Schlaftourismus: Traumurlaub in Füssen

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«Wussten Sie, warum Bauern ihre Babys niemals im Heu schlafen lassen?», fragt Dr. Ina Schicker, während sie mit getrockneten Pflanzenteilen gefüllte Schraubgläser vor sich aufbaut. «Weil es so stark sediert, dass kleine Kinder nur schwer wieder wach zu bekommen sind.»

Auch Zirbenholzspäne, Baldrian, Lavendel, Hopfen oder Rosenblüten wirken nachweislich schlaffördernd, erklärt die Heilkräuterexpertin die Kneipp’sche Naturapotheke während ihres Schlummerkissen-Workshops, in dem die Teilnehmer an gefüllten Leinensäckchen schnuppern, bis sich wohlige Müdigkeit breitmacht. Denn: «Im Duft liegt die Ruhe», sagt Schicker.

Weltweiter Boom

Ihr Workshop ist Teil eines fünftägigen Schlaf-Lern-Programms im bayerischen Kneippheilbad Füssen, das den Trend Schlaftourismus entdeckt hat. Geschulte Schlaflotsen weisen übermüdeten Gästen während dieser Zeit den Weg in den ersehnten Tiefschlaf.

Schlaftourismus boomt weltweit. Statt mit Action oder Sightseeing locken immer mehr Hotels mit erholsamen Nächten bis hin zu medizinischen Schlaf-Retreats. Je erholsamer die Nächte, desto schöner der Urlaub: Die Erfolgsformel ist simpel. Die Zielgruppe ist riesig.

Allein in Deutschland sind Schlafprobleme in der Bevölkerung verbreitet, wie Studien und Umfragen immer wieder zeigen. Mit welchen Methoden der Geplagte ins Reich der Träume geleitet werden soll, ist auch eine Frage des Budgets.

So setzt das am Fuße des Himalaya gelegene Fünf-Sterne-Haus «Six Senses» auf tibetische Heilkunst, während das vom balinesischen Dschungel umgebene Luxusresort «Buhan» mit Massagezeremonien im Einklang der Natur wirbt. Kostenpunkt: mehrere Tausend Euro, Jetlag inklusive. Ist das der Preis für guten Schlaf?

Den Elektrosmog ausknipsen

Beim Füssener Schlafschnupperkurs im «Biohotel Eggensberger» geht es bodenständiger zu. Dennoch erfüllt Inhaber Andreas Eggensberger als einer von sieben zertifizierten Schlafgastgebern strenge Vorgaben: hochwertige Matratzen, schlaffördernde Lichtsysteme, Verdunklungsvorhänge, Kissen-Menüs. Ganz wichtig: der Gute-Nacht-Schalter auf jedem Zimmer, um WLAN und störenden Elektrosmog auszuknipsen.

«In einer strahlungsarmen Umgebung regeneriert sich der Körper besser.» In seiner Rolle als Schlaflotse hat Eggensberger zudem für jeden Schlummer-Kummer ein offenes Ohr und meist gleich die passende Lösung parat. «Mal muss ich den Lattenrost neu einstellen, mal ein anderes Kissen bringen, mal helfen Schlaftee oder Wärmflasche.» Jede Prinzessin auf der Erbse wäre entzückt. 

Wie bei den fernen Luxuspendants setzt das Füssener Schlummerseminar ebenfalls auf traditionelles Heilwissen: die 150 Jahre alten Lehren von Pfarrer Sebastian Kneipp. Die auf den fünf Säulen Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen, Wasser und Balance basierende Philosophie ist seit 2015 im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes gelistet und aktueller denn je.

Suche nach innerer Ordnung

So lautet eine der zentralen Botschaften: Für gesunden Schlaf braucht es innere Ordnung. Doch wo findet man sie?

