Alkoholfrei, fleischfrei: Eine neue Freiheit in Deutschland?

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Von Gregor Tholl, dpa

Das Bewusstsein in der Biernation und Wurstrepublik Deutschland scheint sich zu ändern. Nachdem es den Trend zu zuckerfreien Limonaden - «light», «Zero» - schon länger gibt, scheint es spätestens diesen Sommer auch angesagt zu sein, öfter alkoholfrei und fleischfrei zu bleiben, selbst bei Grill- und Gartenpartys. Für die einen ist das eine neue Freiheit, weil die Produktauswahl, etwa bei veganen Burgern oder Biermischgetränken, größer geworden ist, für die anderen bleibt das alles ziemlich befremdlich.

Beim alkoholfreien Bier ist der Trend eindeutig, wenn auch nach wie vor auf recht niedrigem Niveau. Der Marktanteil von Alkoholfreiem beim Absatz von Bier und Biermixgetränken stieg von 2,7 Prozent vor zwölf Jahren auf 6,5 Prozent im vergangenen Jahr, wie der Biermarktexperte Marcus Strobl sagt. «Beim Bier ist das Alkoholfreie die einzige Sorte, die jedes Jahr seit zehn Jahren was draufsetzt», erläutert der Branchenexperte beim Marktforscher Nielsen.

Inzwischen liege der Pro-Kopf-Kauf in Deutschland bei rund 5 Liter im Jahr, vor fünf Jahren waren es noch weniger als 4 Liter. Und bei dieser Rechnung ist nur der Absatz im Handel eingerechnet, also keine Bestellungen beim Ausgehen in der Bar, im Club oder Restaurant.

Strobl erläutert den Trend: «Es gibt mehrere Generationen von alkoholfreiem Bier. Am Anfang und bis etwa zum Jahr 2000 standen Marken wie Clausthaler für ein Bier, das ich trinke, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin und Alkohol vermeiden muss. Marken wie Bitburger Drive trugen diese Begründung sogar im Namen.»

Die nächste Generation ums Jahr 2010 seien alkoholfreie Biere gewesen, «die betonten, isotonisch zu sein und in Richtung Sportgetränk gingen». «Etwas, das ich trinke, wenn ich aktiv bin und Vitamine und Mineralien brauche.» Vor drei, vier Jahren kamen dann mehr alkoholfreie Radler und Naturradler hinzu.

Und der Trend heute? «Alkoholfreies Bier wird mehr und mehr ein Erfrischungsgetränk. Es ist heute ein bisschen so etwas wie ein herber Ersatz für Limo oder Schorle. Die Anlässe, alkoholfreies Bier zu trinken, sind stetig erweitert worden. In Deutschland muss niemand mehr um Bier einen Bogen machen, wenn er bewusst auf Alkohol verzichtet oder alkoholfrei bleiben möchte.»

Bei den Fleischersatzprodukten wie Schnitzeln aus Weizenprotein und Soja gab es dieses Jahr eine Art Comeback. Im ersten Halbjahr kauften die Bundesbürger rund 12 500 Tonnen an vegetarischen oder veganen Hamburgern, Schnitzeln und Würstchen, wie im Juli das MDR-Magazin «Umschau» unter Berufung auf Erhebungen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) berichtete. Das bedeutete demnach ein Plus von rund 9,6 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2018.

Helmut Hübsch von der GfK sagte dem Sender, dies liege wohl auch an den Aktionen des Discounters Lidl mit dem fleischlosen Burger der Marke «Beyond Meat» aus Erbsenprotein. Das Start-up aus den USA erlebte einen regelrechten Hype. Auch die Umwelt- und Klimabewegung Fridays for Future beflügele möglicherweise das Thema, so Hübsch.

Den bisherigen Höhepunkt erreichte die Nachfrage nach Fleischersatzprodukten 2016. Doch schon 2017 brach die Nachfrage ein. Die Mehrzahl der Verbraucher, die vor drei Jahren die neuen Produkte ausprobiert habe, habe dies nur ein Mal getan. Die aktuelle Nachfrage liege nicht an neuen Käufergruppen, sondern daran, dass bereits vorhandene Käufer von Fleischersatzprodukten häufiger zugriffen.

Der Ernährungssoziologe Daniel Kofahl wird in seiner Betrachtung der neuen Freiheit in Sachen Alkohol und Fleisch allgemein und holt aus: «Alkoholfreie Getränke und Fleischimitate werden derzeit gehypt, weil es zu einer umfassenden Problematisierung unserer Ernährungskultur gekommen ist», sagt er. «Dabei stehen immer mehr Produkte wegen ihrer vermeintlich unvernünftigen Auswirkungen in der moralischen Kritik.»

Diese Kritik gehe aber nicht von allen in der Gesellschaft aus, es gebe ein Diskussionsgefälle, meint Kofahl. «Einige Gruppen wollen anderen Gruppen vorschreiben, was gut und was schlecht ist, was man zu mögen hat und was nicht, was vernünftig ist und was unvernünftig ist.» Die Gesellschaft werde dadurch gespalten, sagt Kofahl. «Das ist nicht weiter schlimm, solange es Praktiken gibt, durch die die Gruppen auch wieder zusammenfinden oder sich gegenseitig tolerieren.» So etwas sei traditionell bei gemeinsamen Festen und beim Schlemmen geschehen. Doch eben dies werde heutzutage immer schwieriger, meint Kofahl, denn ausgelassene Esskultur gerate unter Beschuss.


 

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