Management by Rückspiegel?

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Menschen werden mit unterschiedlichen Genen, Temperamenten und Fähigkeiten geboren. Wer als Führungskraft aber meint, dass seine persönlichen Eigenschaften in Stein gemeißelt sind, glaubt vermutlich an sein statisches Selbstbild. Er tickt rückwärtsgewandt. Er wird immer wieder das Bedürfnis verspüren, sich beweisen zu müssen. Und er verharrt stets in alten Denkmustern. Aber bringt uns das wirklich weiter?

In Interviews mit Führungskräften begegne ich häufig Kandidaten, die nur dieses eine Ziel zu haben scheinen – sich selbst zu beweisen. Das scheint mit dem weitverbreiteten Missverständnis über Auswahl-Interviews zusammenzuhängen: In jeder Situation müssen diese Menschen ihre Intelligenz, ihre jahrelange Erfahrung, ihre Persönlichkeit, ihren Charakter unter Beweis stellen. Sie konzentrieren sich auf folgende Fragen: „Werde ich Erfolg haben oder werde ich scheitern? Werde ich klug, kompetent oder dumm aussehen? Komme ich gut an oder schlecht? Werde ich mich hinterher als Sieger oder Verlierer fühlen?“ Oft sind das gerade die Leute, die gern in ihrer Komfortzone arbeiten, sich schwertun mit Veränderung und Innovation.

Das dynamische Selbstbild

Zum Glück existiert auch noch ein anderes Selbstbild. Es geht nicht einfach davon aus, dass wir alle Eigenschaften von Geburt mitbekommen haben. Vielmehr zeigt uns dieses dynamische Selbstbild, dass wir unsere Grundeigenschaften durch eigene Anstrengungen, Training weiterentwickeln können. Auch wenn wir uns in tausenderlei Hinsicht, in Talenten, Eignungen, Interessen oder Temperamenten noch so sehr unterscheiden, wir können uns durch Einsatz, Übung ein Leben lang verändern und weiterentwickeln. Der beste Beweis dafür sind Leistungssportler. Diese Dynamik hilft uns gerade in unsicheren Zeiten des Wandels, in Krisen, Notfallsituationen, neue Lösungswege zu finden, auf die statische Persönlichkeiten nicht gekommen wären.


Über den Autor Albrecht von Bonin

Albrecht von Bonin ist einer der profiliertesten Personalberater in der Hospitality Industry. Die Suche und Auswahl von Spitzenkräften, der Einsatz von Interim Managern sowie Management Coaching für Führungskräfte und Unternehmer – das sind die Kernkompetenzen, mit denen VON BONIN und die avb Management Consulting echte Mehrwerte bietet.

Mit seinem Fachbeiträgen bei Linkedin, die auf der Erfahrung von 40 Jahren Beratungspraxis fußen, erreicht von Bonin seit Jahren viele tausend Leser. Jetzt gibt es seine Beiträge auch bei Tageskarte.


 

Suchen wir statische oder dynamische Führungskräfte?

Die Erfahrung aus der Welt von gestern ist: Wir haben zwar gelernt, wie wir mathematische Gleichungen berechnen, was wir tun müssen, wenn es in der Küche brennt und verstehen, was ein Stop-Schild auf der Straße bedeutet. Diese tradierten Konzepte und Richtlinien – ich nenne Sie „Management by Rückspiegel“ - geben uns Halt und Schutz in einer konstanten Welt. Jedoch in heutigen Zeiten des Wandels müssen wir uns eingestehen, dass wir mit den erlernten Techniken und unserer bisherigen Ausbildung allein nicht sehr weit kommen. Und für die Zukunft trifft das noch mehr zu. Schließlich bringt Wandel nicht selten Unvorhergesehenes, ungekannte Probleme mit sich, deren Lösung wir weder in der Schule oder der Universität gelernt haben. Corona war das beste Beispiel dafür. Die so wichtige geistige Flexibilität wurde uns selten beigebracht.