«Bei den Bäumen», sagt Naturtherapeutin Miriam Kußmaul und nimmt die Schlafsuchenden mit zum Waldbad im vernebelten Faulenbacher Tal. «Was hörst du? Was fühlst du? Was riechst du?» Tief einatmen, ein Fuß vor den anderen, eins werden mit der Natur, den Kopf von Gedanken leeren. Eintauchen ins Allgäuer Alpenglühen.

«In Füssen», sagt Stadtführerin Sonja Unold, die mit ihrem meditativen Stadtrundgang verborgene Schönheiten sichtbar machen will. Er beginnt am Ort des ewigen Schlafs, dem Alten Friedhof vor der Bergkulisse, vorbei am Franziskanerkloster. Weiter geht es treppab durch das über 600 Jahre alte Bleichertor, bis an das Ufer des Lech, der als einer der letzten verbliebenen Wildflüsse der nördlichen Alpen gilt. Angesichts dieser Ursprünglichkeit hört die Zeit für einen kurzen Moment auf zu existieren. 

«In einem selbst», finde man die innere Ordnung, sagt Psychologe Sascha Maurer, der in seinem Kurs erklärt, wie wichtig es ist, auf seine innere Uhr zu hören. «Lebe nach deinem Rhythmus, folge deinen Ritualen, dann kommt auch der Geist zur Ruhe.» Falls das Gedankenkarussell doch zu übernehmen droht, helfe das Mantra: Ich bin entspannt und freue mich darauf, jetzt zu schlafen. 

«Im Wasser», ist der Tipp des Kneipp-Bademeisters Andreas Eggensberger für die Suchenden. Seit vielen Jahren schwört er auf die Kneipp’sche Hydrotherapie. Dass tägliche Güsse über Arme und Unterschenkel die Schlafqualität tatsächlich verbessern können, belegte er in einer gemeinsam mit Forschern der Ludwig-Maximilians-Universität München durchgeführten Studie. Und so offenbaren sich mit jedem weiteren der 14 Programmpunkte neue Antworten, die dem Schlaf nach und nach seine Leichtigkeit zurückgeben sollen.

Wie es nach fünf Tagen voller Achtsamkeit, Yoga, Meditation, gesunder Ernährung, Kneipp-Anwendungen, Spaziergängen, wohligen Düften und Mind-Coaching tatsächlich um die innere Ordnung bestellt ist, lässt sich in Eggensbergers kleinem Schlaflabor messen. Wechseln sich nach zwei Tiefschlafphasen Leicht- und Traumschlaf im 90-Minuten-Rhythmus ab? Glückwunsch! «So sieht gesunder Schlaf aus!» Auf dem Diagramm kann Eggensberger sogar ablesen, welche Träume besonders aufwühlend waren.

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Dies führt zu einem der größten Träumer der Geschichte, der sich zu Kneipps Lebzeiten im nur wenige Kilometer entfernten Schloss Neuschwanstein die Nächte um die Ohren schlug. König Ludwig II. war berüchtigt für seine Insomnie.

Vielleicht war es seine innere Unruhe (oder nach Kneipp: Unordnung), die ihn magische Welten unter golden bemalten Sternenhimmeln erschaffen ließ. Einsam, aber umgeben von kunstvoll gestalteten Wänden, erweckte er die darauf abgebildeten Heldensagen, Paradiesvögel, Schwäne und verwunschenen Wälder mit dem Flackern Hunderter Kerzen zum Leben. Bis heute fühlt sich der Gang durch seine verzauberten Gemächer seltsam entrückt an.

Träume sind kostbar, vielleicht sogar lebenswichtig. Auch für die psychische Gesundheit. Indem sie helfen, Erlebtes zu verarbeiten, erledigen sie wichtige Aufräumarbeiten im Gehirn. Doch braucht es dafür den Schlaf. Ein Jammer, dass der unglückliche Märchenkönig dem Herrn Kneipp nie begegnet ist und auch keinen Schlaflotsen bitten konnte, ihm den Lattenrost neu einzustellen oder das Kissen-Menü zu bringen. (dpa)


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