Von Goethe zu Gucci? Streit um Roms historisches Kaffeehaus

| Gastronomie Gastronomie

In Rom mangelt es nicht an geschichtsträchtigen Orten. Doch im Antico Caffè Greco, angeblich dem ältesten Kaffeehaus der Stadt, verdichten sich Geschichte, Kunst und Literatur. Seit Anfang August sind die Türen verriegelt. Offiziell wegen Ferien, in Wahrheit aber steht die Zwangsräumung bevor. Am 1. September soll vorerst Schluss sein.

Noch vor Kurzem lockte das Antico Caffe Greco Besucher an, die sich von seiner Geschichte verzaubern ließen. Die Terrasse, die heute verwaist wirkt, war einst belebt von Touristen, die auf die Spanische Treppe blickten. Auch wohlhabende Kunden mit Einkaufstüten aus den Boutiquen der Via dei Condotti, einer der edelsten Einkaufsstraßen Europas, kehrten hier ein. So wurde das Café zu einer Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Schon der Dichter Johann Wolfgang von Goethe war hier mit seinem Freund, dem Maler Johann Tischbein, zu Gast. Der Schriftsteller Giacomo Casanova kehrte ein, und auch der Komponist Franz Liszt sowie der Philosoph Arthur Schopenhauer zählten zu seinen Gästen. Gedanken wurden hier nicht nur ausgetauscht, sondern auch geboren. So schrieb Nikolai Gogol im Greco seinen Roman «Die Toten Seelen». Von Papst Leo XIII. bis hin zu Filmstar Sophia Loren und Regisseur Federico Fellini blieben Glanz, Glamour und Geschichte erhalten. 

Streit um Miete und Zukunft

Seit 2017 schwelt ein Konflikt mit dem Eigentümer, dem Israelitischen Krankenhaus von Rom. Damals lief der Mietvertrag aus. Nach Angaben der Betreiber, des Ehepaars Carlo Pellegrini und Flavia Iozzi, sollte die monatliche Miete von 22.000 auf 120.000 Euro steigen. Das Krankenhaus verweist auf den hohen Marktwert der Gebäude an der Via dei Condotti.

Das Krankenhaus betonte jedoch mehrfach, dass das Café nicht verschwinden werde. Zwar sei mit den bisherigen Betreibern keine Einigung möglich gewesen, doch solle das traditionsreiche Lokal von neuen Geschäftsführern weitergeführt werden – mit Respekt vor seinem historischen Charakter. Zugleich machte das Krankenhaus deutlich, dass es als gemeinnützige Einrichtung handelt: Die Einnahmen aus seinen Immobilien würden seit jeher vollständig in die öffentliche Gesundheitsversorgung fließen. Deshalb strebe man eine marktgerechte Miete an, um die Versorgung aller Bürger zu sichern.

Die Betreiber klagten gegen die Kündigung - und verloren in allen Instanzen. Der Räumungsbefehl wurde vom Kassationsgerichtshof bestätigt. Doch die Vollstreckung wurde immer wieder verschoben. Zuletzt griff am 20. Februar die staatliche Rechtsvertretung (Avvocatura di Stato) ein und setzte die Zwangsräumung zunächst auf den 29. Juli, dann auf den 1. September fest – mit Verweis auf den historischen Wert des Cafés und in der Hoffnung, eine Lösung zu finden.

Zwischen Denkmalschutz und verschwundenen Möbeln

Die Betreiber wiederum verweisen auf den Denkmalschutz. Schon 1953 und erneut 2024 erklärten entsprechende Dekrete Gebäude und Ausstattung zu einer untrennbaren Einheit. An den Türen des Cafés hängt inzwischen eine Petition: «Verteidigen wir die Kultur. Setzen wir das Gesetz durch. Geschichte kann nicht mit einem Räumungsbeschluss ausgelöscht werden.» 

Doch die Gerichte legten das enger aus. Der Schutz bedeute nicht, dass das Café weiterbetrieben werden müsse. Er solle nur eine Nutzung verhindern, die die Substanz gefährden könnte. Anfang August kontrollierten Carabinieri der Denkmalschutzbehörde die Räume. Zuvor war aufgefallen, dass zahlreiche Einrichtungsgegenstände verschwunden waren, wie die Zeitung «La Repubblica» berichtete. Kunstwerke, Skulpturen und Möbel waren in zwei Garagen ausgelagert worden. Die Beamten erstatteten Anzeige. 

