Schweben in schwarzer Masse: Wenn Hotels Moorbäder anbieten

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Als Markus Koch das Förderbandsystem anwirft, dröhnt es laut. Schwarze Torfklumpen beginnen zu wandern, um maschinell von groben Teilen befreit zu werden. Dann verwandeln sie rotierende Messer unter ohrenbetäubendem Lärm in eine lose Masse, die Koch anschließend unter Dampf zu einem 42 Grad heißen Brei weiterverarbeitet. 

Wie im Betriebshof des «Gräflichen Parks» in der kleinen Bad Driburger Heilmoor-Produktionshalle für sie gerührt wird, bleibt den Gästen im benachbarten Moorbadehaus verborgen. Für sie steht die Anwendung im Vordergrund. Und das schon seit über 200 Jahren. 

Seit 1821 heißt es in Deutschlands einzigem Privatheilbad: entkleiden, die Haare mit einer Duschhaube schützen, vielleicht noch einen Schluck Wasser trinken oder die Finger- und Fußnägel mit einer Creme vor Verfärbungen schützen. Und dann einsteigen in die heiße, schwarze Masse. Denn hinter der Tür des kleinen Ruheraums wartet heute wie gestern der frisch zubereitete Badetorf in einer Stahlwanne. 

Über 60 auf Moortherapie spezialisierte und anerkannte Heilbäder gibt es in Deutschland - die auch den Tourismus beflügeln. Denn Hotels und Thermen in einigen dieser Orte richten sich gezielt an gesundheitsbewusste Reisende: mit Moorbädern, heißen und kalten Packungen, Moortreten und -kneten oder Massagen mit Moorsalbe. Und offenbar gibt es genügend Nachfrage.

Heilmittel-Quickie

«Mooranwendungen sind bei uns beliebt», sagt zumindest Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff, der das Bad Driburger Heilbad in siebter Generation betreibt und dazu einen denkmalgeschützten Gebäudekomplex inmitten eines Landschaftsparks zum «Medical Spa» umbauen ließ. Als Gäste, die auf die regenerierende Kraft des Moores setzten, empfängt er vor allem «gestresste, aktive 30- bis 40-Jährige».

Sie zögen eine kurze Auszeit mit Relaxen im Spa einer traditionellen Kur mit ritualisiertem Tagesablauf oft vor, wollten naturnah entschleunigen und rasch neue Kräfte schöpfen. Ende des 18. Jahrhunderts gehörten Kuren als Sommerfrische dagegen noch zum festen Terminplan der Eliten, denen Kurorte sogar als Heiratsmarkt dienten.

Heute buchen die Gäste im «Gräflichen Park», dem «Health und Balance Resort» neben den Gräflichen Kliniken, zum Beispiel dreitägige «Heilmittel-Quickies», die neben Moorbad und Massage Mineralbad und Kneippanwendung umfassen. Oeynhausen-Sierstorpff empfiehlt etwa nach Radtouren durch den Teutoburger Wald Kaltmoorpackungen. Strapazierte Muskeln und Gelenke regenerierten so «innerhalb eines Tages», sagt der ambitionierte Hobbyradsportler. Im Angebot sind aber auch 14-tägige «Moorwochen» mit ärztlichem Check-up, die einer ambulanten Badekur schon nahekommen.

Moor-Vollbäder bedürfen wegen der stark stoffwechselanregenden Wirkung in der Regel eines ärztlichen Attests oder der Konsultation eines Badearztes. Die Programme des «Heide Spa» im sächsischen Bad Düben zum Beispiel beschränken sich deshalb auf Packungen und Halbbäder.

Entspannende Wirkung im Vordergrund 

Der Deutsche Heilbäderverband betont, die Potenz ihrer Heilkräfte entfalteten Moorbäder erst in der ärztlich begleiteten mehrwöchigen ganzheitlichen Kur oder Therapie. Wissenschaftlich nachgewiesen seien entzündungshemmende und schmerzlindernde Effekte sowie eine wachstumshemmende Wirkung auf Bakterien bei verschiedenen rheumatischen und gynäkologischen Erkrankungen.

Bleibt für die Hotel-Wellness also primär die entspannende Wirkung in einer Umgebung fern des Alltags. Wer sich in eine gefüllte Wanne legt, empfindet den 42 Grad gebrachten Moorbrei als angenehm mollig. «Die Wärme des Badetorfes dringt langsam, aber tief in den Körper ein», erklärt Moortherapeutin Luise Schrader.

Überwärmung nenne man diesen Prozess, den allerdings nur wenige Menschen als unangenehme Hitze empfinden. Schrader tupft dem Badegast im «Gräflichen Park» Schweißperlen von der Stirn und fügt an: «Versuchen Sie, sich sanft zu bewegen.»

