Was bedeutet ein Mindestlohn von 15 Euro?

| Zahlen & Fakten Zahlen & Fakten

Millionen Beschäftigte mit sehr schmalem Einkommen könnten ab kommendem Jahr besser verdienen. CDU/CSU und SPD erwähnen in ihrem Sondierungspapier einen möglichen Mindestlohn von 15 Euro ab 2026. Die Kehrseite: Verbraucher müssen sich womöglich darauf einstellen, dass ein Haarschnitt oder ein Restaurantbesuch deshalb teurer werden könnte. Noch ist aber nichts endgültig entschieden.

Wieso soll der Mindestlohn erhöht werden?

Im Wahlkampf hat sich SPD-Kanzler Olaf Scholz für die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns von derzeit 12,82 Euro pro Stunde auf 15 Euro ausgesprochen. Grüne, Linke und BSW hatten die Zielmarke in ihren Wahlprogrammen, die Gewerkschaften sind ebenfalls dafür. Ihr Argument: Die jüngsten Erhöhungen dieser gesetzlichen Lohnuntergrenze seien zu gering ausgefallen im Vergleich zur zeitweise sehr hohen Teuerung. 

Zudem verfehle Deutschland die Vorgaben einer EU-Richtlinie. Demnach soll der Mindestlohn nicht weniger als 60 Prozent des sogenannten Medianlohns eines Landes sein - das ist eine statistische Rechengröße, auch «mittlerer» Lohn genannt. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung rechnet vor, der Mindestlohn müsste nach diesen EU-Vorgaben schon jetzt bei 15,12 Euro liegen.

Wie viele Menschen würden von 15 Euro Mindestlohn profitieren?

In rund 9,5 Millionen Jobs lag der Stundenlohn im April 2024 unter 15 Euro - das sind die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts auf eine Anfrage der Linken. Betroffen ist somit bundesweit etwa jeder vierte Job. Jobs in der Gastronomie wurden zu fast drei Vierteln mit unter 15 Euro pro Stunde entlohnt. Der Deutsche Gewerkschaftsbund geht von insgesamt sechs Millionen Menschen mit Mindestlohn aus.

Wie wird der Mindestlohn festgelegt?

Zuständig ist die sogenannte Mindestlohnkommission der Bundesregierung. Neben der Vorsitzenden Christiane Schoenefeld und zwei Wissenschaftlern sind jeweils drei Mitglieder der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmerseite vertreten. Ziel ist, dass sich die Tarifpartner einig werden und nicht die Regierung entscheidet. Zuletzt wurde die Arbeitnehmerseite allerdings überstimmt. 

Union und SPD setzen darauf, dass die Kommission für die Jahre 2026 und 2027 wieder einen Konsens findet. Eine Empfehlung ist bis 30. Juni fällig. Im Sondierungspapier heißt es: «Für die weitere Entwicklung des Mindestlohns wird sich die Mindestlohnkommission im Rahmen einer Gesamtabwägung sowohl an der Tarifentwicklung als auch an 60 Prozent des Bruttomedianlohns von Vollzeitbeschäftigten orientieren. Auf diesem Weg ist ein Mindestlohn von 15 Euro im Jahr 2026 erreichbar.»

Was bedeutet ein Mindestlohn von 15 Euro für die Beschäftigten?

Der DGB rechnet vor, dass ledige vollzeitbeschäftigte Mindestlohnbeschäftigte bei einer Erhöhung auf 15 Euro rund 2.700 Euro netto im Jahr mehr hätten als jetzt. Die Folge sei: Die Menschen könnten mehr ausgeben und so die Wirtschaft in Deutschland ankurbeln. Und: «Bei rund sechs Millionen Mindestlohn-Beschäftigten kann das gut sechs Milliarden Euro jährlich durch direkte Mehreinnahmen bei der Einkommenssteuer bedeuten», sagt DGB-Vorstand Stefan Körzell. «Auch die Sozialversicherungen würden von insgesamt höheren Löhnen profitieren.»

Was sagen die Arbeitgeber?

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände wehrt sich. Die Kommission berücksichtige in einer Gesamtabwägung auch die Auswirkungen auf die Preise und die Beschäftigung. «Die Arbeitgeber werden in der Mindestlohnkommission darauf achten, dass eine Lohn-Preis-Spirale verhindert wird», erklärt der Verband. Politische Vorgaben seien eine unzulässige Einmischung in die Arbeit der Kommission.

Branchenverbände schlagen Alarm. «Die Erhöhung des Mindestlohns auf 15 Euro bedeutet für viele Friseurunternehmerinnen und -unternehmer eine Kostenlawine, die nicht mehr zu bewältigen ist», so Manuela Härtelt-Dören, Präsidentin des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks. Im schlimmsten Fall drohe ein massives Salonsterben, das viele Arbeitsplätze vernichten würde.

Noch drastischer wird es in einem der dpa vorliegenden Brief des Taxi- und Mietwagenverbands an die Unions-Bundestagsabgeordneten, in dem es heißt: «Ein flächendeckender Mindestlohn von 15 Euro würde wie ein Todesturbo das Taxisterben noch beschleunigen.» 

Welche Folgen hätte das für Kunden?

