Reisebüros im Wandel: Digitalisierung und Expertise im Fokus

| Tourismus Tourismus

Ein Klick, ein paar Suchbegriffe, unzählige Angebote – wer heute eine Reise buchen will, hat online scheinbar grenzenlose Möglichkeiten. Doch auch das klassische Reisebüro freut sich weiterhin über Kundschaft. Anke Dannesberger kennt das Geschäft seit mehr als drei Jahrzehnten. In ihrem kleinen Büro in Frankfurt-Bornheim plant sie täglich Reisen für Kunden, die lieber auf persönliche Beratung als auf Algorithmen vertrauen. Und entgegen vieler Klischees sind es längst nicht nur ältere Menschen, die diesen Service schätzen. 

Vom Jugendlichen bis zum hohen Alter – ihre Kundschaft sei «querbeet». «Es heißt immer: nur alte Leute gehen ins Reisebüro. Das stimmt überhaupt nicht», betont Dannesberger. Mit rund 700 Kunden im Jahr ist die Reisebüroleiterin ihren Angaben nach zufrieden.

Dennoch: Die aktuelle Situation von Reisebüros ist komplex. Einerseits sinkt nach Angaben des Hessischen Statistischen Landesamts die Anzahl der klassischen Ladenbüros hessenweit in den letzten Jahren kontinuierlich. Waren im Berichtsjahr 2014 noch 1.023 Betriebe im statistischen Unternehmensregister eingetragen, zählte es 2018 nur noch 983 und 2023 schließlich 752. Laut dem Deutschen Reiseverband (DRV) sinken die Zahlen im gesamten Bundesgebiet. 

Der Tourismusexperte Werner Sülberg sieht den Trend der sinkenen Reisebürozaheln auch im Online-Bereich: Vor der Corona-Pandemie habe es rund 200 Online-Reisebüros gegeben – von diesen seien nun nur noch rund 60 übrig. Der Onlinemarkt über Reiseveranstalter habe sich also deutlich konzentriert. Zu Online-Reisebüros zählen alle Reisevermittler, die ausschließlich online ihre Dienste anbieten. Dazu zählen sowohl kleine unabhängige Reisebüros ohne stationären Laden als auch die großen Portale, wie Check24 oder HolidayCheck. 

Sülberg unterscheidet den Reisemarkt in den Individualreisemarkt und den kommerziellen Reisemarkt über Reiseveranstalter und Reisebüros. Individualreisen bedeutet, dass Menschen ihre Reisen selbst buchen – über Plattformen wie Booking, Airbnb oder etwa direkt bei Airlines. 

Vor der Pandemie habe der Umsatz des kommerziellen Markts rund 55 Prozent ausgemacht, der Individualreisemarkt 45 Prozent. «Mittlerweile liegen die Individualreisen bei 52 Prozent, der kommerzielle Reisemarkt bei 48 Prozent», erklärt Sülberg, der an der Frankfurt University of Applied Sciences als Lehrbeauftragter für Tourismusmanagement arbeitet. 

«Comeback der Reisebüros»

Gleichzeitig steigen nach Hochrechnungen des Deutschen Reiseverbands auf Basis einer YouGov-Erhebung derzeit die Umsätze der klassischen Reisebüros. Im Jahr 2024 lagen diese bei 22 Milliarden Euro. Davon entfielen 15,1 Milliarden Euro auf das Privatkundengeschäft und 6,9 Milliarden Euro auf Geschäftsreisen. 

Nach Angaben des DRV hänge die Umsatzsteigerung insbesondere mit gestiegenen Reisekosten in den vergangenen Jahren zusammen. Auch die generelle Reiselust der Menschen nach der Pandemie spiele eine Rolle. Mehr Menschen würden mehr Geld für Reisen ausgeben. Speziell komplexe, oftmals teurere Reisen würden in klassischen Reisebüros gebucht, weil die Menschen auf die Beratung setzten, hieß es.

Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine Steigerung um 6,3 Prozent (20,7 Milliarden Euro). Das Vor-Corona-Niveau hätten die Umsätze der Reisebüros jedoch bisher nicht wieder erreicht. Im Jahr 2018 lagen die Umsätze noch bei knapp 27 Milliarden Euro. 

«Wir beobachten Umsatzsteigerungen, gleichzeitig wächst die Zahl der Reisenden aber nicht», sagt Tourismusexperte Sülberg. Die Anzahl der Reisenden befinde sich noch immer unter dem Niveau vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie – rund vier Prozent unter dem Wert aus 2019. 

Das hänge auch mit allgemeinen Preissteigerungen zusammen – da kämen mitunter wieder die Reisebüros ins Spiel: «Die helfen den Kunden weiter, wenn man sagt, was man will und wie viel Geld man zur Verfügung hat», erklärt Sülberg. Anstatt selbst stundenlang zu recherchieren, würden viele Reisende gerne wieder auf den Service eines Reisebüros zurückgreifen.

