Massive Kritik an Plänen zur Einschränkung der Teilzeit

| Politik Politik

Der Vorstoß des Wirtschaftsflügels der Union, den gesetzlichen Rechtsanspruch auf Teilzeit drastisch zu besneiden, löst eine Welle der Entrüstung aus. Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) strebt an, die Reduzierung der Arbeitszeit künftig an enge Bedingungen zu knüpfen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Doch die Pläne stoßen nicht nur beim politischen Gegner und den Gewerkschaften auf massiven Widerstand, sondern sorgen auch innerhalb der eigenen Parteien für erhebliche Dissonanzen.

Breite Front gegen die Einschränkung von Arbeitnehmerrechten

Die Kritik an dem Vorhaben der Mittelstands- und Wirtschaftsunion ist parteiübergreifend und deutlich. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) bezeichnete das Vorgehen als wenig zielführend. Sie betonte, dass die CDU nicht klug beraten sei, wenn sie den Bürgern ständig unterstelle, nicht genug zu arbeiten. Nach Ansicht von Schwesig dürfe der Staat nicht zwischen verschiedenen Beweggründen für Teilzeit werten. Vielmehr müsse die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Pflegeinfrastruktur verbessert werden, um Anreize für Vollzeitstellen zu schaffen.

Auch der stellvertretende SPD-Vorsitzende Alexander Schweitzer wies die Vorwürfe aus der Union scharf zurück. Er sehe in der deutschen Arbeitswelt kaum Anzeichen für sogenannte Lifestyle-Arbeitnehmer. Schweitzer verwies auf die Statistik, nach der im Jahr 2023 insgesamt 1,3 Milliarden Überstunden geleistet wurden. Dies belege den Fleiß der Beschäftigten. Die Unterstellung, Deutschland sei ein Volk fauler Arbeitnehmer, habe mit der Realität nichts zu tun. Oftmals verharren Menschen, insbesondere Frauen, unfreiwillig in der Teilzeit, da die Rahmenbedingungen für eine Aufstockung der Stunden fehlen.

Widerstand aus den eigenen Reihen der Union

Selbst innerhalb der Unionsparteien stößt der Antrag, der den Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“ trägt, auf Ablehnung. Der rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Gordon Schnieder nannte das Vorhaben eine „Schnapsidee“. Er betonte, dass er dieses Vorgehen nicht unterstütze und die Debatte zur Unzeit komme. Statt über Verbote zu diskutieren, forderte er steuerliche Entlastungen und eine Senkung der Abgabenlast, um Vollzeitarbeit attraktiver zu gestalten.

Ähnlich positionierte sich CSU-Chef Markus Söder. Zwar sprach er sich grundsätzlich für eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit aus, lehnte eine Einschränkung oder ein Verbot von Teilzeit jedoch klar ab. Er setze auf positive Anreize statt auf regulatorische Eingriffe. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hingegen zeigte Sympathie für das Ziel, die Arbeitsproduktivität zu steigern. Sie merkte an, dass die Arbeitszeit in Deutschland im internationalen Vergleich gering sei, forderte aber gleichzeitig einen Ausbau der Betreuungsmöglichkeiten als notwendige Voraussetzung.

Gewerkschaften warnen vor Rückschritten in der Gleichstellung

Scharfe Töne kamen von den Gewerkschaften. Yasmin Fahimi, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), bezeichnete die Pläne als neuen Tiefpunkt einer realitätsfernen Debatte. Sie kritisierte, dass Frauen oft keine Wahl hätten, als weniger zu arbeiten, da unbezahlte Sorgearbeit und mangelnde Kinderbetreuung sie dazu zwängen. Die Infragestellung des Rechts auf Teilzeit zementiere alte Rollenbilder.

Claudia Tiedge, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), bezeichnete den Vorschlag als absurd. In Branchen wie dem Gastgewerbe oder der Lebensmittelproduktion sicherten hunderte Tausende Teilzeitbeschäftigte den Betrieb unter erschwerten Bedingungen ab. Die Abwertung dieser Arbeit als Lifestyle-Entscheidung sei respektlos. Es gelte, Barrieren abzubauen, statt Beschäftigte an den Pranger zu stellen.

