Wirtschaftsverbände: Viele Branchen auch 2021 noch mit Corona-Nachwirkungen

| Zahlen & Fakten Zahlen & Fakten

Viele Wirtschaftsverbände erwarten nach dem Konjunkturabsturz in der Corona-Krise schon 2021 wieder kräftiges Wachstum. Allerdings werden nach Einschätzung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW/Köln) die Zuwächse nicht überall ausreichen, um auf Vorkrisenniveau zurückzukehren. «Das Produktionspotenzial dürfte in der Industrie und auch im Dienstleistungsbereich wohl auch in 2021 vielfach deutlich unterausgelastet bleiben», schreibt das IW auf Grundlage einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage unter Wirtschaftsverbänden. In einigen Bereichen werde die Wirtschaftsleistung erst im Jahr 2022 wieder das Niveau von vor der Corona-Krise erreichen.

«Wir haben das Tal der Tränen erreicht, da wird langsam der Blick nach oben gerichtet», sagte IW-Direktor Michael Hüther der Deutschen Presse-Agentur in Frankfurt. «Im dritten Quartal sollte es schon eine positive Entwicklung geben. Aber es bleibt im zweiten Halbjahr 2020 noch sehr mühsam.»

Das IW befragt regelmäßig Branchenverbände nach ihren Produktionserwartungen, Beschäftigungsperspektiven und Investitionsplanungen. An der aktuellen Sonderumfrage in der Corona-Krise beteiligten sich 31 Verbände - aus Industrie, Bauwirtschaft und dem Dienstleistungssektor.

Fast unisono berichten die Branchen von katastrophalen Ergebnissen im vom «Lockdown» geprägten zweiten Quartal des laufenden Jahres. 5 der 31 Verbände - darunter die Automobilbranche und das Gastgewerbe - gehen davon aus, dass die Produktion in ihrem Wirtschaftszweig im Zeitraum April bis einschließlich Juni um mindestens 50 Prozent unter dem Niveau des Vorjahreszeitraums liegen wird. In weiteren 11 Wirtschaftsbereichen wird mit einem Rückgang um 20 bis 50 Prozent gerechnet. Einzig im Finanzbereich gehen die Verbandsvolkswirte dem IW zufolge von einer derzeit höheren Geschäftstätigkeit aus.

«Die Branchen werden unterschiedlich schnell aus der Situation herauskommen», prognostizierte Hüther. «Der stationäre Einzelhandel zum Beispiel hatte schon vorher strukturelle Probleme angesichts des wachsenden Onlinehandels. Bei Hotels und Gaststätten wird sich die Lage schnell normalisieren, zumal jetzt auch mehr Urlaub in Deutschland gemacht wird. Die Bauwirtschaft dürfte mit kleineren Schleifspuren davonkommen», sagte der IW-Direktor.

«Besonders schwer scheint es mir in der Automobilindustrie zu sein», ergänzte Hüther. «Denn der Umstieg auf alternative Antriebe fordert diese Schlüsselbranche ohnehin erheblich.»

Ab dem dritten Quartal 2020 wird insgesamt mit einer allmählichen Erholung der Wirtschaft gerechnet. Dennoch stellen sich zum Beispiel das Hotel- und Gastgewerbe sowie Teile der Metallindustrie darauf ein, dass sie auch in der zweiten Hälfte dieses Jahres noch erhebliche Einbußen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum werden verkraften müssen. Für 2021 prognostizieren 20 Verbände dann zum Teil kräftiges Wachstum gegenüber dem Krisenjahr 2020.

Hüther zeigte sich zuversichtlich, dass die Wirtschaft in Deutschland nicht noch einmal fast komplett lahmgelegt wird, sollte die Zahl der Corona-Infizierten wieder deutlich ansteigen. «Erstens lernen wir gerade, wie wir das regional machen können, und zweitens ist ein Eingriff in Grundrechte nicht beliebig machbar.» Dazu komme: «Das massive Einschreiten von Regierungen und Zentralbanken verpufft nicht einfach. Von daher bin ich ganz zuversichtlich», sagte Hüther.

Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) pumpen über Anleihenkäufe Milliarden ins System, die Bundesregierung hat für die Jahre 2020 und 2021 ein insgesamt 130 Milliarden Euro schweres Konjunkturpaket aufgelegt.

