Digitales Trinkgeld in Kritik - Verbraucherzentrale reagiert

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Wer früher an der Cafétheke ein paar Cent Trinkgeld in einen Becher warf, steht heute oft vor einem kleinen Bildschirm mit voreingestellten Prozentsätzen. Die Null-Prozent-Option, also kein Trinkgeld, ist dabei schwerer oder auch gar nicht zu finden, wie Verbraucherschützer kritisieren. 

In Brandenburg hat die Verbraucherzentrale einen Betreiber von Café-Filialen deshalb bereits abgemahnt, wie Vorstand Christian A. Rumpke sagte. Er stellte in Potsdam gemeinsam mit Verbraucherschutzministerin Hanka Mittelstädt (SPD) den Jahresbericht 2025 vor. 

Verbraucherschützer: Trinkgeld muss freiwillig kommen

Wenn die Warteschlange an der Theke lang sei, entstehe ein gewisser Druck, sagte Rumpke. «Und dann drücken Sie mal schnell auf 15 oder 20 Prozent, weil Sie neigen ja zur Mitte.» 

Die Auswahlfelder auf Bezahlterminals sind oft bis 30 Prozent gestaffelt. Es sollte aber gleichwertig auch die Option auswählbar sein, kein Trinkgeld zu zahlen, so Rumpke. 

 «Wir geben alle gerne Trinkgeld, aber es muss freiwillig kommen und darf sozusagen nicht durch solche Muster beeinflusst sein.» Er sprach von «Dark Patterns», gemeint sind damit manipulative Designgestaltungen. Automatische Trinkgeld-Aufforderungen per Bezahlterminal tauchen Rumpke zufolge inzwischen aber auch in völlig unerwarteten Branchen auf - etwa beim Schuhkauf.

Kunden wenig begeistert von digitalem Trinkgeld

Bei einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur gab mehr als die Hälfte der Befragten an, digitale Auswahlfelder fürs Trinkgeld «schlecht» oder «eher schlecht» zu finden. Knapp ein Drittel hält die Auswahloptionen für «gut» beziehungsweise «eher gut». 

Kinder-Ketchup und Babywasser

In Sachen Ernährung stieß die Verbraucherzentrale auf ihrer Ansicht nach unnütze Produkte. Ein Kinder-Ketchup eines brandenburgischen Herstellers etwa enthalte mehr Zucker als die Erwachsenen-Variante. Auch auf spezielles «Babywasser» stießen die Verbraucherschützer - mit dem Zusatz, dass kein Abkochen nötig sei. Rumpke dazu: «Das sind einfach Produkte, die die Welt nicht braucht.»

«Eberswalder Wurst» abgemahnt

Zudem mahnte die Verbraucherzentrale den Hersteller der «Eberswalder Wurst» ab, weil bei Produkten der Herkunftsort unklar bleibe, obwohl «Eberswalder» draufstehe. Die Wurst wird seit der Schließung des Werks in Britz bei Eberswalde nicht mehr in Brandenburg hergestellt. Die weitere Nutzung des Namens «Eberswalder» löste bereits viel Streit aus. 

Tausende Beratungen für Verbraucher

Die Verbraucherzentrale Brandenburg führte im vergangenen Jahr 9.500 individuelle Beratungen für Bürgerinnen und Bürger durch. Ein Schwerpunkt dabei ist der Bereich Energie und Wohnen. Es ging unter anderem um fehlerhafte Strom- und Gasrechnungen oder untergeschobene Verträge. Ministerin Mittelstädt sagte: «Gerade in Zeiten hoher Lebenshaltungskosten und immer komplexerer Angebote brauchen Verbraucherinnen und Verbraucher eine starke, unabhängige Anlaufstelle.»

Praktisch oder nervig? Trinkgeld wählen beim Kartenlesegerät

Andere Länder, andere Sitten. «Die Amerikaner geben meist 20 Prozent Trinkgeld bei meinem Kartenlesegerät. Bei den Deutschen sind es oft 10 Prozent», erklärt Emilia Bieber. «Manche sagen auch "Das ist unverschämt" mit den vorgeschlagenen 10, 15 oder 20 Prozent Trinkgeld», ergänzt die Inhaberin des «Art Cafés» in Assmannshausen im Rheingau. Dabei bietet sie auch die Option «Kein Trinkgeld». Solche Vorschläge zeigen inzwischen viele Lesegeräte bei der Zahlung in Hessens Gaststätten. Welche Auswirkungen hat das auf das Trinkgeld? Was sagt das Finanzamt?

Bundesweit hat bei einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur mehr als die Hälfte der Befragten angegeben, solche digitalen Auswahlfelder für Trinkgeld «schlecht» oder «eher schlecht» zu finden. Knapp ein Drittel hält sie für «gut» oder «eher gut». Mehr als ein Fünftel gibt inzwischen weniger Trinkgeld. Für die Umfrage waren im Dezember 2025 bundesweit 2.060 Bürgerinnen und Bürger befragt worden.

«Kommt Trinkgeld wirklich bei unserer Bedienung an?»