Wissenschaftliche Zweifel an der Lifestyle-These

Arbeitsmarktexperten stützen die Kritik mit Zahlen. Stefan Sell, Professor an der Hochschule Koblenz, bezweifelt die Relevanz der sogenannten Lifestyle-Teilzeit. Die Gruppe derer, die es sich finanziell leisten können, ohne triftigen Grund weniger zu arbeiten, liege vermutlich lediglich im einstelligen Prozentbereich. Auch Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigen ein differenziertes Bild: Trotz einer Rekord-Teilzeitquote von rund 40 Prozent im Jahr 2025 ist das gesamte Arbeitsvolumen stabil geblieben. Grund dafür ist, dass Teilzeitkräfte heute mit durchschnittlich gut 18 Wochenstunden deutlich mehr arbeiten als früher.

Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion beharrt dennoch auf ihrem Antrag für den CDU-Bundesparteitag im Februar. Sie will den Rechtsanspruch auf Teilzeit nur noch gewähren, wenn Gründe wie Kindererziehung, Pflege oder Fortbildung vorliegen. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) signalisierte Unterstützung für eine Überprüfung der Regelungen, um Wachstumsbremsen zu lösen.


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Der Chef darf ab dem ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest verlangen. Diese Regel zu ändern, könnte Ärzte entlasten. Die Gesundheitsministerin zeigt sich überraschend offen für die Idee.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten mobilisiert am 23. Oktober Essenskuriere und Support-Mitarbeiter. Hintergrund sind die Pläne des Essenslieferdienstes zur bundesweiten Auslagerung von etwa 2.000 Arbeitsplätzen.

Die Arbeitsgemeinschaft Mittelstand, ein Zusammenschluss von zehn Wirtschaftsverbänden, legte nun ihren zweiten Mittelstandsmonitor vor und zieht erneut eine ernüchternde Bilanz der politischen Rahmenbedingungen.

Der Dehoga in Hessen lehnt das geplante EU-Verbot von Bezeichnungen wie «Veggie-Burger» ab. Warum der Verband und ein veganes Lokal vor mehr Bürokratie und Verunsicherung von Kunden warnen.

Die Stadt Konstanz meldet eine Trendwende beim Müllaufkommen im öffentlichen Raum und führt diese auf die seit 1. Januar 2025 erhobene Verpackungssteuer auf Einwegverpackungen für Speisen und Getränke zum Sofortverzehr zurück. Parallel dazu äußern Verbände Kritik an der Bewertung der Stadt und bemängeln das vorschnelle Fazit.

Der Verband der Veranstaltungsorganisatoren hat das Bundeskartellamt über mögliche Wettbewerbsbeschränkungen und eine zunehmende Marktkonzentration im Bereich der MICE-Buchungsportale informiert. Nach Auffassung des Verbands droht in diesem zentralen Marktsegment für die deutsche Wirtschaft eine „gefährliche Ballung von Marktmacht“.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat eine längere Frist bis zur Vorlage einer ersten Krankschreibung vorgeschlagen. Niedersächsische Arbeitgeber haben mit deutlichen Worten reagiert.

Schlagabtausch um Ostsee-Preise: Tourismusminister Wolfgang Blank kritisiert die Gastronomie von Mecklenburg-Vorpommern wegen zu teurer Schnitzel und Hotelzimmern. Der DEHOGA kontert scharf und schiebt die Schuld für die hohen Kosten auf die Politik und den Mindestlohn.

Die geplanten Steuerentlastungen für die Gastronomie und Pendler sorgen bei den Ländern und Kommunen für Sorge. Der Finanzausschuss des Bundesrats warnt vor einer "zusätzlichen Verschärfung der Haushaltslage". Der Bundesrat befasst sich am 17. Oktober 2025 mit den Plänen und einer möglichen Forderung nach Kompensation durch den Bund.

Mehr Eigenverantwortung, weniger unnötige Praxis-Besuche: Der Kassenärzte-Chef möchte die Regeln zur Krankschreibung gelockert sehen. Das soll Arbeitnehmer, Eltern und Praxen entlasten.