Krank im Homeoffice: An sich selbst und den Arbeitgeber denken

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Im Homeoffice sind die Barrieren für Beschäftigte, sich an den Laptop zu setzen, obwohl sie krank sind, besonders niedrig. Wie zieht man eine Grenze?

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist es vielerorts ein No-Go geworden, mit Erkältungssymptomen zum Arbeitsplatz zu kommen. Das hat aber nicht wirklich dem Präsentismus ein Ende gesetzt. So nennt sich das Phänomen, wenn Beschäftigte auch krank zur Arbeit kommen.

Im Gegenteil: Vielfach hat er sich ins Homeoffice verlagert. So zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie erste Tendenzen, dass Beschäftigte in vielen Fällen trotz Krankheit von zuhause aus arbeiten. Besonders Schuldgefühle seien dafür ausschlaggebend, so die Studienautorinnen der Kühne Logistics University in Hamburg und der WHU-Otto Beisheim School of Management in Düsseldorf.

Zum Meeting wird man sich ja wohl auch mit ein bisschen Kopfweh und einer verschnupften Nase noch zuschalten können, oder?

Utz Niklas Walter, Leiter des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG), verrät im Interview, wie Beschäftigte die richtige «Bettkanten-Entscheidung» treffen und welche Rolle dabei Führungskräfte haben.

Frage: Warum fällt es vielen im Homeoffice schwer, nicht zu arbeiten, obwohl sie krank sind?

Utz Niklas Walter: Generell kann man sagen: Im Homeoffice ist es natürlich leicht, mal eben das Notebook in die Hand zu nehmen. Man fühlt sich nicht so fit, sitzt im Bett und hat häufig den Laptop oder das Smartphone ohnehin griffbereit. Da passiert es schnell, dass man auch die E-Mails checkt. Die Barrieren sind niedrig.

Welche Gründe speziell für Präsentismus im Homeoffice ausschlaggebend sind, dazu gibt es kaum Forschungserkenntnisse. Diese sind aber wahrscheinlich ähnlich wie beim klassischen Präsentismus.

Und da zeigen unsere Auswertungen von 16 000 Datensätzen, dass Beschäftigte vor allem wegen dringender Aufgaben und Terminen trotz Krankheit arbeiten. Der zweithäufigste Grund ist angehäufte Arbeit. Und an dritter Stelle steht der Wunsch, den Kolleginnen und Kollegen nicht zur Last zu fallen. Jüngere Beschäftigte sagen zudem häufig, dass es an einer Vertretung für sie fehle.

Frage: Wie setzen Beschäftigte selbst sinnvolle Grenzen?

Walter: Zunächst trifft jeder von uns jeden Morgen eine Bettkanten-Entscheidung - ich wache auf und spüre, wie gut es mir geht und was ich heute machen kann. Diese Entscheidung sollte bewusst getroffen werden.

Ausschlaggebend sind letztlich die Symptome. Wie geht es mir? Wie fühle ich mich gerade? Wenn ich zum Beispiel nur ein leichtes Kopfziehen oder ein leichtes Kratzen im Hals habe, muss das nicht heißen, dass ich den ganzen Tag im Bett verbringe. Man sollte hier auch an den Arbeitgeber denken.

Wenn ich aber merke, ich habe stärkere Symptome und die Gefahr einer Verschleppung der Krankheit droht, dann sollte man sich lieber einen Tag rausnehmen, viel trinken, den Laptop wegschließen und sich ausruhen. Entscheidend sollten also die Stärke der Symptome und die Frage sein, ob eine Verschleppung möglich ist.

Frage: Wie finden Teams hier eine gute Übereinkunft, so dass keine falsche Erwartungshaltung entstehen?

Walter: Letztlich kann man eine Art Selbstverpflichtung im Team entwickeln. Am besten hält man schriftlich fest, wie man mit diesen Dingen umgehen möchte und lässt das dann auch von jedem unterschreiben. Nach dem Motto: «Das ist unser Präsentismus-Kodex.»

Wichtig ist dabei, einen guten Kompromiss zwischen den Wünschen des Arbeitgebers und der Arbeitnehmer zu finden. Außerdem sollten Führungskräfte versuchen, in ihren Teams eine Kultur der Achtsamkeit für das Thema zu entwickeln.

Dazu gehört zum einen, dass sie ihre Vorbildfunktion erfüllen und selbst nicht krank im Meeting erscheinen. Zum anderen sollten sie niemanden dafür loben, wenn er oder sie krank arbeitet. Etwa: «Mensch, super, du bist ja jetzt trotzdem hier!» oder «Toll, dass du jetzt heute noch einmal arbeitest.» Diese Signalwirkung ist fatal, vor allem in Meetings vor anderen Leuten.

Ein weiterer Punkt: Führungskräfte sollten besonders kompetitive Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schützen - indem sie klar sagen: «Du ruhst dich jetzt aus und nimmst dich raus.»

Das wird geschätzt, weil den Beschäftigten am Ende die Entscheidung abgenommen wird. Die Person muss sich keine Gedanken machen, in welchem Licht sie jetzt wohl vor der Führungskraft dasteht. (dpa)


 

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