Der DRV sieht aktuell sogar ein «Comeback der Reisebüros». «Kunden suchen die Expertise der Reiseberater», sagt Pressesprecher Torsten Schäfer. Nach der Pandemie habe es gar einen regelrechten Ansturm auf Reisebüros gegeben, berichtet Dannesberger. Mittlerweile sei die Nachfrage wieder etwas abgeebbt. «Ich merke nicht, dass die Leute nur noch im Internet buchen», sagt sie.

Besonders würden ihre Kunden den Service beim Zusammenstellen von individuell geplanten Reisen schätzen. Und auch das Thema Sicherheit spiele eine Rolle: «Wenn auf der Reise etwas schiefläuft, ist es immer von Vorteil, durch das Reisebüro einen direkten Ansprechpartner zu haben.»

Veränderte Arbeit der Reisebüros

Allerdings hat sich laut Tourismusexperte Sülberg die Arbeit vieler Reisebüros in den letzten Jahren, insbesondere nach Corona, verändert. «Viele haben ihr stationäres Reisebüro-Geschäft zugemacht und arbeiten jetzt als mobile Verkäufer im Home-Office», erklärt er. Laut DRV verschwimmen die Grenzen immer mehr: So kommen demnach einige Mitarbeiter von Reisebüros auch zu ihren Kunden nach Hause oder beraten diese telefonisch oder per Whatsapp. Fast alle Reisebüros seien mittlerweile auch online vertreten, nutzen digitale Kommunikationskanäle wie Facebook oder Instagram, heißt es vom DRV. 

Ebenso hätten sich viele Reisebüros spezialisiert. Entweder auf bestimmte Zielgruppen wie Reisende mit Babys oder mit Hunden. Oder auf bestimmte Zielgebiete oder Reisearten, wie Kreuzfahrten oder Rundreisen. Reisebüros kümmern sich nach Ansicht des Experten «um all das, was für die Kunden zum Teil kompliziert ist». Auch Schäfer vom DRV bemerkt: «Hochwertige Reisen wie Rundreisen oder Kreuzfahrten werden häufig über ein Reisebüro gebucht.» (dpa)


Zurück

Vielleicht auch interessant

Über fünf Millionen Menschen haben im vergangenen Jahr Sehenswürdigkeiten der Bayerischen Schlösserverwaltung besucht. Neuschwanstein schauten sich zuletzt jedoch weniger Menschen an als noch vor einigen Jahren. Warum?

Auch zum 100-jährigen Bestehen drohen bei der Lufthansa Streiks. Für diesen Donnerstag sind zeitgleich Arbeitsniederlegungen der Piloten sowie des Kabinenpersonals angekündigt. Details zum Flugplan gibt es bislang noch nicht.

Die Deutsche Zentrale für Tourismus prognostiziert für das Jahr 2026 ein Wachstum von 3,2 Prozent bei den internationalen Übernachtungen. Trotz eines Rückgangs im Vorjahr durch wegfallende Sondereffekte zeigt sich die internationale Reiseindustrie optimistisch.

Ein neuer Bericht von Google skizziert die Zukunft des Tourismus bis 2050. Prognostiziert werden eine Verdoppelung der internationalen Reisen, eine Verschiebung der Marktmacht Richtung Asien und die vollständige Automatisierung von Buchungsprozessen durch Künstliche Intelligenz.

Die Tui Group verzeichnet zum Auftakt des Geschäftsjahres 2026 ein Rekordergebnis. Während das Kreuzfahrtsegment stark wächst und die Verschuldung sinkt, wird die Profitabilität im Hotelbereich infolge von Naturereignissen beeinflusst.

Die Generation Z prägt den Reisemarkt 2026: Trotz steigender Kosten planen junge Urlauber höhere Budgets ein und setzen verstärkt auf Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig zeichnet sich eine klare Abkehr vom Massentourismus ab.

Die 42. Deutsche Tourismusanalyse zeigt: Die Deutschen verreisen so häufig wie seit 20 Jahren nicht mehr und geben dabei Rekordsummen aus. Trotz Inflation und Krisen bleibt der Urlaub das wichtigste Rückzugsgebiet, wobei Fernreisen und klassische europäische Ziele wie Italien und Frankreich besonders profitieren.

Am Urlaub wird zuletzt gespart: Obwohl die europäische Wirtschaft seit Jahren in der Flaute steckt, kommen mehr Gäste nach Bayern als je zuvor. Sie bleiben im Schnitt jedoch nur kurz.

Eine Airbnb-Umfrage zeigt, dass für die Deutschen Erholung und Naturerlebnisse die wichtigsten Gründe für eine Reise sind. Während die Generation Z vermehrt nach Abenteuer und Selbstreflexion sucht, steht bei älteren Reisenden die Entspannung im Vordergrund.

Die Urlaubsinsel Capri greift gegen das Phänomen des Massentourismus durch: Ab dieser Saison gilt dort für die Größe von Touristengruppen eine Obergrenze. Es gibt auch weitere neue Regeln.