Was dabei eintritt, ist ein Gefühl schwereloser Geborgenheit - sofern man die Balance nicht verliert, denn nur der Kopf auf dem Wannenkissen gibt Halt im warmen Moorbrei. Man spürt, wie der Auftrieb im Breibad Knochen, Muskeln, Sehnen und Bände entlastet.

Ob Annette von Droste Hülshoff ihre düstere Ballade «Der Knabe im Moor» auch gedichtet hätte, wenn sie diese wohlige Überwärmung genossen hätte? Ein anderer Gedanke: Sind Moorbäder mitten im Klimawandel nicht eine Öko-Sünde? Schließlich gelten Moore, im langen Verwitterungsprozess nach der Eiszeit entstanden, als effizienter CO2-Speicher.

Angenehm matt

Felix Grützmacher, Moorschutz-Experte beim Naturschutzbund (Nabu), gibt Entwarnung. «Da haben wir mit Gartenbau und intensiver Landwirtschaft auf entwässerten Mooren ganz andere Herausforderungen.» Heilmooranwendungen vor Ort seien «mengenmäßig und damit auch hinsichtlich der Umwelteinflüsse nicht relevant». Zumal der Torf ins Moor zurückgebracht werde und das CO2 damit weitgehend gebunden bleibe.

Nach 15 Minuten erdiger Schwerelosigkeit wird man als Moorbadegast in Bad Driburg abgeduscht und bemerkt schnell, dass der Organismus «ordentlich gearbeitet» hat. Dick in mehrere Decken eingepackt liegt man im Ruheraum da: entspannt, angenehm matt, mit rosiger Haut.

Wer anschließend durch den weitläufigen Park wandert, entdeckt zahlreiche Themengärten. Am Rande des Wildgeheges erinnert ein Hain mit Insel im Ententeich an die «verbotene» Romanze, die der Dichter Friedrich Hölderlin hier 1796 mit seiner Geliebten, einer Frankfurter Bankiersgattin, pflegte.
Und man stößt zu den Moorteichen vor, heute zwischen Golfplatz und Rosengarten versteckt: Anfang und Ende der Herstellung des Heiltorfs.

Hier geben die Moorköche den abgebadeten Brei dem Moor zurück. Innerhalb von fünf bis zehn Jahren regeneriert er dort in seiner natürlichen Umgebung und kommt dann gemischt mit Torf aus unberührtem Moor wieder in den Heilmoorkreislauf. Nur die letzten schwarzen Reste, die unter den Fingernägeln bleiben oder beim Haarewaschen im Waschbecken verschwinden, schaffen es nicht zurück. 

Links, Tipps, Praktisches:

Reiseziel: Bad Driburg liegt in Nordrhein-Westfalen im Naturpark Teutoburger Wald Eggegebirge. Freiherr Caspar Heinrich von Sierstorpff gründete hier 1782 das Kurbad als persönlich geführten «Ort des ländlichen Vergnügens», in bewusster Abgrenzung zum nahen, damals mondänen Bad Pyrmont.

Anreise: Altenbeken ist der nächstgelegene Eisenbahnknotenpunkt mit ICE- und Nahverkehrsanschlüssen; er liegt acht Regionalbahnfahrminuten entfernt. Mit dem Auto ist man etwa ab Frankfurt am Main in rund drei Stunden in Bad Driburg, ab Berlin in fünf Stunden.

Wellness mit Moor: Das Vier-Sterne-Superior-Hotel «Gräflicher Park Health und Balance Resort» ist ein denkmalgeschütztes Ensemble mit Logierhäusern, Brunnenhaus, Badehäusern. Moorvollpackungen kosten 52,50 Euro pro Person, Moorbäder 65,50 Euro. Im «Heide Spa» in Bad Düben in Sachsen gibt es Moorpackungen für 21 Euro, am Haus beginnt ein Moorerlebnispfad, auf dem man viel zu Entstehung, Abbau und Aufbereitung von Mooren erfährt. Im Sächsischen Staatsbad Bad Elster kostet ein «Naturmoor-Vollbad» 54 Euro. Das Gesundresort «FeelMoor» in Bad Wurzach in Baden-Württemberg hält eine 400 Quadratmeter große Moorabteilung bereit. In der Therme Bad Aibling in Bayern gehören Mooreinreibungen zum Angebot.

Ausstellung: Die «MoorErlebnisWelt» in Bad Driburg beleuchtet Moor als Lebensraum, CO2-Speicher, Zeugen der Erdgeschichte und Heilmittel. Für Führungen kann man sich per E-Mail anmelden. Der Eintritt ist frei. (dpa)


 

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