unterschied. Im Restaurant mit Service kann das als Erleichterung empfunden werden, beim bloßen Überreichen eines Brötchens am Tresen wirkt dieser technische Zwang zur Entscheidung jedoch schnell wie eine Nötigung.“


 

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