St. Magdalena - Wie Instagram-Touristen ein Alpendorf belagern

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Es hat wieder geschneit in Sankt Magdalena über Nacht. Die Dorfkirche mit dem Glockenturm und die Gräber auf dem Friedhof sind mit feinstem Neuschnee gepulvert, obwohl das überhaupt nicht mehr nötig gewesen wäre: Das 500-Seelen-Dorf in den Dolomiten, das allerletzte am Ende des langgezogenen Villnösser Tals, bietet auch so das Bild heiler Alpenwelt. Tag für Tag, das ganze Jahr hindurch. Was St. Magdalena immer mehr zum Verhängnis wird.

Inzwischen wird die Gemeinde - vom Magazin «Geo» zum «wohl schönsten Dorf Südtirols» gekürt - von Touristen überrannt. Sogar aus China kommen sie, so wie Han Gengai und Li Shangxi, zwei Studentinnen aus Peking. Die beiden haben das Foto von St. Magdalenas Kirche, wie sie so malerisch vor den Gipfeln der 3.000 Meter hohen Geislergruppe liegt, im Internet gesehen. Han (24) sagt: «Ich wusste sofort: Da muss ich hin.»

Früher, als die Leute noch einigermaßen zuverlässig Urlaubsgrüße mit der Post verschickten, hätte man das ein großartiges Postkarten-Motiv genannt. Bei Leuten wie Han heißt das nun «instagrammable». Die Jagd nach dem perfekten Bild fürs Instagram-Konto beschränkt sich längst nicht mehr auf die klassischen Städte-Reiseziele wie Venedig oder Amsterdam, die schwer unter «Overtourism» leiden. Immer mehr treibt es Foto-Touristen nun in die Natur. Es darf auch abgelegen sein.

Zehntausende Aufnahmen im Internet

Instagrammer findet man an den einsam liegenden Leuchttürmen der Bretagne, am Dynjandi-Wasserfall auf Island mit seinen vielen Kaskaden oder an Irlands Küste bei den spektakulären Klippen von Moher. Oder eben in den Dolomiten, selbst im hintersten Tal. In St. Magdalena halten sich die meisten gar nicht lange auf: hoch zur Kirche, ein paar Fotos mit dem Handy, vielleicht ein Selfie noch, ab damit ins Internet. Klick und weg. 

Auf Portalen wie Instagram, TikTok oder Flickr finden sich Zehntausende Bilder. Besonders beliebt ist St. Magdalena auf Xiaohongshu, dem chinesischen Gegenstück zu Instagram. «Bei uns kennt das Bild jeder», sagt Han, die Studentin. Das hat nach Auskunft des Bürgermeisters der Hauptgemeinde Villnöss, Peter Pernthaler, damit zu tun, dass ein chinesischer Telekom-Konzern vor einigen Jahren mit dem Alpenpanorama Werbung machte. «Damit hat der ganze Schlamassel angefangen», sagt der 56-Jährige. Denn inzwischen leiden die Leute sehr.

Reisebusse blockieren die Straßen im engen Tal

Das beginnt damit, dass Busse regelmäßig die engen Straßen des Tals verstopfen. Inzwischen haben sogar Reisebüros im 200 Kilometer entfernten Verona die Kirche im Angebot: morgens Romeo und Julia, nachmittags St. Magdalena. Die 250 Euro Gebühr für einen Bus-Parkplatz schrecken kaum einen Veranstalter ab. Ähnlich sieht es bei den Pkw aus. Sind die Parkplätze voll, wird im Dorf wild geparkt. Oft sind es Autos mit deutschen Kennzeichen, viele davon Mietwagen. 

Am schlimmsten ist es jedoch oben an der Kirche, die auf einer Anhöhe liegt. Vom Dorf kommt man in 15 Minuten zu Fuß dorthin. Obwohl es eine Schranke gibt, lassen sich einige nicht abhalten, mit dem Auto vorzufahren. Eigentlich ist das nur Anwohnern erlaubt sowie bei Hochzeiten und Beerdigungen. Auf der Suche nach dem perfekten Motiv lassen manche jede Hemmung fallen: steigen über Zäune, zertrampeln Wiesen, lassen ihren Abfall liegen. Manchen sind selbst die 70 Cent für die Toilette zu viel.

Am Obermesner-Hof neben der Kirche hängt seit einiger Zeit ein handgeschriebenes Schild in drei Sprachen: «Privatbesitz - Privät - Privata». Die Tochter des Hofes, die ihren Namen lieber nicht nennen will, klagt: «Nicht einmal das hält die Leute ab. Die kommen mit dem Handy zu uns bis in die Küche.» Oder in den Stall: Das Rindvieh vom Fallerhof unterhalb gehört nun wohl zum meistfotografierten in Europa. Jetzt haben sie Seile zur Absperrung gespannt.

Schranke soll dieses Jahr Abhilfe schaffen

Der Bürgermeister meint: «Das ist schlimmer als in Venedig. Die Leute haben keinen Anstand. Die Privatsphäre wird überhaupt nicht mehr respektiert.» Nach dem Willen der Gemeinde soll damit jedoch bald Schluss sein: Für 20.000 Euro wird die Zufahrt zur Kirche und ins Dorf mit einer hochmodernen Schrankenanlage versperrt, die auch mit Kameras ausgestattet ist. Spätestens im Mai soll sie in Betrieb gehen. «Wir hoffen, dass wir die Sache damit in den Begriff bekommen», sagt Pernthaler. «Sicher sind wir uns nicht.»


 

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