Bei der Brandkatastrophe in Crans-Montana haben die Schweizer Ermittler Feuerwerkskörper als Auslöser im Verdacht. «Wir gehen derzeit davon aus, dass das Feuer von bengalischem Feuerwerk ausgegangen ist, das in Champagnerflaschen steckte und das zu nah an die Decke kam», sagte die Generalstaatsanwältin im Kanton Wallis, Beatrice Pilloud.
Das deckt sich mit Foto- und Videoaufnahmen aus der Bar, die in sozialen Medien kursieren und von Faktencheckern als höchstwahrscheinlich authentisch beschrieben werden. Bei dem Brand in einer Bar in der Silvesternacht waren nach neuesten Angaben 40 Menschen ums Leben gekommen und 119 größtenteils schwer verletzt worden.
Strafuntersuchung wird geprüft
Um was für Pyrotechnik es sich genau handelte, wird unterschiedlich beschrieben. Pilloud sprach abwechselnd auch von Wunderkerzen, ein Schweizer Feuerwerksexperte von «Partyfontänen». Dabei schießt anders als bei Wunderkerzen eine Fontäne mit großem Druck nach oben.
Der Zeitung «Blick» berichtete ein Überlebender: «Eine Frau saß auf den Schultern einer anderen Dame. Sie hatte zwei Flaschen mit Wunderkerzen.» Die Kerzen hätten die Decke berührt, die plötzlich Feuer gefangen habe.
Ob das Feuerwerk legal gezündet wurde, ob die Schaumstoffplatten an der Decke, die Feuer fingen, regelkonform waren - das könne noch nicht beantwortet werden, sagte Pilloud. Auch, ob alle Brandschutzvorkehrungen eingehalten wurden, sei noch Gegenstand der Ermittlungen.
Die französischen Besitzer der Bar und Überlebende seien als Zeugen gehört worden. «Es wird geprüft, ob eine strafrechtliche Verfolgung wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet wird», sagte sie. Bisher gebe es dafür aber keine Anhaltspunkte, betonte sie.
Vor allem Schweizer, Franzosen, Italiener unter Verletzten
Bei dem Unglück waren am frühen Neujahrsmorgen nach neuesten Angaben 40 Menschen ums Leben gekommen und 119 größtenteils schwer verletzt worden. «Viele kämpfen noch um ihr Leben», sagte der Regierungschef des Kantons Wallis, Mathias Reynard. 113 der Verletzten seien identifiziert worden. Darunter seien 71 Schweizer, 14 Franzosen, elf Italiener und vier Serben. Einzelne Verletzte stammten aus Bosnien, Belgien, Luxemburg, Polen und Portugal. Deutsche nannten die Behörden nicht. Mehrere Verletzte wurden in deutschen Kliniken behandelt.
Zur Identität der Todesopfer machte die Polizei noch keine Angaben. In solchen Situationen sind Opfer nach Expertenangaben oft so verbrannt, dass eine Feststellung der Identität nicht einfach ist. Für verzweifelte Familien, die ihre Kinder vermissen, ist das Warten unerträglich.
Unter den Verletzten ist etwa Tahirys D. (19), wie der Fußballclub FC Metz berichtet. Er werde in einer Klinik in Deutschland behandelt. Die Gedanken der Verantwortlichen und Spieler seien bei ihm und seiner Familie.
Mutige Passanten halfen Verletzten
Die Bar «Le Constellation» war nach Angaben von Anwohnern von Crans-Montana besonders bei Teenagern beliebt. Die meisten Opfer dürften deshalb Minderjährige und junge Erwachsene gewesen sein.
Inmitten von Chaos und Panik haben mutige Passanten bei dem Flammeninferno ihr Leben riskiert, um Verletzte zu retten. «Einer kam mit brennender Jacke rausgerannt, ich habe so gut es ging versucht, die Flammen zu ersticken», berichtete Théo (19) im Schweizer Fernsehen RTS. Dennis (20) beschrieb eine volle Treppe, auf der zahlreiche Verletzte verzweifelt die Hände in die Luft reckten: «Wir versuchten, sie zu packen und nach draußen zu ziehen.»
Andere Passanten berichteten von Verletzten mit brennenden Haaren und versengten Gesichtern. Mathis (20) sagte, sie hätten sich der Menschen angenommen, auf sie eingesprochen, als sie das Bewusstsein verloren und sie beruhigt, bis die Krankenwagen eintrafen.
Warum so viele umkamen - eine Theorie
Warum so viele Menschen umkamen, könnte mit einem Phänomen zusammenhängen, das als «Flashover» bekannt ist. Die Kantonsregierung des Wallis stellte dies in einer Medienmitteilung als Fakt dar, ohne dafür aber eine Quelle zu nennen. Eine Brandschutzsachverständige verglich in der ARD einen mit einer Feuerwalze. Durch heiße Rauchgase fangen schlagartig alle brennbaren Materialien wie bei einer Explosion Feuer. Die dabei entstehende Hitze mit bis zu 1.000 Grad ist nach Expertenangaben ohne Schutzkleidung kaum zu überleben.
