Angriff auf jüdisches Restaurant in Chemnitz: Prozess gegen 30-Jährigen startet

| Gastronomie Gastronomie

Anfeindungen hat Uwe Dziuballa über die Jahre immer wieder erlebt. Von «Sieg Heil!»-Rufen vor seinem jüdischen Restaurant in Chemnitz bis hin zum Schweinekopf mit aufgemaltem Davidstern, den man ihm vor die Tür gelegt hat. Doch am Abend des 27. August 2018 flogen plötzlich Steine - nicht nur auf sein über Sachsen hinaus bekanntes Restaurant «Schalom», sondern auch auf ihn. «Judensau verschwinde» hätten die Angreifer gegrölt - eine Gruppe von mindestens zehn Menschen. Die zornigen Augen seien es, die sich ihm ins Gedächtnis eingebrannt hätten, erzählt der 56-Jährige. So sehr, dass er davon heute noch manchmal nachts aufwache.

Drei Jahre ist der Angriff her, am Mittwoch beginnt am Amtsgericht Chemnitz der Prozess gegen einen mutmaßlichen Täter. Die Anklage wirft dem 30-Jährigen aus der Region Stade in Niedersachsen gefährliche Körperverletzung, Landfriedensbruch im besonders schweren Fall und Sachbeschädigung vor. DNA-Spuren am Tatort sollen die Ermittler auf seine Fährte gebracht haben, im Dezember 2019 hatten sie daraufhin seine Wohnung durchsucht. Er ist den Angaben zufolge einschlägig vorbestraft, die Dresdner Generalstaatsanwaltschaft geht von einem rechtsextremen Hintergrund aus. Bei einer Verurteilung sieht das Gesetz eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu mehreren Jahren vor.

Der Angriff ereignete sich in jenen Tagen, als Aufmärsche und Ausschreitungen in Chemnitz weltweit Schlagzeilen machten. Nach dem gewaltsamen Tod eines 35-jährigen Deutschen am Rande des Stadtfestes, für den ein Syrer später zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, waren Rechtsextreme aus ganz Deutschland in die Stadt gekommen. Von Hetzjagden auf Migranten war damals die Rede.

Angst habe er nicht gehabt, erinnert sich Dziuballa, der in der Stadt geboren wurde: «Wir fühlten uns beklommen, aber nicht unmittelbar bedroht.» Sein Restaurant liegt in einer Seitenstraße, etwa zehn Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof entfernt. So sei er überrascht gewesen, als er an jenem Abend erst seltsame Geräusche hörte und dann vor seinem Restaurant in der Dunkelheit einer Gruppe Angreifer gegenüberstand. Die fliegenden Steine habe er zuerst nur gehört, dann traf ihn einer am Oberkörper und verletzte ihn. Der Angriff hat weit über die Stadt hinaus für Empörung gesorgt.

Antisemitismus sei für sie in Sachsen «ein alltagsprägendes Phänomen», resümierten Fachleute zu Jahresbeginn in einer Studie. Von einer «besorgniserregend steigenden Tendenz» war zuletzt beim Landeskriminalamt die Rede - und von einer hohen Dunkelziffer.

Im vergangenen Jahr wurden demnach im Freistaat 157 antisemitische Straftaten von der Polizei erfasst, vorwiegend Volksverhetzung und Propaganda. Laut Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus gehen aber viele Vorfälle gar nicht in die Statistik ein. Bei einer Analyse der Jahre 2014 bis 2019 kam er auf 712 Fälle in Sachsen. Rund ein Viertel davon fehlte in der Polizeistatistik und war nur aus anderen, zivilgesellschaftlichen Quellen bekanntgeworden. Begründet wurde dies etwa mit fehlendem Vertrauen in die Behörden und der Erfahrung, dass Antisemitismus häufig bagatellisiert werde.

