400 Jahre Reeperbahn - Kiez feiert Wandel

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Wo früher auf langen Bahnen Schiffstaue verdrillt worden sind, riecht es heute nach Döner, Currywurst, manchmal nach schalem Alkohol und immer nach dem Verruchtsein vergangener Tage. Schon Ende der 1970er Jahre besang Udo Lindenberg die Reeperbahn als «Kulisse für 'n Film, der nicht mehr läuft». 

Mittlerweile ist Hamburgs «sündigste Meile der Welt» eher Partymeile: touristisch, bunt, mit viel Glitzer und vergleichsweise wenig Rotlicht - für die St. Paulianer aber immer noch Grund genug, den 400. Geburtstag der Reeperbahn ordentlich zu feiern. 

Zurück zu den Anfängen - wie fing alles an?

Als Startschuss für die Besiedlung des Hamburger Bergs, der heute das Amüsierviertel St. Pauli beheimatet, nennt Stadtteilhistorikerin Eva Decker die Ankunft der Reepschläger im Jahr 1626. Damals mussten sie wegen des Baus der Hamburger Wallanlagen aus der Stadt weichen. Zwischen den damals eigenständigen Städten Hamburg und Altona fanden sie Platz für ihre langen Bahnen zur Tauherstellung. 

Angetrieben von der Industrialisierung sei daraus bis Ende des 19. Jahrhunderts ein dicht besiedelter Arbeiterstadtteil geworden und aus der Reeperbahn - ehemals Fahrweg zwischen Wiesen und Weiden - «ein Amüsierboulevard mit internationalem Publikum», erzählt die Historikerin. 

Wofür steht der Kiez heute noch? 

Um das herauszufinden, hat der Verein lebendiges Kulturerbe St. Pauli eine Umfrage gestartet. Die läuft zwar noch, doch es gibt erste Trends zu der Frage, was auf St. Pauli erhaltenswert ist: «Das Gros sagt ganz klar, Clubs und Kneipen», erzählt Vereinsvorständin Julia Staron. Große Übereinstimmung gebe es auch beim Negativen: «Dieses laute, überbordende Feiern finden alle nicht so toll.» 

Das Rotlicht sei in der Umfrage bisher von keinem Teilnehmenden als erhaltenswert erwähnt worden, dafür gebe die Umfrage Einblicke in das Lebensgefühl auf St. Pauli. «Wenn man in die Identitätsfragen reinguckt, treffen wir immer wieder auf das Wort Freiheit - dass hier alle Lebensentwürfe möglich sind - und ganz oft auch auf das Wort Toleranz», sagt Staron. 

Auch für den Präsidenten der Kiezkicker vom FC St. Pauli, Oke Göttlich, ist der Stadtteil ein Ort der Vielfalt. «St. Pauli war immer ein Ort, an dem unterschiedliche Lebensrealitäten aufeinandertreffen: geprägt von seiner Geschichte als Arbeiterviertel, aber auch von Subkultur und Nachtleben.»

Auch sein Verein sei davon geprägt. «Ohne die besetzten Häuser in der Hafenstraße wäre der Club heute nicht das, was er geworden ist: politisch und selbstbewusst.»

Wer treibt sich rum auf der Reeperbahn nachts um halb eins? 

An «normalen Wochenenden im Sommer» bevölkerten bis zu 30.000 Besucher den Kiez, sagt Davidwachen-Chef Kay Strasberg, der vor einem Jahr die Leitung der wohl berühmtesten Polizeiwache Deutschlands übernommen hat. «Da passieren auch viele Sachen, die als Straftaten zu bewerten sind. Das geht von normaler Körperverletzung, wenn sich zwei im Alkoholrausch streiten, bis hin zu Betrügereien.»

Das Publikum reiche «vom Matrosen eines englischen Marineschiffs, das im Hafen festgemacht hat, bis hin zu Junggesellenabschieden mit irgendwelchen Kostümen oder Bauchläden und Touristen aus ganz Deutschland und dem Ausland».

Auch Jugendgruppen mit bis zu 80 Menschen, «die sich auf dem Kiez mehr oder weniger zusammenhängend aufhalten, weil sie zum Beispiel nicht in die Diskotheken und so weiter reinkommen», seien zuweilen eine Herausforderung, sagt der Polizeiwachenchef. «Weil der mögliche Frust darüber zu Konflikten auch mit Unbeteiligten führen kann.»

