Strip-Shows, Suff und einsame Herzen - Weihnachten auf St. Pauli

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«Die Männer sind jetzt etwas doller angeschwipst, wenn sie vom Weihnachtsmarkt hierher kommen», sagt die etwa 30-Jährige mit den langen dunklen Haaren, die nur mit einem knappen schwarzen Lederbikini bekleidet im Neonlicht eines Schaufensters der Hamburger Herbertstraße auf Kunden wartet. Auch würden manche Kolleginnen ihr Outfit jetzt «irgendwie saisonal» anpassen. Insofern sei die Weihnachtszeit auch in der Herbertstraße, die seit dem 19. Jahrhundert auf St. Pauli zur Prostitution genutzt wird, zu spüren.

 

Es weihnachtet auf dem Kiez, nicht nur in der Herbertstraße: Auf dem Spielbudenplatz an der Reeperbahn wirbt «Santa Pauli» als «Hamburgs geilster Weihnachtsmarkt» um glühweindurstige Besucher, die das Anzügliche suchen - Strip-Show ab 18, Porno-Karaoke und Holzdildo-Verkaufstand inklusive.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite bekommt auch Patricia das Weihnachtsgeschäft zu spüren. In der «Boutique Bizarre», dem größten Sexladen auf dem Kiez, ist die 43-Jährige für den Verkauf der Lovetoys zuständig. Der Renner dieses Jahr sei ein Auflege-Vibrator «mit Orgasmusgarantie», den zumeist männliche Kunden ihren Frauen unter den Weihnachtsbaum legten. Aber auch Paar-Vibratoren, «bei denen beide auf ihre Kosten kommen», würden gern genommen. Wer unentschlossen ist, nimmt ein festlich verpacktes Überraschungspaket mit Schleife.

«Unter den Besuchern sind auch viele Kiez-Touristen, die vom Weihnachtsmarkt rüberkommen», sagt «Boutique»-Geschäftsführer Kay. «Neulich hatten wir binnen vier Stunden 1900 Leute im Laden.» Um den Strom der Sehleute, die nur zum Gucken kommen, einzudämmen, nimmt er mittlerweile einen Euro Eintritt, für den es dann einen «Kieztaler», ein Kondom, Retour gibt.

So richtig Weihnachtsstimmung mag im Gedränge des Sex-Shops kaum aufkommen. Besinnlicher wird es erst, wenn an Heiligabend im «Silbersack» den Obdachlosen der Tisch gedeckt wird. «Jeder Alkohol wird vorher rausgeräumt, es gibt weder Schnaps noch Bier», sagt Max aus Passau, der seit fünf Jahren hinterm Tresen der Kult-Kneipe steht, die ansonsten nicht gerade für Nüchternheit bekannt ist. «Dann wird feierlich gedeckt und dann gibt's Kaffee und Kuchen für lau.» Willkommen seien nicht nur Obdachlose, sondern alle, die an diesem Abend nicht allein sein wollen. «Gesungen wird auch.»

Der Abend hat Tradition im «Silbersack». «Das gab's schon bei Erna», erzählt Max. Erna Thomsen hatte die Kneipe zusammen mit ihrem Mann Friedrich 1949 auf einem Trümmergrundstück nahe der Reeperbahn eröffnet und bis zu ihrem Tod 2012 geführt - Hans Albers, Curd Jürgens oder Freddy Quinn zählten zu ihren Gästen.

Dass viel Alkohol und Weihnachten zuweilen eine kritische Mischung ergeben, weiß man auch auf der anderen Seite der Reeperbahn, am Hamburger Berg. Hier steht Dirk hinterm Tresen des «Elbschlosskellers», der Kiez-Absturzkneipe schlechthin. «Wenn die einsamen Herzen sich an Heiligabend abschießen, kann es explosiv werden», erzählt er.

Schräg gegenüber im «Goldenen Handschuh» ist der Tresen seit fast zehn Jahren fest in Inas Hand, zumindest während ihrer Schichten. Denn die Kneipe, berühmt nicht nur durch den früheren Stammgast und Serienmörder Fritz Honka, hat wie der «Elbschlosskeller» an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden geöffnet. Für die 45-jährige Bardame ist der Heilige Abend «ein zweischneidiges Schwert». «Entweder sie haben sich alle lieb oder sie sind aufeinander böse, weil sie niemanden zum Liebhaben haben.»

Am 24. Dezember sei es aber insgesamt ruhiger als sonst auf St. Pauli, sagt Stephan Hüll, Wachhabender auf der Davidwache. «Die Zeit geht da irgendwie langsamer. Es ist weniger Bewegung als sonst.» Für die Polizei gebe es weniger zu tun, «viele sind da wohl bei ihren Familien», erzählt der Oberkommissar, der seit 2002 auf der Davidwache Dienst tut.

«Natürlich hat man immer die Wölfe, die allein rumrennen. Im "Elbschlosskeller" oder dem "Goldenen Handschuh", in den Kneipen, die dann doch aufhaben, da finden sich dann die, die keinen mehr haben. Aber die sind dann da zuhause und fühlen sich auch wohl.»

Vor ein paar Jahren hatte er dort an Heiligabend eine besondere Begegnung. «Da saß am Tresen ein Weihnachtsmann. Der hatte zwar keine Mütze mehr auf, der Bart hing auf halb Acht und der Mantel war auch nicht mehr der beste.» Als er den Betrunkenen ansprach, habe der ihm dann erzählt, dass er mit seiner Weihnachtsmannschicht durch sei und sich jetzt ein paar Getränke gönne. «Das war schon ziemlich skurril.»

Dass Hüll St. Pauli und seine Menschen mag, merkt man. Auch wenn er von Renate erzählt, einer inzwischen toten Trinkerin, die früher immer in der Davidwache aufkreuzte. «Sie ist rein in die Wache, hat dann meistens ihre Brüste auf den Tresen gelegt - das war ihr Erkennungszeichen - und hat dann immer mit uns gesungen, meistens "Auf der Lüneburger Heide".» Die Polizisten hätten mitgemacht. «Heiligabend kam sie mal sturzbetrunken vom Hamburger Berg und hat auch wieder gesungen. Und da habe ich gesagt: "Mensch, Renate, lass uns mal weihnachtlich werden". Und dann haben wir tatsächlich Weihnachtslieder gesungen. Das war eine schöne Sache.»

Von Martin Fischer und Christian Charisius, dpa


 

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