Lockdown: Verbände beklagen fehlende Perspektiven – erste Klagen angekündigt

| Politik Politik

Angesichts der von Bund und Ländern beschlossenen Lockdown-Verlängerung haben sich Wirtschaftsverbände enttäuscht gezeigt. Gastgewerbe, Tourismus, Mittelstand und Immobilienwirtschaft beklagten klare Perspektiven. Der Mittelstand kritisierte «unverbindliche Versprechungen». Der Handel vermisst den «versprochenen Plan zum Ausstieg aus dem Lockdown» und kündigte Klagen vor Gerichten an. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) lud für Dienstag mehr als 40 Verbände zu einem «Wirtschaftsgipfel» ein.

Dort soll es nach Angaben einer Ministeriumssprecherin um die Corona-Beschlüsse, Wirtschaftshilfen und mögliche Öffnungsperspektiven gehen. Der Handelsverband Bayern will gegen die nun bis 7. März angeordneten Schließungen klagen. Auch der Unitex-Einkaufsverbund mit 800 angeschlossenen Mode-Einzelhändlern hat Eilanträge auf Wiedereröffnung angekündigt. Der Handelsverband in Rheinland-Pfalz rechnet mit einer Klagewelle.

Hingegen freut sich die Friseurbranche auf den Wiederbeginn - ab dem 1. März dürfen Friseurinnen und Friseure wieder Hand anlegen. Harald Esser, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks, sagte: «Eine ganze Branche atmet auf, endlich haben wir eine Perspektive und Planungssicherheit.» Für viele Inhaber der 80 000 Salons in Deutschland seien die Wochen der Schließung existenzbedrohend. Die Stimmung in der Branche sei angespannt gewesen, auch wegen einer Zunahme der Schwarzarbeit.

Nun kann sich die Branche kaum retten vor Anfragen. «Wir bekommen unzählige Mails und Anrufe - eigentlich will jeder Kunde schon in der ersten Woche drankommen», sagte Esser. Eine Solinger Friseurmeisterin berichtete, dass sie am Mittwochabend zwei Stunden Sport gemacht und danach 150 Nachrichten von Kunden auf ihrem Handy hatte.

Im Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) war die Stimmung deutlich gedämpfter: Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges bemängelte, dass es immer noch keine Öffnungsperspektive gebe: «Dass Hotels und Restaurants in dem vorliegenden Beschluss mit keinem Wort erwähnt werden, löst in der Branche Frust und Verzweiflung aus.»

Hartges sagte: «Wir haben nicht mit einem konkreten Öffnungsdatum gerechnet, aber definitiv mit einer Aussage, wann und unter welchen Voraussetzungen Hotels und Restaurants wieder Gäste empfangen dürfen.» Die Branche erwarte spätestens zu den nächsten Beratungen am 3. März einen Fahrplan für den Re-Start des Gastgewerbes.

Der Bund-Länder-Beschluss zur weitgehenden Verlängerung des Lockdowns bis zum 7. März sei «inakzeptabel und eine klatschende Ohrfeige» für seine Branche, erklärte Bernd Niemeier, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Nordrhein-Westfalen, am Donnerstag in Neuss. Dass in dem Beschluss die Anfang November geschlossene Gastronomie nur nachrangig erwähnt sei, ist aus Sicht von Niemeier ist das eine «Phrase». Er betont, dass seine Branche umfangreiche und erfolgreiche Hygienekonzepte eingeführt habe. «Unsere Konzepte haben mindestens genauso gut funktioniert wie die im Einzelhandel», sagt der Branchenvertreter. «Warum hier einseitig über Öffnungen nachgedacht wird, verstehen wir nicht.»

Der Handelsverband Deutschland (HDE) warf der Politik Wortbruch vor. «Die Politik hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht und bleibt in dieser für uns alle dramatischen Situation den vor Wochen versprochenen Plan zum Ausstieg aus dem Lockdown schuldig», klagte Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Viele Einzelhändler bringe das in eine ausweglose Lage. Jeder durch den Lockdown verlorene Verkaufstag kostet die Einzelhändler laut HDE Umsätze in Höhe von rund 700 Millionen Euro.

Der Deutsche Tourismusverband kritisierte fehlende Perspektiven für die von der Krise hart getroffene Branche. «Es ist kein Konzept, klein Plan, keine Strategie ersichtlich, wie es weitergehen soll», beklagte DTV-Geschäftsführer Norbert Kunz. Die Tourismus erwarte ein planbares, bundeseinheitliches und nachvollziehbares Konzept für den Neustart, dies sei auch in der vorhergehenden Bund-Länder-Runde angekündigt worden.

Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) Michael Frenzel, kritisierte: «Mehr als nüchternes Abraten vom Reisen fällt der Politik nach wie vor nicht ein.» Der anhaltende Stillstand und die anhaltende Perspektivlosigkeit zermürbten und zerstörten die Tourismuswirtschaft.

Die aktuell geltenden Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie werden grundsätzlich bis zum 7. März verlängert, wie sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Regierungschefs der Länder am Mittwoch geeinigt hatten. Damit bleiben etwa Hotels und Kneipen weiter dicht. Sollte die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz - also Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen einer Woche - bis dahin stabil unter 35 gesunken sein, sollen die Beschränkungen von den Ländern etwa im Einzelhandel schrittweise gelockert werden.

Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft kritisierte, es fehle noch immer ein klarer Fahrplan für den «Lockoff» der Wirtschaft sowie ein Wirtschaftsgipfel mit Experten des Mittelstands, den Gewerkschaften und der Politik. «Wieder vertröstet die Bundesregierung den Mittelstand mit unverbindlichen Versprechungen und lässt diesen bettelnd am Tropf der Überbrückungshilfen hängen», sagte Bundesgeschäftsführer Markus Jerger.

Auch der Zentrale Immobilien Ausschuss (ZIA), Spitzenverband der Immobilienwirtschaft, bemängelte eine weiterhin fehlende Perspektive für eine Öffnung des Handels. Ebenso der Bundesverband der Industrie (BDI) kritisierte fehlende Aussichten.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat eine klare Aussicht für die Unternehmen und Geschäfte gefordert. «Gerade für die Wirtschaft ist das natürlich katastrophal. Viele Unternehmen stehen am Rande ihrer Existenz und das wird sich in den nächsten Monaten natürlich dramatisch verschlechtern», sagte Präsident Marcel Fratzscher am Donnerstag im ZDF-«Morgenmagazin».


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Der Bayerische Landtag hat eine Reform des Zweckentfremdungsgesetzes beschlossen. Künftig können Kommunen eine Registrierungspflicht für Kurzzeitvermietungen einführen und auf Vermietungsdaten zugreifen.

Der Stadtrat der Stadt Zürich hat eine Volksinitiative zur Regulierung von Kurzzeitvermietungen für gültig erklärt und unterstützt deren Ziele. Gleichzeitig ist ein Gegenvorschlag im Zusammenhang mit einer Bauordnungsrevision geplant.

Die Tarifgespräche im Gastgewerbe von Rheinland-Pfalz sind ohne Einigung beendet. Der DEHOGA erklärt die Verhandlungen mit der NGG für gescheitert und empfiehlt den Betrieben eine freiwillige Lohnerhöhung von 3,5 Prozent.

Potsdam plant eine Verpackungssteuer gegen Müllberge noch in diesem Jahr. Andere Städte in Brandenburg zweifeln an der Abgabe: zu hoher Aufwand, zu wenig Wirkung.

Das Europäische Parlament hat neue Regeln für Pauschalreisen beschlossen. Während der Deutsche Reiseverband die Sachlage im Vorfeld überwiegend positiv bewertet, sieht die Hotellerie noch offene Fragen bei einzelnen Vorgaben der Richtlinie.

Weniger Bürokratie, längere Öffnungszeiten: Ein neues Gesetz soll Berlins Gastronomie entlasten und den Service für Gäste verbessern. Was sich für Betreiber und Besucher ändern könnte.

Berliner Restaurants, Cafés und Kneipen sollen ihre Gäste in Zukunft länger auch vor der Türe bedienen dürfen. Das steht im Entwurf eines Gaststättengesetzes, den der Senat auf den Weg brachte.

Fernsehen, Spitzenküche - und jetzt auch noch Kommunalpolitik für Alexander Herrmann? Die Wählerinnen und Wähler im oberfränkischen Landkreis Kulmbach haben entschieden.

Das neue Tariftreuegesetz trifft die Hotellerie im Kern: Zimmerkontingente und Tagungen für den Bund hängen künftig an strikten Tarifvorgaben. Der Dehoga warnt trotz Nachbesserungen vor einem enormen Prüfaufwand für die Betriebe.

Unter welchen Namen dürfen Burger und Schnitzel ohne Fleisch in der EU verkauft werden? Nach viel Wirbel gibt es eine Einigung. Komplett glücklich ist der deutsche Minister damit nicht.