In Hessen vermutet Kai Eifler von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Darmstadt: «Viele Gäste fragen sich bei den Kartenlesegeräten vielleicht: "Kommt mein Trinkgeld wirklich bei unserer Bedienung an oder steckt es sich das Unternehmen ein?"» Eifler vermutet, dass die digitalen Vorschläge daher die Hemmschwelle für Trinkgeld steigern.

Während Corona hat Umfragen zufolge das kontaktlose und als hygienisch geltende Zahlen zugenommen - auch in Restaurants und Cafés. Heute hat NGG-Gewerkschaftssekretär Eifler jedoch zumindest subjektiv den Eindruck, «dass viele in der Gastronomie wieder zu Zahlungen mit Bargeld zurückgekehrt sind». Ein Eiscafé in Eltville im Rheingau etwa hält nach eigenen Angaben nichts von Kartenlesegeräten mit fordernd wirkenden Trinkgeldoptionen. 

Digitale Trinkgeld-Zahlungen in der Drosselgasse

Emilia Bieber, die neben ihrem «Art Café» in Assmannshausen auch ein gleichnamiges Café in der bei Touristen berühmten Drosselgasse in Rüdesheim am Rhein betreibt, zeigt sich dagegen damit zufrieden: Grob geschätzt bekomme sie zehn Prozent mehr Trinkgeld, seitdem sie vor wenigen Jahren ihre Geräte mit der digitalen Auswahl dafür angeschafft habe.

Diese bieten mit der Option «Trinkgeld manuell eingeben» auch die Möglichkeit, selbst statt einer Prozentzahl eine individuelle Geldsumme zu wählen. «Mit den Prozentsätzen aber finden es viele bequem, dann müssen sie nicht rechnen», sagt Bieber. «Manche fühlen sich überfordert, dann helfe ich gerne. Und wenn einer nichts geben will, bin ich auch nicht böse.» 

Bei der häufigen Wahl «20 Prozent» von US-Touristen wiederum profitiere sie davon, dass in deren Heimat in der Gastronomie generell höhere Trinkgelder niedrige Löhne ausgleichen sollten, erklärt Bieber, die ihre beiden «Art Cafés» mit Werken ihres Künstler-Lebenspartners Uwe Hellenbrandt dekoriert hat. 

Trinkgeld als Argument in Lohnverhandlungen?

Gewerkschaftssekretär Eifler sagt, auch hierzulande komme es in der Gastrobranche vor, dass Arbeitgeber «als probates Mittel» in Lohn- und Gehaltsverhandlungen auf das Trinkgeld verwiesen, um ihre Bezahlung zu drücken.

Mit Blick auf die Wirtschaftsflaute vermutet Eifler, «dass die Höhe des Trinkgeldes eher rückläufig ist». Die Faustregel, bei Zufriedenheit mit dem Service die Rechnungssumme um zehn Prozent zu erhöhen, werde heute wohl oft unterboten.

Wie bewerten Finanzämter Trinkgeld?

Und was sagen Finanzämter zu bar und digital gezahltem Trinkgeld in Gaststätten? Sie haben die Branche generell im Blick - vereinzelt macht hier Schwarzgeld Schlagzeilen. Die Gastronomie gilt laut Experten als «bargeldintensiv»: Einnahmen ließen sich relativ leicht vor dem Fiskus verstecken - was aber natürlich keinen Generalverdacht rechtfertigt.

Generell können für die Einnahmen von Gastronomen verschiedene Arten von Steuern anfallen. Und für das Trinkgeld? 

Trinkgeld für angestellte Kellner ist steuerfrei

Wenn Gäste freiwillig und ohne Rechtsanspruch der Bedienung eine zusätzliche finanzielle Anerkennung zukommen lassen wollen, ist diese steuerfrei, wie die Oberfinanzdirektion (OFD) Frankfurt am Main erläutert. Eine Höchstgrenze dafür gibt es nicht. Und ob Gäste Trinkgeld bar oder digital zahlen, ist egal. 

Eine Ausnahme bilden laut der OFD Pflicht-Bedienzuschläge: Hat eine Kellnerin oder ein Kellner einen etwa im Arbeitsvertrag geregelten Rechtsanspruch auf solche zusätzlichen Zahlungen, sind diese steuerpflichtig. 

«Dass das Trinkgeld auf sein Wohl vertrunken wird»

Auch bei selbstständigen Gastronomen, also Unternehmern, gilt der OFD zufolge die Steuerfreiheit beim Trinkgeld nicht. Dieses erhöht vielmehr seine Betriebseinnahmen und muss in die Berechnung der Umsatzsteuer einbezogen werden. 

Laut dem Deutschen Knigge-Rat mit Sitz im nordhessischen Frielendorf ist der Ausdruck «Trinkgeld» schon im späten Mittelalter aufgetaucht. Die ursprüngliche Absicht eines Spenders bei der Anerkennung einer Dienstleistung sei gewesen, «dass das Trinkgeld auf sein Wohl vertrunken wird».


 

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