Riccardo Cotarella: Wein-Flüsterer der Promis

| Gastronomie Gastronomie

Die kleine Straße windet sich mit großen Schwüngen im Hügelland Umbriens aufwärts. Dann biegt man um die nächste Kurve und befindet sich mitten zwischen den Weinbergen. Hier, in der Mini-Gemeinde Montecchio, liegt der Weinkeller der Familie Cotarella. Von diesem Winzerhof mit weltweitem Ruf steuert Riccardo Cotarella sein Netzwerk: Er berät Promis von Sting bis zum Papst, er verhilft ihnen zu Erfolgen mit einem guten Tropfen. Mit seiner Gabe als Wein-Flüsterer, der aus roten wie weißen Rebsorten das Besondere herausholt, genießt der Unternehmer in Italien selbst Star-Ruhm.

«Einen Wein zu machen ist ein Projekt», sagt der 72-Jährige. Säure und Zucker in den Trauben zu analysieren, den Boden zu studieren, das gehöre dazu - «klar!» Aber im Kern geht für es für ihn um Emotionen und Leidenschaft, um die Arbeit mit lebendiger Natur. Cotarella sitzt auf dem Hof vor einer Regalwand, an der die Qualität seiner Weine mit Urkunden und Trophäen dokumentiert ist. Er spricht von den menschlichen Banden zwischen allen, die daran mitwirken.

Cotarella erzählt von der eigenen Familie, von alten Weingütern, die er betreut, reichen Kunden, Politikern wie Massimo D’Alema, der katholischen Kirche und dem Weinanbau in Israel und Palästina, der für ihn auch ein Friedensprojekt ist. Gestartet war er 1979 mit seinem Bruder Renzo mit dem eigenen Gut Falesco in Montefiascone in der Region Latium. Inzwischen liegt der Firmensitz weiter nördlich in Umbrien. Rund 200 Hektar gehören den Cotarellas, verteilt auf die beiden Regionen. Weitere 60 sind dazu gepachtet.

Ein Großteil der Verantwortung der Güter ging 2016/17 an die nächste Generation - an drei Töchter der Brüder. Arbeit hat der Weinmacher genug: «Ich berate über 100 andere Weingüter.» Etwa in Japan, Russland, Frankreich, den USA - und quer durch Italien. Rund 20 Assistenten unterstützen ihn - zumeist seine Ex-Studenten. «Wir haben die gleiche Philosophie», sagt der Önologe, der als Dozent an der Universität Tuscia in Viterbo unterrichtet.

Seine Beratung habe etwas «Totales»: Von der Auswahl der Weinberge und Reben über den Zeitpunkt der Traubenernte, den Einsatz von Hefen, die Gärung, die Flascheneinfüllung bis zur Vermarktung. Und ganz wichtig für ihn: der persönliche Kontakt zu allen Beteiligten. Während des Gesprächs klingelt das Telefon mehrfach, Cotarella hat den kabellosen Handyknopf ständig im Ohr.

«Einen Wein zu machen, bedeutet eine Beziehung zu entwickeln zum Besitzer des Betriebs. Man muss dessen Ziele und Gefühle kennen», betont er. Corarellas Art und sein Ruf haben auch den britischen Musiker Sting («Message In A Bottle», «Englishman In New York») und dessen Frau Trudie Styler begeistert. Das Paar besitzt das Weingut «Il Palagio» in der Toskana.

Unlängst organisierte der Italiener für Sting ein Test-Event übers Internet. Vier Flaschen wurden vorher verschickt. Rund 70 internationale Weinfans rochen und probierten, darunter einen Chianti Riserva und einen Vermentino. «Wir wollten Wein und Musik in einem Projekt verbinden», beschrieb der Musiker die Ziele von «Il Palagio». «Im Wein soll immer etwas Überraschendes sein - genau wie in einem Song», erzählte der 69-Jährige. «Riccardo ist ein strenger Lehrer und Aufgabensteller.» Trudie, aus London zugeschaltet, ergänzte: «Er teilt sein Wissen und inspiriert uns alle.»

Davon möchte auch Papst Franziskus (84) profitieren. Der Vatikan beauftragte Cotarella, in Castel Gandolfo bei Rom am langjährigen Sommersitz der katholischen Kirchenführer auf zwei Hektar Wein zu erzeugen. «Ich habe den Weinberg angelegt», erzählt er, und seine Augen hinter der eckigen Brille strahlen. Zwar wohnt Franziskus in der Residenz eigentlich nicht mehr. Aber er stehe hinter diesem Projekt. «Das ist ein wunderbares Abenteuer.»