Wirtschaftsverbände warnen vor Preiserhöhungen. «Die Erhöhung des allgemeinen Mindestlohns sorgt in vielen Betrieben dafür, dass die Personalkosten rapide ansteigen und Preisanpassungen notwendig werden», sagt Friedemann Berg, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks. Da das Bäckerhandwerk in starkem Wettbewerb mit den Waren der Backindustrie stehe, komme es dann möglicherweise zu einer Veränderung des Kundenverhaltens und letztlich zu Umsatzrückgängen. «Kurzum: Immense Kostensteigerungen gefährden Betriebe und damit verbunden Arbeitsplätze.»

Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks erklärt, um die Mehrkosten zu kompensieren, wären Salons gezwungen, ihre Preise deutlich zu erhöhen. Dies könnte dazu führen, dass viele Kundinnen und Kunden auf Friseurbesuche verzichten oder sich der Schwarzarbeit zuwenden. Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, warnte bei einer Anhebung des Mindestlohns auf 15 Euro sogar vor einem Ende für den Obst-, Gemüse- und Weinanbau in Deutschland.

Was sagen Wirtschaftsinstitute?

Vor allem bei konsumnahen Dienstleistungen wie in Restaurants, bei Friseuren oder im stationären Einzelhandel könnten die Preise angeheizt werden, sagt Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). «Wenn die Kunden nicht bereit oder in der Lage sind, die höheren Preise zu zahlen, wird die betreffende Leistung weniger nachgefragt. Das könnte wiederum Einfluss auf die Jobs haben und dazu führen, dass die Kunden auf den Konsum oder die Leistung verzichten müssen.»

Der Arbeitsmarktforscher Johannes Seebauer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagt: «Für betroffene Betriebe ist zu erwarten, dass infolge der durch die Mindestlohnerhöhung höheren Lohnkosten die Unternehmensgewinne zurückgehen werden. Um dem entgegenzuwirken, sind Preiserhöhungen eine mögliche Anpassungsreaktion.» Ob dies möglich ist, hänge davon ab, wie empfindlich Konsumenten auf Preisveränderungen reagieren. (dpa)


Zurück

Vielleicht auch interessant

Nur noch dies und das erledigen, immer ansprechbar sein und dann auch noch Meetings: Viele Menschen leiden unter zermürbendem Stress im Job. Leider lässt sich der nicht immer vermeiden. Aber: Mit ein paar einfachen Strategien lässt er sich besser managen.

Meta nutzt öffentliche Beiträge auf Facebook und Instagram, um seine KI zu schulen. Was Sie verhindern können, was dabei wichtig ist - und wie es mit WhatsApp aussieht.

Tag der Arbeit, Christi Himmelfahrt und Pfingstmontag – im Mai stehen einige Feiertage an. Doch gerade bei Minijobbern, die nicht an jedem Tag der Woche arbeiten, kann das Fragen zu den Themen Gehalt und Arbeitszeiten aufwerfen. Was gilt?

Eine Umfrage unter Personalentscheidern zeigt, dass viele Unternehmen weiterhin auf Anwesenheitspflichten setzen. Gleichzeitig nennen Befragte konkrete Faktoren, die die freiwillige Rückkehr ins Büro beeinflussen.

Die Arbeitskosten im Gastgewerbe in Deutschland sind bis zum Jahr 2025 auf 27,40 Euro je Arbeitsstunde gestiegen. Das geht aus einer Mitteilung des Statistischen Bundesamts (Destatis) hervor. Im Jahr 2020 hatten die Kosten noch bei 20,90 Euro gelegen. Daraus ergibt sich ein Anstieg um 31,1 Prozent innerhalb von fünf Jahren.

Wegen der weltweiten Krisen wollen die Unternehmen in Deutschland nach Angaben des Ifo-Instituts mehr Stellen abbauen. Das entsprechende Beschäftigungsbarometer sank im März um mehr als zwei Punkte auf den niedrigsten Wert seit fast sechs Jahren.

Deutschland zählt zu den Ländern mit den höchsten Arbeitskosten in der EU. Im vergangenen Jahr verteuerte sich die Arbeitsstunde weiter. Wie steht Deutschland im Vergleich zu seinen Nachbarn da?

Bungalow oder Einfamilienhaus mit Obergeschoss? Diese Grundsatzentscheidung prägt Raumaufteilung, Grundstücksnutzung und Wohnkomfort über Jahre. Beide Bauformen haben klare Vorteile – doch sie unterscheiden sich stark in Platzbedarf und Alltagstauglichkeit. Dieser Ratgeber zeigt, welche Lösung zu welcher Lebensphase passt und hilft, 2026 die richtige Wahl zu treffen.

Eine aktuelle Studie zur Außengastronomie zeigt, dass Kartenzahlung von Gästen überwiegend positiv bewertet wird. Wie aus einer Mitteilung hervorgeht, haben 79 Prozent der Befragten bereits einen Besuch in einem saisonalen Gastronomiebetrieb eingeplant, während 77 Prozent die Möglichkeit zur Kartenzahlung grundsätzlich begrüßen.

Die Stimmung der deutschen Verbraucher ist vor allem wegen der Folgen des Iran-Krieges schlecht. Die Einkommenserwartungen sind eingebrochen, Inflationsängste machen sich breit und drücken auf die Kauflaune.