Was bedeutet das für die Auswahl von Führungskräften? Nichts wird in Zukunft so bleiben, wie es bisher war. Wir können es uns nicht mehr leisten, allein mit Wissen, Strategien und Erfahrungen von gestern die Herausforderungen von morgen bewältigen zu wollen. Statt uns wie früher in einer Welt von Konstanten ausschließlich darauf zu konzentrieren, welcher Kandidat alle Anforderungen des vertrauten „alten“ Job Profils perfekt beherrscht, empfiehlt sich eher, den Fokus auf den Menschen zu richten, dem wir die geistige Flexibilität und Dynamik – also das größte Potenzial – zutrauen, die zukünftigen Probleme und Anforderungen der Position optimal in den Griff zu bekommen. Das führt automatisch dazu, sich mit diesen Anforderungen der Zukunft kritischer auseinander zu setzen und daraufhin ganz andere Fähigkeiten für die Besetzung eines Chef-Postens auszuleuchten. Hier einige wichtige Fragen dazu:

  • Werden Lösungswege aus mehr als einem Blickwinkel betrachtet?
  • Ist Offenheit und Kommunikation gegenüber Menschen mit anderer Einstellung als der eigenen erkennbar?
  • Ist eine gesunde Portion Selbstreflexion vorhanden?
  • Wird in schwierigen Situationen auch mal der Rat anderer eingeholt?
  • Ist die ehrliche Auseinandersetzung mit Ideen und Konzepten anderer erkennbar oder warum sie so argumentieren und worin der Meinungsunterschied besteht?
  • Wie hoch ist das Maß an Spontanität ausgeprägt? Der Mut, in unerwarteten Situationen flexibel und entschieden zu handeln?
  • Wurden in Situationen des Wandels Perspektiven erkannt, Chancen genutzt, Ideen entwickelt – anstelle zu problematisieren und in Frustration zu versinken?
  • Bewegt sich die Person in einer geistigen Komfortzone und glaubt, sich nicht mehr entwickeln zu müssen? Oder ist sie neugierig auf neue Lernfelder?
  • Besteht bei Misserfolgen die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen oder wird die Schuld stets bei anderen gesucht?

Schnell wird deutlich: Menschen mit einem dynamischen Selbstbild sind davon überzeugt, dass sie ihr wahres Potenzial durch jahrelange Übung, Leidenschaft und Einsatz entwickeln können. Das weckt ihren Antrieb, ihre Neugier und Lernbegeisterung. Sie fragen sich: „Warum soll ich dauernd beweisen, wie großartig ich bin, wenn ich doch jeden Tag besser werden kann? Warum soll ich meine Schwächen verbergen, wenn ich sie überwinden kann? Warum soll ich mich nur mit Leuten umgeben, die mir ständig bestätigen, ein klasse Typ zu sein, statt mit solchen, die mich mit ihrem kritischen Blick anspornen und inspirieren, mich permanent zu entwickeln? Warum nur ausgetretene Pfade gehen, statt solche, mit denen ich meine Grenzen überwinden kann?“ Das ist „Management by Frontscheibe“ – in die Zukunft gerichtet.

Vergleichen Sie sich mit den Spitzenmusikern von Weltrang

Fragen wir z.B. den Weltklasse-Pianisten Lang Lang, den Geiger David Garret oder den Dirigenten Yehudi Menuhin, wie sie es zu Spitzenleistung gebracht haben, so werden sie vermutlich erzählen, dass sie von Kindesbeinen an von der Ausbildung bis heute bereit waren, sich einem permanenten Lernprozess zu widmen, der nie enden wird. Fragen wir dagegen viele Manager unterschiedlichster Branchen, wird ein Großteil von ihnen glauben, dass sie beim Schritt in die Chefetage bereits alles beherrschten, was nötig sei, um Mitarbeiter zu Spitzenleistungen zu führen. Daher hätten sie ein weiteres permanentes Trainieren und Lernen jetzt nicht mehr möglich. Die meisten von ihnen stellen jetzt nur noch ihre jahrelange Erfahrung (Vergangenheitswissen) in den Fokus ihrer Selbstdarstellung. Sie vergessen, dass vorwärts gerichtetes Denken und lebenslanges Lernen vor allem bedeutet, sich selbst als Top Führungskraft für die Zukunft fit zu machen.

Erst diese Grundeinstellung qualifiziert eine Führungskraft, sich gerade dann weiterzuentwickeln, wenn sie – wie z.B. in Krisenzeiten – vor großen Herausforderungen steht. Und genau diese Eigenschaft wird in Zukunft gebraucht.


Autor

Albrecht von Bonin
avb Management Consulting
www.avb-consulting.de
VON BONIN + PARTNER Personalberatung
www.von-bonin.de


 

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