Nutri-Score: Der Wahlkampf um das neue Nährwert-Logo wird schärfer

| Politik Politik

Von Sascha Meyer, dpa

Im Streit um eine klarere Kennzeichnung von Zucker, Fett und Salz in Lebensmitteln machen nun auch Kritiker des farbigen Logos Nutri-Score mobil. Der Lebensmittelverband Deutschland legte am Freitag eine Umfrage vor, die schwache Zustimmungswerte für das System ergab, das Verbraucherschützer favorisieren. Ein von der Branche selbst vorgeschlagenes Modell schneidet darin besser ab. Ende des Monats will Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) nach einer eigenen Verbraucherbefragung entscheiden, welche Kennzeichnung die Bundesregierung zur freiwilligen Nutzung auf Packungen empfiehlt.

Der «Wahlkampf» um das Nährwert-Logo zieht damit auf den letzten Metern weiter an - und wird schärfer. Der Präsident des Lebensmittelverbands, Philipp Hengstenberg, sagte, viele Verbraucher wünschten sich eine Kennzeichnung, die ihnen eine ausgewogene Ernährung ermögliche. Ein «zu vereinfachtes System» finde aber keine Zustimmung. Resümee des Verbands, der generell gegen Ampelfarben ist: Nutri-Score sei «intransparent, unverständlich, informationsarm».

Das aus Frankreich stammende System bezieht neben dem Gehalt an Zucker, Fett und Salz empfehlenswerte Bestandteile wie Ballaststoffe in eine Bewertung ein und gibt dann einen einzigen Wert an - in einer Skala von «A» auf einem dunkelgrünen Feld für die günstigste Bilanz über ein gelbes «C» bis zu einem roten «E» für die ungünstigste. Das zutreffende Feld wird hervorgehoben. Erste Produkte damit sind schon in Supermärkten zu kaufen, in der Koalition ist auch die SPD dafür.

Die Umfrage im Auftrag des Branchenverbands liefert nun Argumente gegen Nutri-Score. Fast die Hälfte der Befragten (46 Prozent) konnte spontan nicht sagen, weshalb das Logo überhaupt auf der Packung ist. Insgesamt gut oder sehr gut über das Produkt informiert fühlten sich damit 20 Prozent. Gut die Hälfte (53 Prozent) der Befragten fand es «gar nicht nachvollziehbar», welche Eigenschaften des Produkts in die Kennzeichnung einfließen. Für die Befragung wurden 1262 Teilnehmern ab 16 Jahren Abbildungen der beiden ausgewählten Logos gezeigt.

Von Befürwortern des Nutri-Score kam umgehend Contra. Es sei gerade dessen Stärke, «dass er komplexe Daten zur Nährwertqualität eines Produkts leicht verständlich auf der Verpackungsvorderseite darstellt», sagte Luise Molling von der Verbraucherorganisation Foodwatch. «Jeder der so tut, als sei der Nutri-Score ein Ersatz für die detaillierte Nährwerttabelle auf der Verpackungsrückseite, führt die Öffentlichkeit in die Irre.»

Foodwatch und mehrere Medizinverbände hatten kürzlich ebenfalls eine Umfrage vorgelegt, die zwei Modelle testete - und hohe Zustimmung für Nutri-Score ergab. Parallel ist im Handel noch eine andere Erkundung angelaufen: Branchenprimus Edeka und seine Discount-Kette Netto machen einen mehrmonatigen Praxistest mit drei ausgewählten Modellen.

Die politische Entscheidung soll indes unter vier Modellen fallen, die in der offiziellen Verbraucherbefragung untersucht werden. Neben Nutri-Score und dem Wirtschafts-Modell ist es das «Keyhole»-Logo aus Skandinavien mit einem weißen Schlüsselloch auf grünem Grund, das nur Produkte mit günstiger Nährwertbewertung bekommen können. Außerdem im Rennen ist ein Modell mit gefärbten Waben, das das bundeseigene Max-Rubner-Institut auf Bitten des Ministeriums entwickelt hat.

