Berliner Friedrichstraße soll ohne Autos wieder aufblühen - Skepsis bei Händlern

| Tourismus Tourismus

Grüne Allee statt grauer Betonschick, Fahrräder statt Blechlawine, Oase der Erholung statt Verkehrsstress für Fußgänger: Die Friedrichstraße, eine der bekanntesten Straßen in Berlins Mitte, wird zum Experimentierfeld. Auf einem 500 Meter langen Abschnitt zwischen Französischer und Leipziger Straße, an dem auch das Luxus-Kaufhaus Galeries Lafayette liegt, sind Autos für fünf Monate bis Ende Januar tabu. Stattdessen sollen Menschen auf einer neugestalteten «Flaniermeile» nahe dem Gendarmenmarkt erleben können, wie sich Großstadt ohne Verkehrslärm, Stau und Benzingeruch anfühlt.

Das in Berlin einzigartige Modellprojekt, das vor einer Woche mit der Sperrung der Straße begann und nach diversen Vorbereitungen am Samstag (29. August) offiziell startet, könnte zum Vorbild werden für andere Stadtteile oder Kommunen. Es könnte ein Baustein sein für eine ökologische Verkehrswende, die der rot-rot-grüne Senat seit einigen Jahren propagiert. Kernpunkte dabei: Weniger Platz für Autos, mehr Platz und damit mehr Sicherheit für Radfahrer und Fußgänger, ein besserer ÖPNV, sauberere Luft und mehr Lebensqualität.

Und die Hauptstadt steht mit dem Bemühen, den öffentlichen Raum ein stückweit neu aufzuteilen, nicht allein. Hamburgs Prachtboulevard an der Binnenalster etwa, der Jungfernstieg, soll zum Weihnachtsgeschäft weitgehend autofrei und dann ab kommendem Jahr komplett umgebaut werden. Und in München wird über eine autofreie Altstadt diskutiert.

Im Fall der Berliner Friedrichstraße, die sich nach der Wiedervereinigung zur schicken Einkaufsmeile mauserte und zeitweise dem Kudamm in der City West den Rang ablief, kommt ein weiterer Aspekt dazu. Seit geraumer Zeit läuft es nicht mehr so wie früher, etliche Geschäfte haben geschlossen, Räume stehen leer, Händler beklagen Umsatzrückgänge. Die Corona-Krise hat den Trend noch verschärft.

Der Bürgermeister des Stadtbezirks Mitte, Stephan von Dassel, glaubt, dass der Modellversuch auch hier neue Impulse setzen kann, wenn sich Anrainer kreativ einbringen. «So kann eine Attraktivität entstehen, die die Friedrichstraße wieder zu einer Top-Adresse macht», meint der Grüne. «Einkaufsstraßen haben Zukunft, wenn der öffentliche Raum nicht durch den motorisierten Individualverkehr dominiert wird.»

Um das zu beweisen und neue «Aufenthaltsqualität» zu schaffen, haben sich die Beteiligten mächtig ins Zeug gelegt. 65 Bäume sollen der Friedrichstraße «Alleecharakter» verleihen, Sitzgelegenheiten mit Tischen und Open-Air-Gastronomie zum Verweilen einladen. In gläsernen Schaukästen können Gewerbetreibende ihre Waren präsentieren. Veranstaltungen, Workshops und Designmärkte sind auch geplant. Radfahrer bekommen eine vier Meter breite Durchfahrt, für Fußgänger soll genügend Platz zum Flanieren und Verweilen sein. Die Belieferung der Geschäfte soll über Nebenstraßen abgewickelt werden.

Für Kritiker klingt das wenig überzeugend. Der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, Jan Eder, spricht von einem Schnellschuss ohne vernünftige Planung und ohne Beteiligung der Akteure vor Ort. «Leidtragende sind Händler und Gewerbetreibende.» So sieht das auch der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, Niels Busch-Petersen. Er bezweifelt, dass ein Radschnellweg auf der Friedrichstraße gemütliches Bummeln ermöglicht. «Dem Handel erweist der Senat so einen Bärendienst.» Eine IHK-Umfrage ergab, dass eine knappe Mehrheit der Gewerbetreibenden vor Ort den Versuch positiv bewertet, es aber auch viel Skepsis gibt.

