Ifo-Geschäftsklimaindex abgestürzt – aber nicht im Gastgewerbe

| Zahlen & Fakten Zahlen & Fakten

Die deutsche Wirtschaft sieht für das kommende halbe Jahr schwarz: Das Ifo-Geschäftsklima, Deutschlands wichtigstes Konjunkturbarometer, fiel im März von 98,5 auf 90,8 Punkte. Die Geschäftserwartungen der Unternehmen seien noch stärker abgestürzt als beim Ausbruch der Corona-Krise vor zwei Jahren. «Ein historischer Einbruch», sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest am Freitag in München. «Die Unternehmen in Deutschland rechnen mit harten Zeiten.»

Wegen des nun schon seit vier Wochen tobenden Krieges in der Ukraine rechnen die Industrie-, Handels-, Bauunternehmen und Dienstleister in den kommenden Monaten mit einem kräftigen Rückgang ihrer Geschäfte. Die Industriebetriebe bewerteten nicht nur ihren Ausblick als «extrem unsicher», sie bewerteten auch schon ihre aktuelle Geschäftslage schlechter als im Vormonat: Ihr Gesamtindex ist «so stark gefallen wie noch nie», sagte Fuest.

In der Autoindustrie führten fehlende Kabelbäume aus der Ukraine und Engpässe bei Rohstoffen und Halbleitern zu Produktionsstopps und Kurzarbeit in deutschen Werken. «Auto ist richtig abgerauscht von plus 14 auf minus 43 Punkte», sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. Die Elektrobranche sei nicht so stark betroffen, die Chemieindustrie dagegen schon.

Sie leidet nicht nur unter dem extrem gestiegenen Gaspreis und erwartet Produktions- und Umsatzrückgänge in diesem Jahr, sondern sie käme ohne russische Gaslieferungen sofort ins Schleudern - mit Folgen für die Lieferketten in allen Branchen.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sagte, Deutschland werde Terminals für Flüssig-Erdgas (LNG) aufbauen und wolle in zwei Jahren unabhängig von russischem Gas sein. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm, warnte, dass Unternehmen wegen der Energiepreisexplosion in existenzielle Schwierigkeiten gerieten: «Schon jetzt sind einige energieintensive Unternehmen gezwungen, ihre Produktion wegen überbordender Gas- und Stromkosten zu drosseln.»

Die vom Ifo-Institut befragten Handelsunternehmen schätzten ihre aktuelle Lage fast unverändert gut ein, aber der Index der Geschäftserwartungen «stürzte so stark ab wie nie zuvor». Die Verbraucherpreise waren schon im Februar um 5,1 Prozent gestiegen. Mit der fortgesetzten Inflation schrumpft die Kaufkraft der Konsumenten. «Die Händler befürchten, dass die Kunden weniger einkaufen, weil sie mehr für Energie ausgeben müssen und vielleicht auch mehr auf die hohe Kante legen», sagte Wohlrabe. Fast alle befragten Supermärkte planten Preiserhöhungen. Der Handelsverband HDE erwartet dieses Jahr im Online-Handel 13,5 Prozent Wachstum, im stationären Handel nur 1,2 Prozent - nominal, nicht inflationsbereinigt.

Im Dienstleistungssektor verschlechterte sich das Geschäftsklima, weil die Logistikbranche mit großer Sorge auf die kommenden Monate blickt. Die mittelständischen Betriebe seien im Existenzkampf, der befristete Steuernachlass auf Diesel sei nur «ein Tropfen auf den heißen Stein», beklagte der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung am Freitag. Den Transporteuren machen auch hakelnde Lieferketten und der Ausfall osteuropäischer Fahrer zu schaffen.

Dagegen ist die Stimmung bei Gastgewerbe und Touristik gut, sie profitierten von dem Ende vieler Corona-Beschränkungen: «Sie erwarten einen guten Sommer», sagte Wohlrabe.

Die meisten Baufirmen zeigten sich bei der Ifo-Umfrage zufrieden mit den laufenden Geschäften. Aber auch ihre Erwartungen stürzten ab. Der Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands, Tim-Oliver Müller, sagte, die Branche schiebe einen historisch hohen Auftragsbestand von 64 Milliarden Euro vor sich her. Aber «wir können heute nicht sicher sagen, ob genügend Material für alle Baustellen in Deutschland vorhanden sein wird». Es gebe Lieferengpässe, die Preise stiegen, viele Firmen könnten Aufträge nicht mehr seriös kalkulieren: «Die Baubranche schließt Baustopps für eine Vielzahl von Projekten nicht mehr aus».

Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet dieses Jahr immerhin mit 350 000 Arbeitslosen weniger und 520 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mehr. Den höchsten Beschäftigungszuwachs erwartet das IAB bei Öffentlichen Dienstleistern, Erziehung, Gesundheit und bei Handel, Verkehr, Gastgewerbe, einen Abbau von 10 000 Stellen dagegen in der Industrie.


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Überstunden gehören für viele Beschäftigte zum Arbeitsalltag. Doch Arbeitgeber dürfen Mehrarbeit nur unter bestimmten Voraussetzungen verlangen. Was bei Anordnung, Vergütung, Dokumentation und Arbeitszeit gilt.

Wer im Job neues Wissen oder neue Fähigkeiten benötigt, bekommt oft eine Fortbildung dafür. Findet diese auch während der Arbeitszeit statt, liegt es nahe, dass der Arbeitgeber die Kosten dafür trägt. Doch ist das wirklich so?

Fast jeder zweite Selbstständige in Europa verzichtet auf Lohn, um unabhängig zu bleiben. Was steckt hinter dem Stolz, auf Kredite zu verzichten – und welche Ängste spielen eine Rolle?

Ein Krankenschein hat einen hohen Beweiswert. Um den zu erschüttern, braucht ein Arbeitgeber deutliche Indizien. Das zeigt einmal mehr ein Urteil des Arbeitsgerichts Nordhausen, auf den die Arbeitsgemeinschaft Arbeitsrecht des Deutschen Anwaltvereins (DAV) hinweist.

So viele Insolvenzen gab es im ersten Halbjahr seit mehr als zehn Jahren nicht. Creditreform warnt: Noch hat die Pleitewelle ihren Scheitelpunkt nicht erreicht. Die Liste der Probleme ist lang.

Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass bargeldloses Bezahlen im Urlaub einen neuen Höchststand erreicht hat. Vor allem jüngere Reisende nutzen Kreditkarten und Smartphones, während bei der Generation über 50 Jahre Bargeld weiterhin knapp dominiert.

Eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes zeigt, dass sich 21 Prozent der deutschen Bevölkerung im Jahr 2025 keinen einwöchigen Urlaub leisten konnten. Besonders betroffen waren einkommensschwache Haushalte sowie Alleinerziehende.

Das Gastgewerbe hat sich im Mai 2026 besser entwickelt als andere Branchen des deutschen Mittelstands. Der DATEV-Mittelstandsindex weist sowohl bei den Umsätzen als auch bei den Löhnen die stärksten Zuwächse unter den untersuchten Wirtschaftszweigen aus.

Eine Umfrage zeigt, dass 73 Prozent der Arbeitnehmer in Österreich im Urlaub erreichbar bleiben. Besonders Führungskräfte sind während der freien Tage häufig digital oder telefonisch für den Betrieb verfügbar, was von vielen als Belastung empfunden wird.

Viele Menschen in Deutschland sparen – vor allem bei Kleidung sowie beim Besuch von Restaurants, Cafés und Bars. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des Instituts Kantar im Auftrag des Preisvergleichsportals Idealo.