Dass ein Weinbau-Berater wie Cotarella selbst zum Star wird, sagt einiges über das Genussland Italien. In der Modewelt, bei Design, Architektur und eben bei Essen und Trinken gibt dort oft Leidenschaft die Richtung vor. Qualität und Expertise werden durch Familientraditionen untermauert.

In Deutschland ist im Weinbau vieles anders organisiert. «Bei uns gibt es den Lehrberuf des Winzers. Dadurch wird eine solide Basis an Kenntnissen vermittelt», sagt Professor Ulrich Fischer, Leiter des Instituts für Weinbau und Önologie - also Kellerwirtschaft - in Neustadt/Rheinland-Pfalz. Hinzu komme eine breite staatliche Beratung im Zuge der Erwachsenenbildung. Dabei geht es etwa um Düngung, Anpassung an den Klimawandel, neue Rebsorten, die weniger Chemie brauchen, aber auch um Grundwasserschutz und Vermarktung.

Wenn Riccardo Cotarella den Erfolg seiner Produkte beschreiben soll, sagt er: «Es geht nicht nur um Farbe, Duft und Geschmack. Ich muss auch über die Seele und die Geschichte eines Weins reden.» Viele seiner Kunden seien in anderen Sektoren bereits hoch erfolgreich. «Aber der Erfolg, den du mit Öl oder Musik erzielt hast, reicht irgendwann nicht mehr. Die Leute möchten etwas Lebendiges, was näher an der Natur ist - wie Wein», berichtet er. «Die Leute wollen sagen: Mein Wein», so fasst er zusammen. «Mein Wein hört sich fast an wie mein Kind.» (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Seit Ewigkeiten galt auf der Wiesn: Sechs Münchner Biere gibt es dort - und kein einziges mehr. Doch die Bier-Frage wird nun endgültig zum Politikum. Denn eine Brauerei plant die Revolution.

In Mainz-Gonsenheim setzt das Weingut St. Antony auf ein Gastronomiekonzept, das die Tradition der klassischen Eckkneipe aufgreift. Unter dem Namen Heiliger Anton wurde ein Pop-up-Restaurant eröffnet, das den Fokus auf soziale Interaktion und eine unkomplizierte Bewirtung legt.

Im Salzburger Hotel und Restaurant Cool Mama sorgt eine strikte Bekleidungsvorschrift für öffentliche Diskussionen. Einer Frau wurde bei der Reservierungsanfrage für das Sky-Restaurant eine Absage erteilt, da sie ein Kopftuch trägt. Das Gastronomieunternehmen beruft sich auf die Hausordnung, während die Betroffene den Vorwurf der Diskriminierung erhebt.

Pizza Hut steht vor einem bedeutenden Umbruch auf dem US-Markt. Die Muttergesellschaft Yum! Brands hat die Schließung von 250 leistungsschwachen Standorten angekündigt und prüft derzeit strategische Optionen für die Zukunft der Marke.

Die Hamburger Systemgastronomie-Kette Schweinske gibt die Mehrwertsteuersenkung ab März 2026 über gezielte Preisnachlässe an ihre Gäste weiter. Damit wählt das Unternehmen einen anderen Weg als weite Teile der Branche.

Vom 19. Februar bis zum 1. März lädt das Feinschmeckerfestival «eat! Berlin» zu besonderen kulinarischen Angeboten ein. Braucht man Anzug und Kleid? Und muss man wissen, wo welches Besteck liegt?

Die Gewerkschaft NGG fordert nach Bekanntwerden neuer Zahlen zu Mindestlohnverstößen im Gastgewerbe eine personelle Verstärkung der Finanzkontrolle Schwarzarbeit und eine verpflichtende digitale Zeiterfassung.

Das Berliner Drei-Sterne-Restaurant Rutz ordnet seine Küchenstruktur neu. Nach zwölf Jahren hat der bisherige Küchenchef Dennis Quetsch den Betrieb in Berlin-Mitte zum Jahreswechsel auf eigenen Wunsch verlassen. Die Nachfolge treten zwei Talente aus den eigenen Reihen an, die künftig unter der Leitung von Küchendirektor Marco Müller eine Doppelspitze bilden.

In eine Gaststätte selbst Wein mitzubringen ist in Thüringen eine Seltenheit – verbreiteter sind andere Formen des «Korkengeldes». Was das heißt, was Gäste beachten sollten und was Wirte davon haben.

Das Kölner Zwei-Sterne-Restaurant Ox&Klee und die Hugo-Boss-Tochter Eightyards gehen eine langfristige Kooperation ein. Das Küchenteam wird künftig mit Arbeitskleidung ausgestattet, die aus ressourcenschonenden Stoffüberhängen gefertigt ist.