Caterer in Schleswig-Holstein serviert jetzt auch Nutriafleisch

| Gastronomie Gastronomie

Als Ragout, Braten oder im Burger kommt Nutria-Fleisch mancherorts auf den Teller. Einst eingesperrt zur Zucht in Pelzfarmen breiten sich die Tiere nun in freier Wildbahn rasant aus - auch in Schleswig-Holstein. Ein Caterer im Kreis Ostholstein serviert das Fleisch der Nager seinen Gästen.

Caterer: Fleisch vergleichbar mit Perlhuhn oder Fasan 

Seit mehreren Monaten bietet Anne Muus-Seyfferth mit ihrer Cateringfirma «Hühnerkram vom Birkenplatz» in Horsdorf (Kreis Ostholstein) Nutria an. Fest auf der Karte stehen die Nager bisher nicht. Aber die Nachfrage sei groß und steige, sagte Muus-Seyfferth der Deutschen Presse-Agentur. «Es ist ein dunkles, kurzfaseriges, fettarmes Fleisch, ganz zart und mild, leicht süßlich - vergleichbar mit Perlhuhn oder Fasan», sagt sie. 

Die pflanzenfressenden Tiere sind ihren Angaben zufolge «küchentechnisch und ernährungsphysiologisch optimal». Das Keulenfleisch könne man demnach wie Gänse- und Hähnchenkeule schmoren und braten. Aus den Vorderläufen und dem restlichen Fleisch wird Ragout gemacht. Den Rest wolft die Catering-Geschäftsführerin für Burgerpattys, «wir versuchen alles vom Tier zu verwenden, mehr Bio geht nicht.»

Bis zu acht Kilo kann ein männlicher Nutria auf die Waage bringen. Die Jäger prüften das Fleisch kritisch, bevor es in der Küche lande, sagt Muus-Seyfferth. «Warum soll das entsorgt werden, es ist gesundes Fleisch.» 

Nutrias breiten sich immer mehr aus

Besonders im ländlichen Raum an Seen, Flüssen und Teichen sei die Ausbreitung problematisch, sagt Muus-Seyfferth. «Es wird immer mehr zu einer Plage.» Die Tiere vermehrten sich rasant, da sie keine natürlichen Feinde haben. Und verursachten durch ihre Lebensweise einen großen Schaden an den Gewässerkanten, Deichanlagen oder Flussläufen. 

Die sich ausbreitenden Tiere auf den Teller zu bringen, sieht Muus-Seyfferth als logische Konsequenz. Noch befindet sie sich nach eigenen Angaben in der Probierphase, sieht aber Potenzial: Im kommenden Jahr plant sie einen Kurs mit Jägern aus dem Hegering. Ihr Ziel: Sie möchte vermitteln, wie Nutrias verarbeitet und vermarktet werden und dabei auch Vorbehalte abbauen.

Jäger: Nutria-Fleisch ist noch exotisch

Seit rund einem Jahr beliefern Jäger aus der Umgebung die Cateringfirma in Ostholstein nach Bedarf, sagt Julian Barg vom Hegering Bad-Schwartau. Zuvor hatten einige Jäger der Kreisjägerschaft Eutin die erlegten Tiere teils selbst gegessen - der Überschuss wurde entsorgt. 

«Der Markt ist noch nicht sehr stark, aber die Leute sind neugierig und per Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet sich das», sagt der Jäger. Bei einigen Menschen werde es immer beliebter, aber «es ist schon was Exotisches». 

Jäger liefern Nutrias zerlegt und in Vakuum

Rund 20 Prozent der Kreisjägerschaft Eutin machen demnach Jagd auf Nutrias. Laut Jagdgesetz dürfen die Tiere in Schleswig-Holstein seit dem 26. Januar 2024 ganzjährig bejagt werden. Die Biberratte hat eine hohe Reproduktionsrate. Die invasive Art war laut Barg noch vor fünf Jahren eher außergewöhnlich und selten in der südlichen Hälfte des Landkreises Ostholstein. Inzwischen werden seinen Angaben zufolge allein in den rund 30 Revieren ungefähr knapp 1.000 Stück pro Jahr erlegt.

«Wie liefern die Nutrias küchenfertig, wir haben Zerlegungsräume und Kühlräume, die Hygienestandards müssen erfüllt sein», sagt Barg. Die Jäger vakuumieren die Tiere auch, nachdem sie diese zerlegt haben. 

Nager gefährden Deiche in SH

Die Zahl der Nutrias ist vielerorts in Deutschland rasant gestiegen. In Schleswig-Holstein meldeten 2020 rund 24 Prozent der Reviere Nutria-Vorkommen, teilte der Deutsche Jagdverbands (DJV) mit. 

Die Auswertung basiert auf Daten von bundesweit über 23.000 Jagdrevieren aus dem Wildtier-Informationssystem der Länder Deutschlands (WILD) – den Angaben zufolge das deutschlandweit größte Monitoringprogramm der Jägerschaft. Demnach kam die invasive Art 2023 in 35 Prozent der teilnehmenden Jagdreviere vor, doppelt so viele wie 2015. 

