Ernährungsstrategie: Özdemir will weniger Zucker, Fett und Salz in Mensen und Kantinen

| Politik Politik

Weniger Zucker, Fett und Salz beim Essen vor allem für Kinder, mehr Bio und Regionales beim Mittagstisch in der Kantine: Für Millionen Menschen in Deutschland soll eine gesündere Ernährung nach Plänen der Bundesregierung im Alltag leichter werden. «Ich will, dass jeder eine echte Wahl für gutes Essen bekommt», sagte Agrarminister Cem Özdemir (Grüne) am Mittwoch. Das Kabinett beschloss dazu eine Strategie mit Zielen und Maßnahmen, die auch auf mehr Obst und Gemüse und weniger Lebensmittelabfälle setzen. Verbraucherschützer, Umwelt- und Gesundheitsexperten kritisierten die Pläne als enttäuschend.

«Leckeres, gesundes und nachhaltiges Essen darf nicht vom Geldbeutel abhängen oder davon, aus welcher Familie man kommt», sagte Özdemir in Berlin. Und fügte gleich noch zur Klarstellung hinzu: «Entscheiden muss sich dann jeder selbst, da hat niemand jemandem etwas vorzuschreiben.» Denn um einen «Kulturkampf» solle es ausdrücklich nicht gehen, machte der Minister mit Blick auf Debatten deutlich, ob noch Schnitzel oder Kaffee mit Zucker auf dem Tisch sein dürfen.

Ansetzen soll die Strategie «Gutes Essen für Deutschland» besonders an Orten, wo jeden Tag viele Menschen essen, trinken oder einkaufen - in Firmen, Schulen, Kitas, Supermärkten. Gesunde Ernährung werde da nicht immer leicht gemacht, erläuterte Özdemir. Oft fehle auch ein entsprechendes Angebot. Dabei sei Handlungsbedarf da: Mehr als jeder zehnte Mensch hierzulande habe Diabetes, ungesunde Ernährung werde mit 14 Prozent der Todesfälle in Verbindung gebracht. Die Strategie führt verschiedene Maßnahmen auf - mit einem «Zielhorizont bis 2050».

Zentrale Rolle für Kantinen und Mensen

Eine wichtige Rolle sollen Kantinen und Mensen in Unternehmen und anderen Einrichtungen spielen, in denen am Tag rund 17 Millionen Menschen essen. Dort sollen mehr pflanzliche, saisonale und möglichst regionale und ökologisch erzeugte Produkte auf die Speisepläne kommen und auch «so angeboten werden, dass junge Menschen sie gerne zu sich nehmen», wie es in der Strategie heißt. Die Qualitätsstandards und praktischen Tipps der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sollen demnach bis 2030 verbindlich etabliert werden.

Das Netz der Bildungseinrichtungen liegt zwar in Regie der Länder. Einen Impuls dazu gab am Wochenende aber auch der beim Bundestag angesiedelte erste Bürgerrat, der ein kostenfreies, gesundes Mittagessen für alle Kinder an Kitas und Schulen empfahl. Der Bund sollte das mindestens zur Hälfte finanzieren. Özdemir ließ Sympathie dafür erkennen und machte klar, dass in einer großen Volkswirtschaft wie Deutschland Wege zur Finanzierung zu finden sein sollten. Und es wäre auch schon etwas, wenn der Bund als Nachfragefaktor aktiv werde, etwa bei den Standorten von Bundeswehr und Bundespolizei.

Keine Werbung mehr für ungesunde Produkte

Die Strategie enthält auch, dass die Regierung Beschränkungen bei der Werbung für ungesündere Produkte an die Adresse von Kindern plant. Nur steckt das Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag seit Monaten wegen Einwänden der FDP fest. Özdemir warb für die überarbeiteten Pläne, über die weiter zu reden sei. «Ich stehe da im Wort», machte er klar. Es wäre «ein Treppenwitz der Geschichte», wenn man keine Lösung fände. Özdemir hat die Vorgaben schon enger gefasst. Werbeverbote für Produkte mit zu viel Zucker, Fett und Salz sollen demnach auf Zeiten konzentriert werden, wenn besonders viele Kinder Fernsehen schauen.