Auf die Frage, ob ein Kiezbesuch gefährlich sei, kommt von Strasberg dennoch ein klares Nein. Allerdings nennt er Verhaltensregeln: «Schauen Sie, dass Sie verantwortungsbewusst mit Alkohol und anderen Rauschmitteln umgehen und bleiben Sie Herr Ihrer Sinne. Und wenn es beim Bezahlen oder sonst irgendwo Probleme gibt, rufen Sie die 110 oder kommen Sie in die Davidwache.»

Wie verändert die Gentrifizierung den Kiez? 

Tagsüber begegnet man auf der Reeperbahn auch vielen Obdachlosen. Ihre Zahl habe zugenommen, sagt Heilarmee-Majorin Mareike Walz, die sich um die Gestrandeten am Rande der Gesellschaft kümmert. Am Eingang des alten Backsteinhauses in der Talstraße weist die Leuchtschrift «Jesus lebt» den Bedürftigen den Weg in das Begegnungscafé oder die Kleiderkammer. 

Mehr als 100 Jahre ist die christliche Freikirche dort nun schon gemäß ihrem selbstgesetzten sozialen Auftrag für Menschen in Not tätig. «1922 hat die Heilsarmee das Haus gekauft», sagt Walz. 15 Wohnungen stünden darin Menschen zur Verfügung, die ansonsten keine Bleibe auf dem Kiez finden würden. 

Die Gentrifizierung sei auch auf dem Kiez zu spüren. Vor allem das Wohnen sei teurer geworden, «was ich schade finde, wenn Leute verdrängt werden aus ihren Wohnungen, weil sie sich die nicht mehr leisten können». Es vergehe kaum eine Woche, in der sie in ihren «heiligen Hallen» nicht neue Stammgäste begrüße, sagt Walz. «Ich würde schon sagen, dass das mehr geworden ist.» 

Für Fußballclub-Präsident Göttlich ist die soziale Durchmischung auf dem Kiez essenziell. «St. Pauli muss ein demokratischer, vielfältiger und solidarischer Ort bleiben, an dem unterschiedliche Menschen zusammenkommen und sich begegnen», sagt er. 

Schlägt das «Herz von St. Pauli» noch am rechten Fleck?

Oft sei dieses St. Pauli schon totgesagt oder schlechtgeredet worden - «so, als gebe es eine Abwärtsspirale», sagt Staron und räumt zugleich aber ein, dass dies auf bestimmten Ebenen auch zutreffe, «wenn man an die Kiosk-Schwemme und diesen ganzen Ballermann-Kram denkt». 

Schon seit langem gibt es von Anwohnern Kritik an den vielen Jungessellenabschieds-Gesellschaften und geführten Touren, die durch das Viertel ziehen.

Wirtschaftlich werde es auf St. Pauli angesichts hoher Gewerbemieten immer schwieriger, sagt die 55-Jährige, die auch als Quartiersmanagerin für den Business Improvement District Reeperbahn tätig ist. Zwar sei der Kiez «voller denn je». Dennoch seien «die Umsätze sind nicht mehr so dolle». Am schwersten hätten es «Einzelkämpfer, die nur einen Laden betreiben und die Saisonunterschiede nicht ausbügeln können». 

Bei der gemeinsamen Planung der 400-Jahr-Feier habe sich aber gezeigt, «wie resilient dieses Viertel ist». Ob Prominente, Künstler oder Subkultur - plötzlich seien alle da gewesen und miteinander ins Gespräch gekommen, sagt Staron. «Das ist genau das, was den Kiez ausmacht. Das ist wie ein Perpetuum Mobile: Wenn du es anschubst, dann ist das eine Dynamik, die ist unfassbar.»

Wann steigt die Party?

Den Auftakt bildet am Donnerstag eine große «Reeperbahn Singsation» auf dem Spielbudenplatz - wo so viele Menschen wie noch nie gemeinsam den Lindenberg-Song «Reeperbahn» singen sollen. Außerdem ist ein buntes Musik- und Showprogramm geplant – inklusive Fassanstich des eigens gebrauten Jubiläumsbiers «Reep Royal» durch Bürgermeister Peter Tschentscher.

«Die Auftaktveranstaltung ist so etwas wie ein Gongschlag», sagt Staron, die als Quartiersmanagerin des Business Improvement District Reeperbahn mit für die Organisation verantwortlich ist. Für den Rest des Jubiläumsjahres sei ein dezentrales Programm unter anderem mit Konzerten und wechselnden Ausstellungen geplant - auch rechts und links der Reeperbahn über den ganzen Kiez verteilt. «Wir wollten ja mit Absicht kein großes Fass aufmachen, denn es geht ja gerade um dieses ganz Kleine überall.» (dpa)


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