Die Nager untergraben Deiche - mit negativen Folgen für den Hochwasserschutz. Auch an Flussufern können sie ihre Umgebung sowie den Artenschutz gefährden. In den meisten Bundesländern ist Nutria in den Jagdgesetzen der Länder aufgenommen. Der DJV fordert die Aufnahme der Nutria ins Bundesjagdgesetz sowie ein Bekenntnis der Politik zur Fangjagd. Die Art steht auf der Liste der gebietsfremden invasiven Arten Europas.

Nutria wird in Fallen gefangen und dann erschossen

Gefangen werden die Tiere in sogenannten Lebendfangfallen, die dort aufgestellt werden, wo sich die Nagetiere gern tummeln: in Feuchtgebieten, an Gräben und in Gewässernähe. Zusätzlich zum Jagdschein brauchen Jäger einen Fallenstellschein. «Die Regularien muss der Jäger einhalten, damit den Tieren kein Leid zugefügt wird», sagt Barg.

In den vom TÜV geprüften Fallen bleibt das gefangene Tier demnach unversehrt. «Die Fallen sind so konstruiert, dass es darin absolut dunkel ist, damit die Tiere nicht in Stress verfallen.» Läuft ein Nutria, Waschbär oder Marderhund in das rund fünf Meter lange Betonrohr und über ein Wippbrett, fällt an jeder Öffnung ein Schieber und versperrt die Ausgänge. Dann werden die Tiere herausgeholt und erschossen. 

Tierschützer: Menschen sind schuld an Ausbreitung

Die Tierrechtsorganisation Peta moniert, dass «hinter jedem Stück Fleisch das Leid und der Tod eines Tieres» stehe – egal, ob es sich um Wild-, Bio- oder Fleisch aus konventioneller Haltung handele. Bekämpft würden nur die Symptome, kritisiert die Oragnisation. 

«Vielmehr sind wir Menschen selbst daran schuld, dass sich Tiere hierzulande überhaupt ausbreiten konnten, denn Nutrias wurden aus rein egoistischen Gründen eingeschleppt und konnten sich nur durch Zutun des Menschen ausbreiten.» Immer mildere Winter führen laut Peta dazu, dass sich Nutrias auch in den kälteren Monaten wohlfühlen. «Außerdem werden Nutrias an Ufern gefüttert, was ihre Ausbreitung weiter begünstigt.» (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Das Gourmetrestaurant im Severin*s – The Alpine Retreat in Lech am Arlberg präsentiert mit Marius Pieper eine neue kulinarische Ausrichtung. Der 30-jährige Küchenchef fokussiert sich auf eine Kombination aus regionaler Verwurzelung und internationaler Küchentechnik.

Das Restaurant Berta in Berlin hat nach einer konzeptionellen Überarbeitung wieder seine Türen geöffnet. Unter der Leitung von Chefkoch Assaf Granit präsentiert der Betrieb eine israelisch inspirierte Küche, die osteuropäische Traditionen mit modernen Akzenten verbindet.

Die Vergabe der begehrten Standplätze auf dem Oktoberfest steht im Fokus einer Debatte in München. Eine Münchner Wirtsfamilie fordert durch ihre Bewerbung auf Brauerei-Standplätze die traditionelle Vergabepraxis heraus, während bereits dementierte Berichte über eine mögliche Einschaltung des Europäischen Gerichtshofs für Aufsehen sorgen.

Der Valentinstag entwickelt sich zunehmend zu einem der wichtigsten Umsatzbringer für die deutsche Gastronomie. Eine aktuelle Studie zeigt für 2026 eine steigende Reservierungsbereitschaft, neue Zielgruppen und klare Erwartungen an Service und Etikette.

Mit „Wir kochen Heimat“ möchte das Nobelhart & Schmutzig Team einen Beitrag zur kulturellen Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff leisten, der im öffentlichen Diskurs häufig (negativ) politisch aufgeladen ist.

Eine aktuelle SumUp-Auswertung zum Jahresstart 2026 belegt eine steigende Besuchsfrequenz in der Gastronomie bei gleichzeitig sinkenden Durchschnittsausgaben. Während digitale Trinkgelder und Kartenzahlungen an Bedeutung gewinnen, zeigen sich die Gäste preisbewusst.

Das Gourmetrestaurant Juwel in Kirschau präsentiert zum 1. April ein überarbeitetes kulinarisches Konzept. Unter der Leitung von Hotelchefin Petra Schumann und Küchenchef Robert Hauptvogel setzt der Betrieb künftig verstärkt auf Nachhaltigkeit, regionale Produkte und eine reduzierte Präsentation.

Alkoholfrei ist kein kurzfristiger Trend mehr, sondern ein stabiler Umsatzbringer für die Gastronomie. Eine neue Umfrage zeigt, warum Gäste auf Alkohol verzichten und weshalb Gastronomen bei der Preisgestaltung und Qualität ihrer alkoholfreien Cocktails umdenken müssen, um nicht als Anbieter überteuerter Limonaden wahrgenommen zu werden.

Beim Sommelier-Cup 2026 des Deutschen Weininstituts in Mainz sicherte sich Anna-Katharina Lemke den Sieg. 23 Fachkräfte stellten in anspruchsvollen Blindverkostungen und theoretischen Prüfungen ihr Fachwissen über deutsche Weine unter Beweis.

Eine neue Studie untersucht das Phänomen der Zechprellerei im Vereinigten Königreich. Die Ergebnisse geben Aufschluss über die demografische Verteilung, die häufigsten Beweggründe der Gäste sowie die anhaltende Problematik von No-Shows.