Die Verbrauchzentralen begrüßten es, dass die Bundesregierung den Handlungsbedarf erkannt habe. Die Strategie sei «ein erster Schritt», entscheidend aber die Umsetzung. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) erklärten, bei konkreten Maßnahmen bleibe die Strategie schwammig. Es sei fraglich, ob die Ernährungswende so erreicht werden könne. Die Umweltorganisation WWF monierte, die Pläne blieben unverbindlich. Denkbar wäre etwa ein Bundesinvestitionsprogramm mit Eigenanteilen der Länder für die Umstellung auf eine nachhaltige Gemeinschaftsverpflegung in Kitas, Schulen oder Krankenhäusern.

In der Koalition fielen die Reaktionen gemischt aus. Für die SPD nannte die Abgeordnete Peggy Schierenbeck die Strategie einen «Meilenstein für die soziale Gerechtigkeit, wenn wir sie wirksam und nachhaltig umsetzen». Der FDP-Fachpolitiker Gero Hocker sprach indes von einem «Sammelsurium aus Absichtserklärungen und Prüfaufträgen». Wenn es im Parlament um konkrete Maßnahmen gehe, werde er sich jeder Bevormundung von Landwirtschaft und Verbrauchern entgegenstellen. (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Der Landtag von Baden-Württemberg hat den Weg für die Rückerstattung von Corona-Soforthilfen frei gemacht. Wer vor dem 8. April 2020 Anträge stellte und bereits Geld zurückgezahlt hat, erhält dieses nun inklusive Zinsen zurück – allerdings erst nach einem noch einzurichtenden Antragsverfahren.

Mit Anwälten und Abmahnungen kämpfen die Oktoberfestwirte gegen den illegalen Weiterverkauf von Tischreservierungen. Nachdem erste Urteile gegen horrende Preise gefallen sind, warnen Stadt und Wirte nun gemeinsam: Gültig sind nur Original-Reservierungen.

Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) will das Verbot der Bettensteuer durch den Freistaat Bayern vor dem Bundesverfassungsgericht prüfen lassen. Zuerst muss aber noch der Stadtrat zustimmen.

Die Idee einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke stößt in der Bevölkerung einer Umfrage zufolge auf große Zustimmung. 60 Prozent der Befragten bewerten eine Steuer positiv, deren Höhe mit dem Zuckergehalt des Getränks steigt.

Während 60,4 Millionen Übernachtungen über Portale den Wohnraum unter Druck setzen, warnt Hotelier Marco Nussbaum vor der Lobby-Macht der Plattformen. Der Hotelverband IHA liefert mit einem neuen Leitfaden die Werkzeuge für Kommunen, um für faire Wettbewerbsbedingungen zu sorgen.

Die Ära der kleinen Kosmetikfläschchen in Hotelzimmern geht zu Ende. Ab 2030 untersagt eine neue EU-Verordnung Einwegverpackungen für Hygieneartikel im Beherbergungssektor. Während Hotels auf nachfüllbare Spendersysteme umstellen, bleibt der Verkauf von Reisegrößen im Einzelhandel vorerst erlaubt.

Die erste Tarifrunde für die Beschäftigten im niedersächsischen Gastgewerbe endete in Hannover ohne Abschluss. Während der Dehoga eine zweistufige Erhöhung um insgesamt 5 Prozent anbot, lehnte die Gewerkschaft NGG die Vorschläge ab. Die Verhandlungen werden im März fortgesetzt.

Die stellvertretende NGG-Vorsitzende Claudia Tiedge kritisiert Forderungen nach einer Aufweichung des Acht-Stunden-Tags und warnt vor negativen Folgen für die Gleichstellung von Frauen.

Das Gastgewerbe in Sachsen-Anhalt sieht die seit Jahresbeginn geltende Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen zwar als spürbare Entlastung, schätzt die aktuelle Lage aber dennoch weiter als angespannt an.

Der DEHOGA setzt sich mit einer Kampagne für die Ablösung der täglichen Höchstarbeitszeit ein. Durch eine Umstellung auf die Wochenarbeitszeit sollen Betriebe sowie deren Beschäftigte von mehr Flexibilität profitieren. Die Bundesregierung braucht der Verband allerdings nicht mehr zu überzeugen. Die wöchentliche Höchstarbeitszeit ist längst in Planung.