Instagram in der Gastronomie: Restaurants als Kunstwerk

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Das Schöne an der Gegenwart sind die widersprüchlichen Trends. So lässt sich unsere Zeit einerseits als Katastrophe mit Krieg, Inflation, Klimakrise und Abstiegsängsten erzählen, andererseits aber auch als Rückkehr der Goldenen Zwanziger, in denen Leute bei abflauender Corona-Krise wieder gern chic essen gehen. Du bist, WAS du isst, aber auch, WO du isst. Trend Eskapismus. Die Flucht aus dem Alltag in eine filmreife Welt scheint angesagt. Eine Zeitgeistfrage - oder besser Frage der Freizeit - lautet wohl: Wird das Ausgehen immer mehr für soziale Netzwerke inszeniert?

«Alles in dieser Bar ist als Erlebnis konzipiert», schrieb das Berliner Stadtmagazin «Tip» über die auf weltstädtisch gemachte «Bellboy Bar» am Gendarmenmarkt, in der Drinks zum Beispiel in einer Mini-Badewanne mit Entchen serviert werden. Das Bar-Restaurant mit mystisch-plüschiger Einrichtung (Zutritt erst ab 25 Jahren) ist ein Import aus der Szenemetropole Tel Aviv. Es ist nur beispielhaft für weitere fotogene Neueröffnungen in der deutschen Hauptstadt wie etwa auch das California-Dining-Lokal «MQ» am Kurfürstendamm.

Das Trendportal «Mit Vergnügen» bewunderte jüngst das neue italienische Restaurant «Coccodrillo» im Berliner Weinbergspark mit den Worten: «Das Interieur ist eine wilde Mischung aus Seventies, Hollywood, Diner und Italo-Disco.» Es handelt sich deutschlandweit um die zweite Trattoria von Big Squadra, dem deutschen Zweig der Big Mamma Group, die bislang zum Beispiel in Paris, London, Madrid, Marseille und Monaco Aufsehen erregte. Big Mammas Design-Studio Kiki entwirft gern knallig bunte Retro-Kitsch-Gasträume.

Schon im Juni hat die Restaurantgruppe das opulent-florale «Giorgia» in München-Haidhausen eröffnet, das «Der Spiegel» als «Edelitaliener für die Instagram-Generation» beschrieb - und verriss: «Wie soll es hier schmecken, bei so viel Geschmacklosigkeit?»

Die Big-Squadra-Kommunikationsbeauftragte Chiara Baumgartner entgegnet: «Es ist nicht unser Ziel, als Instagram-Restaurant zu gelten. Doch wenn etwas schön ist und außergewöhnlich, dann werden Fotos gemacht und die Leute wollen es teilen. So ist das nun mal.»

Zum Fotografieren geeignete Bars und Restaurants gibt es natürlich schon lange - sei es wegen der Aussicht, ihrer Lage am Wasser oder ihres beeindruckenden Raumes. Schon im Laufe der Zehnerjahre fiel jedoch auf, dass selbst in langweiligeren Lagen das Design von Cafés hipper wurde, die Gastrowelt zum Global Village mutierte.

Egal, ob in New York oder Neuss, Barcelona oder Bielefeld: Glühbirnen mit sichtbaren Leuchtfäden, Vintage-Möbel, Neonschriftzüge, Backstein- oder Betonwände, Kreidetafeln, Blumenampeln, Klemmbrett-Speisekarten oder gar das Fahrrad an der Wand. Warum auch immer.

«Inzwischen ist die Gastrowelt einen guten Schritt weiter als bloß "instagrammable" sein zu wollen - es geht um das Live-Erlebnis, denn nur so können analoge Angebote gegen die digitale Welt bestehen», sagt die Verlegerin Marcella Prior-Callwey in München.

Ihr Callwey-Verlag lobt jährlich einen Wettbewerb zu den «schönsten Restaurants und Bars» in Deutschland aus - in Zusammenarbeit mit dem Bund Deutscher Innenarchitekten, dem Hotel- und Gaststättenverband und anderen Partnern.

«Restaurants sind die neuen Theater, sie werden als Gesamtkunstwerk konzipiert», sagt Prior-Callwey. Die Macher zielten darauf, alle Sinne anzusprechen mit eklektischem Design, abgestimmter Musik und attraktiven Speisen. Besucher wollten sich dort die bestmögliche Zeit machen statt nur anderen im Internet zuzusehen. «Sie sagen sich: Wenn ich Geld ausgebe und Zeit investiere, dann muss es umwerfend sein.»

Als Vorreiter dieses sogenannten Megatrends, der nun verstärkt im deutschsprachigen Raum ankomme, sieht Prior-Callwey unter anderem die britische Hauptstadt London. Dort wiesen exklusive Brasserien wie «Sexy Fish», «Amazonico», «Sketch» oder «The Maine Mayfair» den Weg.

In solchen Lokalen, sagt Prior-Callwey, gebe es oft ungewöhnliche Kombinationen auf dem Teller und neue Ideen, wie Gerichte präsentiert werden - sei es für eine Person oder zum Teilen (Sharing). «Viele Gästen wollen in solchen Großstadtlokalen sehen und gesehen werden, aber es geht vor allem um den realen Moment, den man da möchte.»

Die edle Erlebnisgastronomie stelle sich unserer überfrachteten Gegenwart, in der alle - von den klassischen Kulturinstitutionen bis hin zu Medien und Streamingdiensten - um die Geldbeutel und vor allem Zeit und Beachtung der Kunden konkurrierten. «Wir werden alle mit Angeboten, die um Aufmerksamkeit heischen, überschüttet. Und da muss man was bieten und möglichst überwältigend die Zeit füllen - und das genau tun diese Restaurants.» (dpa)


 

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