Wein aus Moldau: Wo auch ein Depot für Merkel lagert

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Wer den ganzen Stolz der kleinen Ex-Sowjetrepublik Moldau sehen will, muss unter die Erde fahren: In bis zu 100 Metern Tiefe lagern rund um die Hauptstadt Chisinau riesige Weinvorräte in Kellern, die wie eigene kleine Städte wirken. Insgesamt 120 Kilometer lang schlängeln sich etwa die Tunnel des Staatsweinguts Cricova durch eine ehemalige Kalkstein-Mine.

In Cricova gibt es eine «Cabernet-Straße» und eine «Sauvignon-Straße». Am Straßenrand lagern Wein, Sekt und Spirituosen in Fässern und Flaschen. An Kreuzungen hängen Ampeln und Verkehrsschilder. Besucher werden in roten Elektromobilen durch die kühle Unterwelt gefahren, in der es das ganze Jahr über nie wärmer als 14 Grad wird.

Herzstück des 1952 gegründeten Weinkellers sind Sammlungen besonders edler Weine, die hinter hohen Metalltoren in speziellen Regalfächern - Casa genannt - lagern. Vor Casa Nummer 283 steht ein kleines Deutschland-Fähnchen: Hier liegen mehrere Dutzend Flaschen, die Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Staatsbesuch 2012 von der moldauischen Seite als Zeichen der Anerkennung bekam. Vor Merkel hatte nie ein deutscher Regierungschef das kleine Land besucht, das in westlichen Medien - wenn überhaupt - oft nur mit Themen wie Korruption, Armut und Massenabwanderung Schlagzeilen macht.

Auch andere Staatsgäste haben in Cricova ihre eigene Wein-Kollektion - Russlands Präsident Wladimir Putin zum Beispiel und der ehemalige US-Außenminister John Kerry. Berühren dürfen Besucher hier nichts, denn selbst die Staubschicht auf den Flaschen ist wertvoll.

Besonders stolz ist das Staatsweingut auf die angeblich letzte Flasche Mogit Davids Osterwein - ein Jerusalemer Rotwein Jahrgang 1902, natürlich unverkäuflich. Außerdem lagert hier eine Kollektion des Nazi-Verbrechers Hermann Göring, die Soldaten der Roten Armee nach dem Sieg über Hitler-Deutschland in die Sowjetunion brachten.

Während Moldau für westliche Weinliebhaber noch eher als Geheimtipp gilt, erfreuen sich die moldauischen Tropfen im Osten großer Bekannt- und Beliebtheit. Zu Sowjetzeiten war die Republik, die damals Moldawien hieß, wichtigster Weinhersteller. In den Jahren nach 1960 produzierte sie zwischenzeitlich jede zweite Flasche Sowjet-Wein und jede dritte Flasche Sekt. Dem Kosmonauten Juri Gagarin soll es in Cricova der Legende nach so gut gefallen haben, dass er in den Kellern 1966 gleich zwei Tage lang ein rauschendes Fest feierte.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion orientierte sich Moldau - je nach Staatschef - immer wieder Richtung Europa. Auch die im vergangenen Jahr gewählte Präsidentin Maia Sandu verfolgt einen prowestlichen Kurs.

Im Streit um die von Moldau abtrünnige und prorussisch geführte Region Transnistrien verhängte Russland im Jahr 2006 ein Importverbot für moldauische Weinerzeugnisse. Es war ein herber Schlag für Moldaus Weinindustrie - und für die gesamte Wirtschaft des verarmten Landes, das auf eine seiner wichtigsten Branchen angewiesen ist.

Mittlerweile hat Moskau die Sanktionen zwar wieder aufgehoben, doch die Zeiten, in denen ganze 80 Prozent des moldauischen Weinexports nach Russland gingen, sind lange vorbei. Als Reaktion auf das russische Wein-Embargo habe sich das Staatsweingut Cricova verstärkt Richtung Westen ausgerichtet, erzählt eine Touristenführerin während einer Tour durch die Kellergewölbe. «Mittlerweile gehen viele unserer Weine nach Rumänien, Polen und Belarus.»

Die Krise sei dabei auch Chance gewesen: «Wir waren gezwungen, die Qualität unserer Weine noch weiter zu verbessern», sagt sie mit Blick auf den hart umkämpften europäischen Markt und Konkurrenz durch große Weinbau-Nationen wie Frankreich und Deutschland. Besonders stolz ist man in Cricova auf seinen Sekt, der teils nach Champagner-Methode hergestellt wird.

Mittlerweile steht Russland nur noch auf dem zweitem Platz der moldauischen Exportliste - nach Moldaus EU-Nachbar Rumänien. Danach folgten im Jahr 2020 Polen, Tschechien und Belarus, wie moldauische Medien unter Berufung auf die zuständige Weinbau-Behörde berichten.

Der Wein-Krieg mit Russland hat auch Milestii Mici getroffen - laut Guinness-Buch der Rekorde der größte Weinkeller der Welt. Im Jahr 2005 lagerten demnach 1,5 Millionen Flaschen dort. Von hier werde nun ein Großteil der Erzeugnisse nach China exportiert, erzählt eine Mitarbeiterin des Guts, das etwa 16 Kilometer südlich von Chisinau idyllisch zwischen Weinbergen liegt.

Kanzlerin Merkel hat sich aus ihrem Weinvorrat in Cricova übrigens bislang noch nicht bedient, wie eine Sprecherin des Bundespresseamtes auf Anfrage mitteilt. Es sei üblich, dass die Weinflaschen «bis auf Weiteres in den Weinkellern vor Ort verwahrt werden».


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