«Es ist sinnvoll, dass das staatliche Konjunkturprogramm befristet ist. Es geht dabei um Mobilisierung privater Nachfrage, das kann man nicht ewig machen», befand Hüther. «Die Frage darüber hinaus ist: Sind die Investitionsbedingungen in Deutschland angemessen? Hier halte ich eine Überprüfung des Unternehmenssteuerrechts für zentral.» (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Das Delta-Gespenst geht um: Kommt Corona mit Wucht zurück?

Kaum noch Ansteckungen, weniger Beschränkungen und ein lauer Abend mit Freunden: Gefühlt geht die Pandemie zu Ende. Doch Delta und die Angst vor der vierten Welle liegen als Schatten über dem Sommerglück.

Umfrage: Deutsche setzen bei Reisen auf Sicherheit und selbstständige Organisation

Auch bei anhaltenden Corona-Risiken wollen viele Deutsche laut einer Umfrage zum Start der Sommersaison nicht auf das Reisen verzichten - oft ändern sich aber Art und Ziele des Urlaubs. Die selbstständige Organisation der Reisen steht im Vordergrund.

Booking.com-Umfrage: Lieber Urlaub statt EM-Sieg

Laut einer Umfrage des Buchungsportals Booking.com wollen zwei Drittel aller europäischen Fußballfans lieber ihren größten Fußball-Rivalen bei der aktuellen EM gewinnen sehen, statt auf die nächste Urlaubsreise verzichten zu müssen. Die deutschen Fans sehen das übrigens genauso.

Liste der Corona-Risikogebiete in Deutschland

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert Koch-Institut (RKI) binnen eines Tages 842 Corona-Neuinfektionen gemeldet. Vor einer Woche hatte der Wert bei 1489 Ansteckungen gelegen. Die Sieben-Tage-Inzidenz gab das RKI am Sonntagmorgen mit bundesweit 8,8 an (Vortag: 9,3; Vorwoche: 17,3).

Corona-Einschränkungen bremsen Erholung im Gastgewerbe

Nach der zaghaften Erholung in den Vormonaten sanken im April die Umsätze im Gastgewerbe wieder. Die Branche verbuchte 6,3 Prozent weniger Erlöse als im März. Im Vergleich zu Februar 2020, dem Monat vor Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland, lagen die Umsätzeum 68,9 Prozent niedriger.

Vier-Tage-Woche: Wunschvorstellung oder realistisches Modell?

Mehr Freizeit, weniger Stress: Für viele ist die Vorstellung einer Vier-Tage-Woche die Lösung für ein zufriedeneres Berufsleben. Hat die reduzierte Arbeitszeit tatsächlich einen so großen Einfluss? Und was muss man tun, um Vorgesetzte von seinem Wunsch zu überzeugen?

Auch über Grenzen: Reiseabsichten der Europäer wachsen kräftig

Die Zahl der Europäer, die in den kommenden Monaten wieder Auslandsreisen unternehmen möchten, steigt kräftig. Laut einer Umfrage wollen 70 Prozent der Befragten in den kommenden sechs Monaten verreisen. Auch die durchgeführten Buchungen steigen an.

Österreicher geben für ihren Urlaub mehr aus als der europäische Durchschnitt

Eine neue Studie zeigt: Die Österreicher geben im Schnitt 2.088 Euro für Reisen aus. Spendabler sind nur Urlauber aus der Schweiz mit 2.442 Euro, der europäische Durchschnitt liegt bei 1.556 Euro.

Überbrückungshilfe: ETL ADHOGA mit kostenfreiem Hygienekonzept für Gastgeber

Um Gastronomie und Hotellerie bei der Antragstellung der Überbrückungshilfe III bzw. III Plus zu unterstützen, stellt ETL ADHOGA allen Betroffenen eine kostenlose und exklusive Vorlage für Hygienekonzepte in Beherbergungs- und Gaststättenbetrieben zur Verfügung.

Mehrheit will bei Jobwechsel mindestens 11 Prozent mehr Gehalt

Ein Jobwechsel ist für einen Großteil der Berufstätigen nur dann interessant, wenn auch mehr Gehalt dabei herausspringt. Mit weniger als 10 Prozent geben sich die wenigstens zufrieden, so eine Umfrage.