Positiv wird das Experiment, für das es an einem Oktober-Wochenende 2019 bereits einen Testlauf gab, von der Fußgänger- und Radfahrerlobby aufgenommen. «Dass Berlin mit dem Modellprojekt Platz umverteilen will, ist ein guter Anfang hin zur lebenswerten Stadt», sagt Lisa Feitsch vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). «Von Helsinki bis Madrid zeigen Städte: Wo autofreie Zonen entstehen, profitieren alle.» Ähnlich argumentiert Roland Stimpel vom Verein Fuss e.V. «Wir sehen große Chancen für die wirtschaftliche Belebung der Friedrichstraße. Jeder Einzelhändler weiß: Je mehr Menschen entspannt vor seinem Laden gehen, desto größer ist sein Umsatz.»

Der Verkehrsclub Deutschland stellt sich ebenfalls hinter das Projekt. «Ein Modellversuch wie die autofreie Friedrichstraße bietet die Chance zu erleben, was wir gewinnen, wenn Autos Platz machen für Fußgänger, Radfahrende und Erholungsflächen: weniger Verkehrslärm, weniger Abgase und mehr Aufenthaltsqualität», sagt Sprecherin Anne Fröhlich. «Es wäre wünschenswert, wenn durch diesen Modellversuch Ängste vor wirtschaftlichen Nachteilen von autofreien Straßen und Zonen etwas abgebaut würden.»

In Berlin gibt es bereits vielfältige Initiativen, um von der autogerechten Stadt vergangener Jahrzehnte wegzukommen. Gerade in Corona-Zeiten entstanden zahlreiche, zumeist komfortabel breite Pop-up-Radwege - Provisorien, die nun größtenteils dauerhaft bleiben sollen. Andere Beispiele sind die temporäre Umwidmung von Straßen in Spielzonen oder Bemühungen um weitgehend autofreie Stadtteile wie den Wrangel-Kiez in Kreuzberg. (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Die Lufthansa startet ihr neues Servicekonzept FOX auf der Langstrecke. Mit einer Investition von 70 Millionen Euro werden die kulinarischen Angebote und die Ausstattung in allen Reiseklassen, von der Business Class bis zur Economy Class, umfassend erneuert.

Die WHO meldet mehrere Fälle einer Atemwegserkrankung auf einer Atlantik-Kreuzfahrt. Der Virus wird durch Nagetier-Kot übertragen, in seltenen Fällen auch von Mensch zu Mensch.

Im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb öffnen beliebte Berghütten wieder für die Sommersaison. Wo Wanderer jetzt einkehren und die Aussicht genießen können. Ein Überblick zu fünf möglichen Zielen.

Eine aktuelle Expedia-Studie belegt, dass Reisende pro Trip durchschnittlich 500 US-Dollar für Zusatzkäufe ausgeben. Besonders die Generation Z zeigt sich dabei kauffreudig und offen für neue Marken sowie flexible Zahlungsmodelle.

Der südlichste Kanton der Schweiz lockt mit alpiner Bodenständigkeit und italienischem Dolce Vita. Stiller Genuss und aufregender Glamour sind oft nur Minuten voneinander entfernt.

Festsitzenden Passagieren stehen Mahlzeiten und Erfrischungen zu. Doch was zählt als Erfrischung? Dazu urteilen Gerichte immer wieder. Eine Frage dabei: Was dient noch der Flüssigkeitszufuhr?

Düsseldorf richtet seinen Tourismussektor mit der neuen Strategie „Future of Tourism“ neu aus und setzt verstärkt auf Qualität statt Quantität. Ziel ist es, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste zu steigern.

Eine neue Auswertung zeigt die beliebtesten Radfernwege Deutschlands für das Jahr 2026. Während der Weserradweg seine Spitzenposition verteidigt, zeigt sich ein deutlicher Trend zu Flussradwegen und Routen im süddeutschen Raum.

Das Urlaubsbarometer 2026 zeigt eine ungebrochene Reiselust in Österreich, wobei Sicherheit und Kosten zu den entscheidenden Faktoren bei der Zielwahl werden. Während Italien und Kroatien als Favoriten gelten, gewinnt Künstliche Intelligenz massiv an Bedeutung.

Die Fluggesellschaft Ryanair hat nach eigenen Angaben angekündigt, ihre Berliner Basis zum 24. Oktober 2026 zu schließen. Betroffen sind sieben stationierte Flugzeuge, die an andere Standorte innerhalb Europas verlagert werden sollen. Gleichzeitig soll das Flugangebot im Winterflugplan um 50 Prozent reduziert werden, wie das Unternehmen mitteilt.