Dorfgasthäuser: Weniger Gäste, mehr Sorgen

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Mit seinem «Löwenherz» hat sich Torben Emmerich einen Traum erfüllt. «Ich fand schon immer, dass Wirt ein toller Beruf ist», sagt der 47-Jährige. «Man gibt Leuten eine Auszeit von ihrem Alltag, das ist wie ein Kurzurlaub.» Seit 15 Jahren betreibt er in seinem Heimatort Wehrheim im Hochtaunuskreis eine Gaststätte. Der Beruf hat in seiner seit über 400 Jahren in diesem Dorf ansässigen Familie Tradition. 

Seine Großeltern betrieben in unmittelbarer Nähe bis in die späten 1970er Jahre den «Frankfurter Hof», bis das Haus abbrannte. Rund 30 Jahre später verabschiedete sich ihr Enkel von seinem Job im Marketing, trat in die Fußstapfen seiner Vorfahren und wurde Wirt. Er kaufte eine Kneipe in Wehrheim, machte aus dem direkt angrenzenden Gemüsegarten seiner Oma einen Biergarten mit 150 Plätzen und nannte seine Gaststätte in Anlehnung an das hessische Wappentier «Löwenherz». 

«Gudd Stubb» der Dorfbewohner

Wie es sich für ein Dorfgasthaus gehört, treffen sich bei ihm Stammtische und Vereine, die Wehrheimer feiern hier Taufen und kommen nach Beerdigungen zum Kaffeetrinken und Kuchenessen zusammen. «Wir sind die "Gudd Stubb"», so Emmerich. Am Wochenende lassen sich viele Ausflügler nieder, die etwa bei einer Rad- oder Wandertour in der Gaststätte einkehren. Sie erwartet eine «kreative gehobene Landküche», wie es der Chef formuliert: Dazu gehören Handkäsetopf, Handkäse-Schnitzel und natürlich Frankfurter Grie Soß. 

Doch die «Gudd Stubb» von Wehrheim kämpft wie viele andere Dorfgasthäuser in Hessen mit Problemen. Dazu gehören Personalmangel, die gestiegenen Kosten und die erhöhte Sparsamkeit ihrer Gäste, die etwa auf den Nachtisch oder den früher obligatorischen Espresso verzichten - für die Wirte summieren sich diese Summen. Die Gästezahl sei jedoch in etwa gleich geblieben, erklärt Emmerich. 

Volltanken oder essen?

Das ist keine Selbstverständlichkeit. In einigen Dorfgasthäusern, in denen früher stets reserviert werden musste, gebe es mittlerweile öfter freie Tische, erklärt der Hauptgeschäftsführer des Dehoga Hessen, Gisbert J. Kern. «Die Leute fragen sich "Tanken wir voll oder gehen wir essen?"», beschreibt er das Dilemma, in dem sich potenzielle Gäste angesichts der Preissteigerungen befinden. Auch ein Gesundheitstrend wirkt sich negativ auf das Einkommen der Wirte aus: Immer häufiger wird günstiges Wasser statt des höherpreisigen Alkohols bestellt. 

Noch etwas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert: Zwar ist ein Dorfgasthaus immer noch ein Treffpunkt auf dem Land, doch Stammtische und regelmäßige Vereinstreffen - etwa nach dem Fußballtraining - werden seltener. «Es ist heute ganz anders als noch vor 20 oder 30 Jahren», sagt der Fachmann Kern. Damals traf man sich etwa zum Kegeln im Gasthaus, Chöre probten dort für ihren Auftritt, der wöchentliche Stammtisch war Pflicht. 

Traditionsbetrieb in Trendelburg

Das kann Carolin Brandner, Inhaberin des Gasthauses «Brandner» im nordhessischen Trendelburg, bestätigen. Seit dem 18. Jahrhundert ist der Betrieb im Familienbesitz, damals noch als «Bier- und Branntweinschenke», wie die 40-Jährige berichtet. Anfangs war die Gaststätte für die Familie noch ein Nebenerwerb, sie lebte von der Landwirtschaft. Die Großeltern der heutigen Eigentümerin bauten in den 1960er Jahren endgültig den Bauernhof in ein Gasthaus um. 

«Damals war es noch ein richtiges Dorfgasthaus mit Schießstand und Thekengeschäft. Meine Großeltern boten zudem Fremdenzimmer an, wie das damals noch hieß», blickt Brandner zurück. Heute bietet das Haus zwölf Gästezimmer und vier Ferienwohnungen, ein Restaurant und einen Biergarten. Die Dorfbewohner kommen immer noch zum Essen und zu Familienfeiern, aber immer weniger zum Stammtisch oder Feierabendbier. «Früher tauschte man sich am Tresen aus, um das Neueste aus dem Ort zu erfahren, heute gibt es Social Media», erklärt die Gastronomin den Grund.

Bar ist cooler

Während im Sommer die Touristen in ihrem Gasthaus einkehren, ist es im Winterhalbjahr nur mit den Einheimischen als Gäste deutlich ruhiger. Die großen Unterschiede im Gästeaufkommen sind eine Herausforderung für das Wirte-Ehepaar, schließlich beschäftigt es seine Mitarbeiter das ganze Jahr über. Zudem sei es schwierig, gute Mitarbeiter zu finden, so Brandner: «Gerade die jungen Leute finden es cooler, in einer Bar in der Stadt zu arbeiten als in einem Dorfgasthaus.» 

Laut Gisbert Kern sind Dorfgasthäuser nicht nur wegen des gesellschaftlichen Miteinanders essenziell. Sie bieten Arbeitsplätze, kaufen - wie zum Beispiel auch das Wehrheimer «Löwenherz» - ihre Produkte etwa beim Metzger oder Käsehaus vor Ort und sind auch für die Förderung des Tourismus unentbehrlich. Schließlich bevorzugen Spaziergänger, Wanderer und Radler in der Regel Gegenden, in denen sie auch einkehren können. 

Um wieder vermehrt Gäste anzulocken, setzen immer mehr Wirte auf spezielle Events. Dazu gehören etwa Barbecue-Abende, Poetry Slam oder Public Viewing etwa bei Sportveranstaltungen. Auch Emmerich hatte in seinem Biergarten in Wehrheim extra eine Leinwand für die Fußball-WM aufgebaut. Mit dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft habe jedoch auch der Besucherandrang geendet, erzählt er bedauernd. (dpa)


 

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