Gastbeitrag: Zehn Gedanken und Tipps zur gastronomischen Wiedereröffnung

| Gastronomie Gastronomie

Der erste Lichtblick am Ende des Tunnels ist da: Die Wiedereröffnung der Gastronomie rückt in greifbare Nähe. Größte Herausforderung bleibt die wirtschaftlich sinnvolle Herangehensweise bei meist deutlich reduzierten Kapazitäten. Ein Beitrag von Gastro-Experte Martin Mayerhofer.

Mayerhofer, Managing Partner der Kohl & Partner Tourismusberatung, teilt seine Gedanken und Tipps zur anstehenden Wiedereröffnung der Gastronomie. Nicht jeder der Punkte wird von allen Betrieben 1:1 angewendet werden können, dafür ist die Branche zu breit gefächert. Aber jeder Gedanke kann Initiator sein, Dinge zu hinterfragen, neu zu machen oder zu adaptieren.

1: Die Kapazitäten
Die erste große Einschränkung besteht nach der Öffnung darin, dass die Kapazitäten limitiert sind und der Mindestabstand mitunter wichtige Sitzplatzkapazitäten herausnimmt. Unter den Gästen scheint die Sehnsucht groß, gemeinsam wieder essen zu gehen und unter Leuten zu sein, ein Glas Wein zu trinken und sich auszutauschen. Demgemäß kann man auch davon ausgehen, dass in manchen Regionen die Betriebe mehr Nachfrage haben als es die Vorgaben zulassen. Zu handeln gilt es somit in Bezug auf die Öffnungszeiten bzw. den Zeiten der „warmen Küche“, um damit die verbliebenen Sitzplätze öfter zu belegen. Mitunter braucht es nun eine neue Definition der „Mittagszeit“, die vielleicht auch manche Menschen gerade nach diesen Wochen zu Hause gewohnt sind. Passen Sie also Ihre Öffnungs- und Betriebszeiten im Rahmen der jeweiligen Regierungs-Verordnungen an und schaffen Sie somit bessere Belegungen.

2: Dienstpläne
Einhergehend mit den Kapazitäten bedarf es mitunter auch ganz neuer Dienstpläne. Die altbekannten Stoßzeiten (z.B. von 12-14 Uhr) sind somit vielleicht überholt und neue Zeitpläne werden notwendig. Gelingt es, die Auslastungszeiten auszudehnen, wird die Spitze abgeflacht und ermöglicht auch neue Dienstzeiten, die weniger auf Spitzenzeiten ausgerichtet sind.

3: Reservierungen und Time-Slots
Reservierungen werden erforderlich oder sind zumindest dringend erwünscht und empfohlen – das spontane Bargeschäft wird nicht möglich sein. Richten Sie sich verschiedene Zeitfenster ein und kommunizieren Sie diese aktiv bei der Reservierung: „Möchten Sie einen Tisch für 30, 60 oder 90 Minuten?“ In den kommenden Wochen kann das zumindest für manche Tage(szeiten) der erforderliche Rahmen sein, um Tische nicht zu lange unbesetzt zu lassen. Vielleicht werden wir uns auch daran gewöhnen, dass wir unseren Tisch dann mit einem Reservierungsschild vorfinden auf dem steht: „Familie Müller, von 12:00 – 13:30 Uhr“. Bereiten Sie Ihre Reservierungsbücher entsprechend vor. Noch besser sind Sie vorbereitet, wenn Sie über ein Online-Reservierungstool verfügen. Eine wesentliche Erleichterung, wenn Gäste diesen organisatorischen Part selbst übernehmen. Die Chance von mehr Technologie ist somit so hoch wie noch nie!

4: Aktiver Verkauf
Gerade jetzt, wo die Kapazitäten eingeschränkt sind, ist der Umsatz pro Gast essenziell. Der Service wird gefordert sein, sein Können im aktiven Verkauf unter Beweis zu stellen -  vorausgesetzt natürlich, er verfügt über die notwendigen Kenntnisse. Schulen Sie daher Ihre MitarbeiterInnen im aktiven Verkauf – vom Up-Selling bis zum Cross-Selling und nutzen Sie bei Bedarf hier zielgerichtete Seminare, die idealerweise noch vor der Wiedereröffnung stattfinden.

5: Gut Bewährtes erhalten
Sie haben während der Corona-Schließzeit gute Erfahrung im Abhol- oder Lieferservice gemacht? Warum dann nicht (zumindest zu Beginn) dieses Angebot als zweites Standbein beibehalten? Jeder Gast, der abholt oder beliefert wird, verbraucht keinen wertvollen Sitzplatz im Lokal. Ein genereller Gedanken-Anstoß, sein Produktportfolio zu erweitern.

6: Breakeven-Berechnung und Kalkulation
Gerade jetzt ist eine genaue Kalkulation erforderlich. Bereiten Sie Breakeven-Berechnungen vor, sodass nur jene Tage bzw. Tageszeiten geöffnet sind, die sich auch lohnen. Nutzen Sie die Zeit, Ihr Angebot richtig zu kalkulieren und verabschieden Sie sich gegebenenfalls von Angeboten (Gerichten), die nur Arbeit machen, aber nicht oder nur eingeschränkt wirtschaftlich sind.

7: Anpassung der Karte
Nutzen Sie die letzten Wochen vor Wiedereröffnung also dazu, sich von nicht rentablen Gerichten und Angeboten zu trennen. Hinterfragen Sie darüber hinaus auch, ob Ihr Angebot zur Wiedereröffnung wirklich so groß wie vor der Schließung sein muss. Denn auch wenn „nur“ von Ihrem Service-Team Masken oder Face Shields getragen werden müssen, werden Service-Abläufe sowie Reinigungs- und Hygienezyklen zunehmen. Es wird einige Zeit brauchen, bis sich hier die Routine einstellt. Berücksichtigen Sie auch den - durch die Covid-19 Krise noch verstärkten –Blick der Gäste auf Regionalität und Herkunft der Produkte.