Beim Modell des Wirtschaftsverbands fühlten sich laut der Umfrage nun 48 Prozent sehr gut oder gut über das Produkt informiert. Die ins Logo einfließenden Eigenschaften «alles in allem nachvollziehbar» fanden demnach 14 Prozent, «nur teilweise nachvollziehbar» fanden es 50 Prozent. Das Modell besteht aus fünf Kreisen mit der Kalorienzahl sowie dem Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz pro 100 Gramm. Eine Hervorhebung zeigt in jedem Kreis an, wie viel Prozent der Tageszufuhr der Verzehr von 100 Gramm bedeutet - je mehr, desto größer die hellblau und lila gefärbte Fläche.

Klöckner hat klar gemacht, dass für ihre Entscheidung das Ergebnis der eigenen Befragung maßgeblich sein soll. Dabei geht es auch um eine knifflige Grundsatzentscheidung, was das Logo leisten soll. Wie die neue Umfrage ergab, ist es 72 Prozent sehr wichtig oder wichtig, Infos über einzelne Nährstoffe zu erhalten, wie es zum Beispiel das Wirtschafts-Modell bietet. Andererseits wünschen sich 71 Prozent eine zusammenfassende Bewertung dazu, wie gesund ein Produkt ist - dafür steht beispielsweise der Nutri-Score.


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Sollten Steueraufschläge für Cola und Limo kommen, um Anreize für gesündere Ernährung zu setzen? Die Gesundheitsministerin ist dafür. Doch das letzte Wort in der Regierung ist noch nicht gesprochen.

Ein Verbändebündnis warnt vor einer Ausweitung der Kennzeichnung der Tierhaltung auf verarbeitete Lebensmittel und die Gastronomie. Die Verbände befürchten steigende Preise für Verbraucher und einen bürokratischen Mehraufwand für die Betriebe.

Der Hotelverband Deutschland plant mit „IHA Inside 2026“ ein Branchentreffen am Nürburgring. Auf dem Programm stehen Fachvorträge, Wettbewerbe und ein begleitendes Rahmenangebot.

Ein Verbändebündnis warnt vor einer Ausweitung der Tierhaltungskennzeichnung auf verarbeitete Lebensmittel und die Gastronomie. Die Verbände befürchten steigende Preise für Verbraucher und einen bürokratischen Mehraufwand für die Betriebe.

Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat hat einen Referentenentwurf zur Änderung des Gesetzes Tierhaltungskennzeichnung vorgelegt. Ziel ist laut Entwurf eine grundlegende Reform und Ausweitung der Kennzeichnungspflichten, insbesondere auf die Außer-Haus-Verpflegung wie Restaurants, Kantinen und Imbisse.

Das lange geplante staatliche Tierhaltungslogo für Fleisch soll nach Plänen des Bundesagrarministeriums im nächsten Jahr mit mehreren Änderungen eingeführt werden - und zwar außer in Supermärkten auch in Restaurants und Kantinen.

Sandra Warden arbeitet seit fast 25 Jahren beim DEHOGA Bundesverband. Dort verantwortet sie als Geschäftsführerin die Bereiche Arbeitsmarkt und Tarifpolitik. In der aktuellen Darstellung der Bundesgeschäftsstelle auf der Website des Verbandes wird sie derzeit nicht aufgeführt. Auf Anfrage von Tageskarte zu den Änderungen reagiert der Verband knapp.

50 Cent extra für Einwegbecher & Co.: Die Verpackungsteuer in Potsdam sorgt für Riesen-Ärger. Verbände warnen vor Unmut beim Verbraucher wegen Preissprüngen und hohem Bürokratie-Aufwand.

Google steht unter Druck: Die von Künstlicher Intelligenz betriebenen Chatbots werden zunehmend zur Konkurrenz. Brüssel will dem Wettbewerb nicht im Weg stehen - im Gegenteil.

Der DEHOGA und weitere Wirtschaftsverbände kritisieren die geplante steuerfreie 1.000-Euro-Prämie. Sie sehen darin eine zusätzliche Belastung für Unternehmen in einer angespannten wirtschaftlichen Lage.