Reisen in unsicheren Zeiten: «Unsere Mobilität wird eingeschränkt»

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Reisen in unsicheren Zeiten: «Unsere Mobilität wird eingeschränkt»

Sars-CoV-2 verunsichert viele Urlauber. Breitet sich das neue Coronavirus weiter aus, könnten viele Urlaubspläne ins Wanken geraten. Verändert sich nun die Art des Reisens?

Das neuartige Coronavirus breitet sich rund um den Globus aus. Das sorgt auch für große Unsicherheit in der Tourismusbranche, die eigentlich auf der Reisemesse ITB in Berlin zusammenkommen wollte - nun ist die Messe abgesagt.

Viele Urlauber stellen sich jetzt die Frage: Kann ich überhaupt noch verreisen? Diese Unsicherheit werde noch eine Weile anhalten, sagt Prof. Claudia Brözel von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde im Interview mit dem dpa-Themendienst.

Frage: Inwiefern trifft die Coronakrise die Branche?

Claudia Brözel: Menschen reisen, wenn sie sich sicher fühlen. Was jetzt gerade passiert, zeigt sehr deutlich, wie sich dieses Sicherheitsbedürfnis sofort auf das Thema Nachfrage auswirkt. Die Menschen wissen ja nicht, ob sie sich an irgendeinem Flughafen anstecken. Unsere Mobilität wird also eingeschränkt. Das führt auch dazu, dass die Deutschen weniger aus dem Land reisen. Ich fahre vielleicht lieber mit meinem eigenen Pkw anstatt mich in den Zug oder den Flieger zu setzen, wo ich nicht weiß, wer mit wem Kontakt hatte.

Auch auf die Tourismusbranche im Land wird sich das auswirken, denn viele Touristen aus den asiatischen Märkten dürfen im Moment gar nicht reisen. Das wird Konsequenzen haben, zunächst für die kleinen und mittelständischen Anbieter. Viele haben ihr Geschäftsmodell auf die Reisenden aus Asien ausgerichtet.

Frage: Können die Unternehmen etwas dagegen tun?

Brözel: Die Situation ist im Moment noch unklar. Ich glaube daher, dass wir jetzt noch ein bisschen Zeit haben. Wenn wir aber im Frühsommer sehen, dass es in Italien oder Spanien Probleme gibt, werden Stornierungen und Umbuchungen beginnen. Darauf bereitet sich die Branche jetzt vor.

Frage: Klimaschutz spielt bei der Reiseplanung auch eine immer größere Rolle. Erleben wir die Grenzen der globalen Freizügigkeit?

Brözel: Ich glaube, wir müssen das in verschiedenen Lebensphasen betrachten. Die Millenials zum Beispiel sind extrem viel unterwegs. Es gehört in dem Alter dazu, Erfahrungen zu machen. Aber in dieser Phase sind alle auch sehr wachsam, was die nachhaltigen Aspekte angeht. Das führt aber nicht dazu, dass sie sagen: Wir reisen jetzt nicht mehr. Es führt dazu, dass sie anders reisen.

Für die Veteranen, also die rund um 1940 Geborenen, ist es oft nach wie vor etwas Tolles zu fliegen. Bei den Babyboomern geht es auch viel um Erfolg, um die Frage: Was kann ich mir leisten?

Dann kommt die Generation X, 1970 bis 1980 Geborene. Das sind die, die jetzt eventuell Kinder haben. Da geht es darum: Was wollen wir? Das wird auch zu Hause am Esstisch diskutiert. Deren Kinder, das sind die sogenannten Alphas, also die ab 2010 etwa geboren sind. Diese Kids werden diejenigen sein, die ihren Eltern sagen: Flugreisen machen wir nur alle paar Jahre. Und ansonsten fahren wir im Zug an die Nordsee und räumen dort vielleicht auch mal den Strand auf.

Frage: Das Bewusstsein für die Art, wie wir reisen, verändert sich?

Brözel: Die Motive ändern sich. Für die ältere Generation ist Reisen die Flucht aus dem Alltag. Die jüngeren Generationen haben sehr viel Reiseerfahrung und sind sehr engagiert, was Nachhaltigkeit angeht. Das heißt, wenn sie unterwegs sind, versuchen sie beispielsweise anders zu reisen oder im Land etwas Positives zurückzugeben.

Die jüngere Generation wächst ja auch in einem ganz anderen Umfeld auf: Soziale Netzwerke, grenzenloses Reisen in Europa, Erasmus und andere Arbeitsmodelle – Millenials nutzen das, und auch die Generation Z profitiert davon. Soziale und ökologische Verantwortung spielt da schon eine große Rolle.

Bei den Alphas wird sich das noch mal verstärken. Ich glaube, sie machen überhaupt keine Kompromisse. Das heißt, das Reisen wird sich auf jeden Fall verändern. Diese klare Abgrenzung von Alltag und Gegenalltag, die gibt es zunehmend nicht mehr.

Frage: Stirbt der typische Pauschalurlauber aus?

Brözel: Wenn die Veteranen und die Babyboomer herauswachsen aus dem, was wir im Moment im Massentourismus-Markt haben, dann wird es dieses eine massive Standardangebot nicht mehr so geben. Ich glaube, wovon wir uns verabschieden müssen, ist die Masse.

Die Branche bemerkt das derzeit schon und wird künftig verstärkt individuelle Bausteine anbieten. Die organisierte Pauschalreise verändert sich. Die Organisation wird weiter nachgefragt, aber die Pauschalreise selbst verändert sich. So nach dem Motto: Du gehst zum Beispiel auf eine Teeplantage und arbeitest dort, hast aber trotzdem dein nachhaltiges Hostel. Veranstalter werden künftig mehr die Frage beantworten: Was geben wir dem Land zurück?

Frage: Wird das nicht zu Overtourism führen?

Brözel: Der Tourismus wird vermutlich künftig in nachgefragten Orten anders gesteuert werden. Vielleicht müssen wir uns darauf einstellen, dass wir nicht jederzeit überall hin dürfen. Vielleicht muss ich mich an bestimmten Orten in Zukunft vorher anmelden. Oder die Touristenströme werden über die digitalen Möglichkeiten anders gesteuert. Kurzfristig kann es auch Preiserhöhungen geben.

Interview: Falk Zielke, dpa


 

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