Das hat auch Dziuballa erlebt. Deswegen habe er einige Zeit lang solche Vorfälle nicht mehr bei der Polizei angezeigt, erzählt er. Seit einigen Jahren beobachte er aber einen Wandel bei den Behörden. Es sei wichtig, dass solche Anfeindungen verfolgt und den Tätern gegenüber «Achtungszeichen» gesetzt würden, betont der Gastronom. Die Situation in Chemnitz schätzt er nicht als bedrohlicher für Juden und Jüdinnen ein als andernorts. «Das hätte auch in anderen Städten passieren können», betont er mit Blick auf den Angriff 2018. Er habe selbst gesehen, wie in jenen Tagen viele Autos mit auswärtigen Kennzeichen und eindeutigen Aufschriften in der Stadt geparkt hätten.

Im Prozess wird der 56-Jährige als Zeuge aussagen. Er hofft, dem Angeklagten dann in die Augen zu sehen, um die Bilder, die ihn nachts manchmal den Schlaf rauben, für sich etwas korrigieren zu können. Doch wie auch immer das Urteil ausgeht: Die Ereignisse von 2018 in Chemnitz, der Anschlag auf die Synagoge in Halle, die NSU-Terrorserie und der rechtsextremistischen Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke haben Spuren hinterlassen. Früher habe er sich keine Gedanken gemacht, mit der Kippa auf dem Kopf in die Stadt zu gehen, erzählt Dziuballa. Heute setze er aber mitunter einen Hut auf, etwa wenn Kinder dabei seien. «Die Gelassenheit ist verloren gegangen.» (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Die kroatische Restaurantkette Koykan treibt ihre Expansion in Europa voran. Nach Angaben des Unternehmens sollen bis Ende 2026 insgesamt 15 neue Restaurants in Deutschland, Österreich, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Slowenien und Kroatien eröffnet werden. Bereits im Juni ist die Eröffnung eines Standorts in München vorgesehen.

Eine Analyse belegt signifikante Umsatzsprünge in Bars und Clubs während des ersten WM-Spiels der deutschen Nationalmannschaft. Klassische Restaurants und Cafés verzeichneten hingegen im gleichen Zeitraum rückläufige bargeldlose Umsätze.

Unter der kreativen Leitung von Culinary Director Peter Hagen-Wiest präsentiert das Eatrenalin ein neues Menü, das Kulinarik und multisensorische Unterhaltung verbindet. Mit dabei: Dieter Koschina und Hans Neuner.

Der Michelin Guide Deutschland hat zehn neue Bib-Gourmand-Restaurants für das Jahr 2026 bekanntgegeben. Damit umfasst die Auswahl bundesweit 147 Betriebe mit besonderem Fokus auf ein ausgewogenes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Droht der Wiesn ein Zelt-Chaos? Ein Wirt klagt gegen die Vergabe zweier Bierburgen – und trifft damit auch ein Herzstück des Oktoberfests. Was das für Gäste und Tradition bedeutet.

Yum Brands trennt sich von Pizza Hut und verkauft die Kette für insgesamt 2,7 Milliarden Dollar. Während das China-Geschäft an Yum China geht, übernimmt der Finanzinvestor LongRange Capital die restlichen Marktanteile.

Das Hotel Schlossgut Gross Schwansee arbeitet künftig mit Hendrik Otto an der langfristigen gastronomischen Ausrichtung. Der ehemalige Küchenchef des Lorenz Adlon Esszimmer unterstützt beratend die kulinarische Strategie und die Konzepte des Fünf-Sterne-Hauses nahe Lübeck.

Der Leaders Club Deutschland hat bei den Gastro Sessions in München die aktuellen Herausforderungen der Gastronomiebranche debattiert. Rund 200 internationale Teilnehmer diskutierten über wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die Digitalisierung und die Ansprüche der neuen Generation.

Das Frauennetzwerk Foodservice hat seine Aktivitäten auf die Schweiz ausgeweitet. Erste Veranstaltungen in mehreren Städten verzeichneten nach Angaben der Organisation eine hohe Beteiligung.

Ciao Bella von der Gustoso Gruppe wird neuer Gastronomiebetreiber in den Drei Höfen in Amberg. Ab August 2026 soll zunächst ein Frühstücksangebot starten, bevor im September der vollständige Restaurantbetrieb folgt.