Die Betreiber erklärten, sie hätten die Stücke wegen Problemen mit der Elektrik vorsorglich ausgelagert - zudem, seien die Gegenstände ihr Eigentum. «Wenn das Israelitische Krankenhaus sie kaufen möchte, werden wir sehen, ob wir bereit sind, sie zu verkaufen», zitierte sie «La Repubblica». Belege für das Eigentum liegen bislang nicht vor. Der Rechtsstreit dürfte langwierig werden.

Kaffeehauskultur als Kulturgut

Das Greco steht in einer Tradition, die weit über Rom hinausweist. Im Wiener Café Central diskutierten Sigmund Freud sowie Leo Trotzki ihre Ideen; im Pariser Café de Flore prägten Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Picasso und Eugène Ionesco den modernen Geist. Solche Häuser waren nie bloß Orte des Konsums – sie wurden zu Geburtsstätten von Gedanken. Heute zieht es wieder Scharen von Besuchern an, die an den historischen Tischen Platz nehmen und ihre stilisierten Posen auf Tiktok oder Instagram hochladen. Sinnbilder einer neuen, digitalen Öffentlichkeit.

Die Krise des Caffè Greco ist daher mehr als ein Streit um Miete und Eigentum. Zwar war sein Ruf zuletzt gespalten: Reiseführer schwärmten vom «altehrwürdigen Interieur» und dem historischen Flair, bemängelten aber überhöhte Preise. Dennoch blieb es ein Symbol – ein Fremdkörper in einer Straße, die längst von Luxusmarken dominiert wird.

Ob der Geist dieser Räume bei einem möglichen Betreiberwechsel oder Standortwechsel erhalten bleibt, ist ungewiss. Der italienische Maler Giorgio de Chirico, ein Stammgast, nannte das Greco einst «den Ort, an dem man sitzen und auf das Ende der Welt warten kann». Heute scheint es, als warte das Café selbst auf sein Ende.


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Die Berliner Gastronomin Marie-Anne Wild hat zum achten Mal den MAW Ladies Lunch im Restaurant Tim Raue ausgerichtet. Im Mittelpunkt des Austausches stand die Sichtbarkeit von Frauen in verschiedenen Berufsfeldern.

Zum zehnjährigen Jubiläum feiern die HeimWerk Restaurants ihr Bestehen mit einer Aktionswoche und plant für den Sommer 2026 die Eröffnung eines weiteren Standorts in Leipzig.

Eine neue Umfrage zeigt, wie viel Gäste für Kaffee in Restaurants und Cafés ausgeben würden. Gleichzeitig verdeutlichen die Ergebnisse, dass steigende Preise das Kaufverhalten vieler Verbraucher zunehmend beeinflussen.

Nach vielen Jahren hat die bekannte «Mokka-Milch-Eisbar» wieder geöffnet und Hunderte Gäste angezogen. Warum das Kult-Lokal schon kurz darauf wieder schließt – und wann die Rückkehr geplant ist.

Mit dem Joseph’s eröffnet Anfang Juni ein neues Restaurant im Titlis Tower auf mehr als 3.000 Metern Höhe. Das gastronomische Angebot ist Teil eines Investitionsprojekts der Titlis Bergbahnen, das bis 2029 umgesetzt werden soll.

Pincho Nation eröffnet Mitte Juni einen neuen Standort in Karlsruhe. Es ist der erste Restaurantbetrieb der Marke in Deutschland, der von einem Franchise-Partner geführt wird.

Der Gastronom Giovanni Massimino hat in Hamburg-Uhlenhorst ein neues Lokal eröffnet, das italienische Speisen mit einem Barkonzept verbindet. Entgegen der Namensgebung steht keine heiße Schokolade auf der Karte.

Finland startet die Kampagne Finland’s Official Tasting Table, bei der Interessierte an exklusiven Degustationsmenüs in Lappland sowie an der Küste teilnehmen können. Die Auswahl der 16 Gäste erfolgt über ein Bewerbungsverfahren bis Juni 2026.

Nach vielen Jahren hat die bekannte «Mokka-Milch-Eisbar» wieder geöffnet und Hunderte Gäste angezogen. Warum das Kult-Lokal schon kurz darauf wieder schließt – und wann die Rückkehr geplant ist.

Der Gastronomiekritiker und Journalist Jürgen Dollase hat die Zusammenarbeit mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) nach eigenen Angaben mit sofortiger Wirkung beendet. Wie Dollase mitteilte, habe er die Zusammenarbeit „fristlos gekündigt“.