Das Ende der Currywurst bei der Rügenwalder Mühle

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Von Christopher Weckwerth, dpa

Egal, ob die Currywurst nun im Ruhrpott erfunden wurde oder doch in Berlin, aus einem Ort kommt Deutschlands wohl beliebtester Imbiss jetzt nicht mehr: In Bad Zwischenahn im Norden Niedersachens hat die Rügenwalder Mühle zum 1. September das Ende ihrer Currywurst aus Fleisch besiegelt. Der Wursthersteller brauche mehr Platz für seine vegetarischen Produkte, sagt Firmenchef Godo Röben. Mehr noch: Die Fleisch- und Wurstbranche habe es in den vergangenen Jahren übertrieben, Tierwohl und Klimaschutz seien auf der Strecke geblieben, sagt der 50-Jährige. «Es ist jetzt an der Zeit, mal 50 Prozent weniger Tiere zu essen.»

Bemerkenswerte Töne für einen der bekanntesten Fleischverarbeiter des Landes. Und eine Strategie, die auch im eigenen Haus anfangs nicht jeden überzeugte. «Natürlich gab es große Widerstände», sagt Röben über die Einführung der Veggie-Produkte der Rügenwalder Mühle vor fünf Jahren. «Der Vegetarier war ja der natürliche Feind des Fleisch- und Wurstherstellers.» Aber das bisherige Geschäftsmodell sei einfach nicht mehr zukunftsfähig gewesen.
 

«Schon vor zehn Jahren konnte man sehen, dass wir drei riesige Probleme im Sortiment haben, die von Jahr zu Jahr größer werden: Tierleid, Gesundheit und Klimawandel», erinnert sich Röben. Es sei absehbar gewesen, dass die Massentierhaltung wegen der wachsenden Weltbevölkerung nicht weniger werde. Die Weltgesundheitsorganisation WHO habe gewarnt, es werde zu viel Fleisch gegessen. Und die Tierhaltung sei klimaschädlicher als der gesamte weltweite Verkehr. «Wenn man das sieht, dann muss man ein neues Geschäftsmodell haben.»

Doch das Thema fleischlose Ernährung polarisiert. Vor drei Jahren warb der damalige Agrarminister Christian Schmidt (CSU) sogar für ein Verbot von Produktnamen wie «vegetarisches Schnitzel» oder «vegane Currywurst». Sein Argument: Die Begriffe seien «komplett irreführend und verunsichern die Verbraucher». Was nach Fleisch klingt, sollte bitte schön auch vom Tier kommen. So als ob der Verbraucher auch Gefahr laufe, Scheuermilch mit Kuhmilch zu verwechseln.

Ein Blick in die Geschäftszahlen zeigt hingegen, dass es für Fleischersatzprodukte einen Markt gibt. Röbens Veggie-Strategie macht heute 35 bis 38 Prozent des Umsatzes der Rügenwalder Mühle aus. «Das Ziel von 40 Prozent werden wir im nächsten Jahr auf jeden Fall erreichen», sagt Röben.

Die Veggie-Produkte kommen dabei nicht einfach zusätzlich ins Sortiment. Die Fleischverarbeitung sei in den vergangenen vier Jahren um durchschnittlich drei Prozent zurückgegangen. Diese Kapazitäten werden jetzt für vegane und vegetarische Produkte gebraucht. Wobei beim Ende der Currywurst zur Wahrheit dazu gehört, dass das Unternehmen sie erst seit 2014 im Angebot hatte und einräumt, das Vermarktungsumfeld sei schwierig gewesen.

Dennoch ist es Röben wichtig, dass man, anstatt nur Verzicht zu predigen, den Kunden gute Alternativen bieten müsse. Denn: «Den Menschen vorzuschreiben, was sie essen sollen, funktioniert nicht.»

Das Interesse an Fleischersatzprodukten nimmt weltweit zu. Um den Börsengang des US-Unternehmens Beyond Meat im Mai entstand ein derartiger Hype, dass selbst CSU-Politiker Alexander Dobrindt nach einem Besuch im Silicon Valley von fleischlosen Burgern schwärmte. Zum Ärger der Rügenwalder Mühle. «Das ist, als wenn Sie sagen, der Tesla ist ja wohl das allerschönste Auto und vergessen, dass wir auch noch ein paar Autohersteller hier haben», kritisiert Röben. «Wir gehören zu den Top-Ten-Unternehmen in diesem Bereich weltweit.»

Überhaupt sieht sich der Unternehmer aus Bad Zwischenahn auf einer Ebene mit den vielbeachteten Kaliforniern. «Wir sind Auge in Auge mit Beyond Meat», sagt er. Beim Umsatz mit fleischlosen Produkten gebe es keinen Unterschied. Zum Vergleich: Beyond Meat hat seinen Umsatz im zweiten Quartal gemessen am Vorjahr um 287 Prozent auf gut 67 Millionen Dollar gesteigert - und seinen Aktienkurs seit Mai versechsfacht.

Die Rügenwalder Mühle schöpft dabei nur einen Teil der Möglichkeiten beim Fleisch ohne Tier aus: pflanzliche Produkte ja, Insekten und In-vitro-Fleisch aus dem Labor nein. «Ich glaube, Insekten werden sich in Deutschland längere Zeit nicht durchsetzen. Das wirkt für viele eher abstoßend, da ist eine Pflanze viel sympathischer», sagt Röben. Und In-vitro-Fleisch, also im Labor gezüchtetes Gewebe, brauche noch fünf bis zehn Jahre, bis es marktfähig sei. Zudem würden viele sagen: «Das ist ja Frankenstein-Essen.»

Eine Rügenwalder Mühle, die irgendwann ganz ohne Fleisch auskommt, schließt Röben dagegen nicht aus. «Das wird der Verbraucher entscheiden. Wir sind da keine Missionare», sagt er. Die Currywurst hat's schon erwischt.


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