8: Marketing & Pre-Selling
Überlegen Sie, wie Sie das Pre-Selling, das „Appetit machen“, bereits von zuhause aus forcieren können. Je mehr feste Reservierungen Sie vorab schon in den Büchern haben, desto besser die Planbarkeit. Stellen Sie Ihre Karte und Tagesempfehlungen auf der Website und in den Sozialen Medien online, posten Sie Rezepte und persönliche Getränkeempfehlungen dazu und gewähren Sie den (Online-)Blick in den Kochtopf. Sofern organisatorisch möglich, informieren Sie Ihre Gäste online über etwaige Tisch-Verfügbarkeiten oder ggf. auch über eine hohe Auslastung - denn Verknappung schafft noch mehr Lust aufs Reservieren. Und vergessen Sie nicht auf Gutscheinverkäufe zur Liquiditätssicherung hinzuweisen – der Muttertag steht ja unmittelbar vor der Tür.

9: Stammgastbindung & Weiterempfehlung professionalisieren
Gerade jetzt werden Sie merken, dass Ihre Stammgäste eine wesentliche Rolle in punkto Auslastung und Umsatzgenerierung einnehmen. Die Gästebindung sollte jetzt nochmals ganz neu angedacht werden: War es bisher selbstverständlich, dass Ihre Stammgäste regelmäßig kamen oder wurde das auch entsprechend honoriert? Wenn es bisher ein Glaserl oder ein Kaffee aufs Haus war, sollten Sie ein Gästebindungs-Programm strategisch planen, denn Ihre A-Kunden sichern nicht nur Ihre Basisauslastung, sondern sind auch wesentlich für die Weiterempfehlung verantwortlich, sowohl online als auch offline. Planen Sie daher Boni zur Stammgastbindung wie auch für die Weiterempfehlung ein, denn ein Bonus ist immer besser als ein Rabatt!

10: Hygiene- & Sicherheitsvorschriften
Vertrauen ist - gerade in der aktuellen Zeit - ein wesentlicher und oftmals unterschätzter Aspekt. Kommunizieren Sie daher Ihre neuen Hygiene-Maßnahmen (HACCP) und Sicherheitsvorkehrungen an Ihre Gäste und informieren Sie zudem umfassend bei der Ankunft in Ihrem Betrieb. Dies kann sowohl mündlich als auch schriftlich z.B. mit einem kleinen Infoblatt in der Speisekarte erfolgen. Das gibt Ihren Gästen Sicherheit und steigert den Wohlfühl-Aspekt.

Zurück

Vielleicht auch interessant

Das britische Gastronomieunternehmen Loungers expandiert erstmals nach Deutschland und eröffnet im Oktober einen Standort in Essen-Rüttenscheid. Unter dem Markennamen Southville wird das Konzept für den deutschen Markt angepasst.

Frank Buchholz übergibt sein Mainzer Bootshaus zum 1. September an das Gastronomieunternehmen Cuisyn. Küchenchef Lucas Kriesel und Betriebsleiter Slim Ennakhla bleiben im Restaurant und übernehmen Verantwortung für den Betrieb.

Hackbällchen in Tomatensoße im Sternerestaurant: Das Berliner Nobelhart & Schmutzig serviert Polpette nach einem Familienrezept. Das Gericht ist Teil der Reihe „Wir kochen Heimat“.

Die schwedische Gastronomiekette Pincho Nation kündigt für 2027 die Eröffnung eines neuen Standorts in Lübeck an. Das Unternehmen mietet dazu ein denkmalgeschütztes Bürgerhaus in der Innenstadt und setzt seine Expansion in Norddeutschland fort.

Die Berliner Traditionsmarke Rogacki soll zunächst mit einem Kochbuch zurückkehren. Die Crowdfunding-Kampagne stößt auf LinkedIn auf überwiegend positive Reaktionen. Eine Wiedereröffnung des Stammhauses zum Jubiläum 2028 bleibt ein weitergehendes Ziel.

Was im Sommer 2011 mit einem einzigen Restaurant an der Linzer Promenade begann, ist heute ein Netzwerk von 17 Restaurants in ganz Österreich geworden. Anlässlich des Jubiläums lud L'Osteria Österreich nun zu einer Feier an genau jenen Ort, an dem alles begann.

Waschbär mit Rotwein-Preiselbeersoße? In Weimar schafft ein Kochkurs für Jäger neue Geschmackserlebnisse. Was beim Zubereiten und bei der Kontrolle des Fleisches besonders zu beachten ist.

Ein Restaurantbesuch des Gastro-Influencers Kemal Üres bei Timberjacks in Bannewitz bei Dresden hat sich zu einem öffentlichen Schlagabtausch entwickelt. Üres kritisierte das Essen der Restaurantkette in einem Instagram-Video​​​​​​​ massiv. Timberjacks widerspricht seiner Darstellung. Inzwischen hat die Auseinandersetzung auch eine rechtliche Ebene erreicht.

Mitchells & Butlers verlängert den Mietvertrag für das Alex Dortmund um 15 Jahre, schließt den Standort Ende August 2026 jedoch für einen zweijährigen Umbau. Nach der Neugestaltung soll der Betrieb 2028 mit vergrößerter Fläche und neuem Konzept wiedereröffnen.

Die Akzeptanz für digitales Trinkgeld steht und fällt mit dem passenden Setup. Ein Viertel der Restaurantgäste in Deutschland fühlt sich durch die automatischen Vorschläge schlicht unter Druck gesetzt, mehr zu geben als eigentlich geplant.