Brand in Schweizer Skiort - Was wir wissen – und was nicht
Eine Silvesterparty im Schweizer Nobel-Skiort Crans-Montana endet in einer Tragödie. In einer Bar mit Hunderten Feiernden bricht ein Feuer aus, 40 Menschen sterben. Was bisher bekannt ist - und was nicht.
Was wir wissen
- Das Unglück: In der Silvesternacht ist es im Schweizer Ferienort Crans-Montana (Kanton Wallis) zu einem schweren Brand in der Bar «Le Constellation» gekommen. Diese hatte nach eigenen Angaben eine Kapazität von 300 Plätzen.
- Die Opfer: Nach Behördenangaben sind bei dem Feuer 40 Menschen ums Leben gekommen. 119 wurden verletzt, 113 von ihnen konnten identifiziert werden. Unter den Verletzten sind 71 Schweizer, 14 Franzosen, 11 Italiener und 4 Serben. Die meisten Schwerletzten sind zwischen 16 und 26 Jahren alt.
- Der Zustand der Verletzten: Von den 119 Verletzten befinden sich viele in kritischem Zustand. Es gebe eine große Anzahl von Patienten, die intubiert und in ein künstliches Koma versetzt werden mussten, sagte Fredy-Michel Roten, Direktor der Kantonalen Walliser Rettungsorganisation (KWRO).
- Die Ursache: Die Ermittler halten es für wahrscheinlich, dass Feuerwerk den Brand ausgelöst hat. Es habe in Champagnerflaschen gesteckt und sei zu nah an die Decke gekommen, sagte die Generalstaatsanwältin im Kanton Wallis, Beatrice Pilloud.
- Die Uhrzeit: Nach Angaben der Kantonspolizei Wallis brach das Feuer gegen 1.30 Uhr aus.
- Die Hintergründe: Die Ermittler gehen nach eigenen Angaben von einem Unglück und nicht von einem Anschlag aus.
- Die Rettungsarbeiten: Wie das Kanton Wallis mitteilte, waren in der Nacht 13 Helikopter und 42 Rettungswagen zur Versorgung der Opfer im Einsatz. 150 medizinische Rettungskräfte kümmerten sich um die Verletzten und ihren Transport in Krankenhäuser. Auch internationale Unterstützer - etwa aus Italien - waren an dem Einsatz beteiligt.
- Die Reaktionen: Das Unglück hat bei Anwohnern, Touristen und Politikern Erschütterung ausgelöst. Unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Außenminister Johann Wadephul (CDU) äußerten ihre Bestürzung. Am Neujahrsabend beteten in der Kirche von Crans-Montana 400 Gläubige in einer Messe mit dem Bischof von Sitten, Jean-Marie Lovey, für die Opfer.
Was wir nicht wissen
- Brandursache: Die Kantonsregierung des Wallis schrieb in einer Mitteilung zwar von einem «Flashover» in der Bar. Mit dem Ausdruck wird der sekundenschnelle Übergang eines kleinen Feuers zu einem Großbrand bezeichnet. Das passiert durch riesige Hitze, die brennbares Material so zersetzt, dass es bestimmte Gase bildet und dann auch ohne Flammenkontakt sekundenschnell in Brand gerät. Die Ermittler gehen als Ursache von den Feuerwerkskörpern aus, die in den Champagnerflaschen steckten und die Decke entzündet haben. Zu einem möglichen Flashover-Effekt äußerten sie sich nicht.
- Die Sicherheitsvorkehrungen in der Bar: Generalstaatsanwältin Pilloud äußert sich auf Nachfrage nicht dazu, ob die Bar über die korrekten Notausgänge verfügte und ob diese auch funktionierten. Auch die Frage, ob die Treppe, die nach Angaben von Besuchern zu eng war, um sich schnell vor den Flammen zu retten, regelkonform war, ließ sie offen. Eine Untersuchung werde zeigen, ob Sicherheitsmaßnahmen eingehalten worden seien. Es sollen unter anderem Handys ausgewertet werden, die am Unglücksort sichergestellt wurden.
- Die Identität der Opfer: Über die Identität der Todesopfer ist bislang nichts bekannt. Auch ob Deutsche von dem Feuer betroffen waren, ist offen. Das Auswärtige Amt steht mit den Behörden in Verbindung. Die meisten Schwerletzten sind zwischen 16 und 26 Jahren alt.
- Die Ermittlungen: Nach Angaben von Pilloud wurden Videos und erste Spuren gesichert sowie mehrere Personen vernommen. Bei den Zeugenaussagen handele es sich um die französischen Betreiber der Bar und Gäste der Bar, die entkommen konnten. «Es wird geprüft, ob eine strafrechtliche Verfolgung wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet wird», sagte die Generalstaatsanwältin. Das wäre der Fall, wenn es eine Verantwortung noch lebender Personen gebe. (dpa)











