SPD will Härtefallfonds: Bundesgeld für Lockdown-Betriebe zu spät?

| Politik Politik

Nach den angeordneten Schließungen für weite Teile des Hotel-, Gaststätten- und Kulturbetriebs zur Eindämmung der Corona-Pandemie dringt die SPD auf schnelle Landeshilfen für die betroffenen Betriebe. Sachen-Anhalts SPD will so Härtefällen helfen, bis die vom Bund angekündigten Entschädigungen tatsächlich fließen. Die Pläne sorgen für Streit in der schwarz-rot-grünen Koalition, Finanzminister Michael Richter (CDU) lehnt sie ab.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) habe angekündigt, dass es Ende November einen ersten Abschlag geben könne, sagte der SPD-Abgeordnete Andreas Steppuhn am Mittwoch im Finanzausschuss des Magdeburger Landtags. Das könnte für viele Gastronomen und betroffene Betriebe zu spät sein. Gerade Betreiber von Kneipen würden ihr Geschäft im Zweifel einfach zuschließen und ihr Gewerbe aufgeben, warnte SPD-Landeschef Andreas Schmidt. Das sei ein reales Problem, das in vielen Kleinstädten in Sachsen-Anhalt auftreten werde.

Die Sozialdemokraten schlugen vor, mit dem Bund ein gemeinsames Vorgehen zu verhandeln und mit Landesmitteln in Vorleistung zu gehen. Konkret schwebt ihnen ein Härtefallfonds vor, über den 6 Millionen Euro ausgereicht werden sollen. Er soll sich an die seit dem Frühjahr geschlossenen Clubs und die Veranstaltungsbranche richten sowie an die jetzt wieder geschlossenen Gastrobetriebe, sagte Steppuhn.

Seit Montag ruht der Betrieb von Gastronomie und touristischer Beherbergung sowie der Kultur- und Freizeitbereich auf staatliche Anordnung größtenteils. Mit der vierwöchigen Maßnahme sollen die Kontakte der Menschen minimiert werden, um die Zahl der zuletzt schnell gestiegenen Ansteckungen wieder zu senken. Ziel ist es, eine Überlastung der Gesundheitsbehörden und Krankenhäuser zu verhindern.

Im Gegenzug kündigte die Bundesregierung an, betroffenen Betrieben bis zu 75 Prozent ihres Umsatzes aus dem Vorjahresmonat zu ersetzen. Soloselbstständige sollen ein Zwölftel des Jahreseinkommens bekommen. Details sind jedoch weiterhin unklar.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) hatte ein zweites Herunterfahren des öffentlichen Lebens bis Anfang voriger Woche ausgeschlossen, schließlich aber der bundesweiten Maßnahme zugestimmt. Dabei sei die versprochene Entschädigung für Betriebe ein entscheidender Grund gewesen, sagte Haseloff am Dienstag.

Zudem habe sich das lange geringe Infektionsgeschehen dynamisiert. Die höchste Alarmschwelle von 50 Infektionen je 100 000 Einwohner und Woche sei überschritten, argumentierte der Regierungschef. Der Wert habe sich binnen weniger Wochen verachtfacht.

Finanzminister Michael Richter (CDU) erteilte dem Vorschlag nach schnellen Landeshilfen eine Absage: Sachsen-Anhalt könne ohne rechtliche Grundlagen keine Abschlagszahlungen leisten, ohne sich strafbar zu machen. Es müsse ein anderer Weg gefunden werden, sagte Richter. Sobald der Bund Belastbares zu den Entschädigungen vorlege, könnten im Finanzausschuss auch Hilfen des Landes diskutiert werden.

Auch Landesrechnungshofchef Kay Barthel warnte vor Schnellschüssen: Gelder, die das Land verteile, bevor die Bundesregeln klar seien, würden angerechnet. Die Betroffenen hätten keinen Cent mehr.

Die Sozialdemokraten wollen sich mit dem Nein nicht abfinden. «Wenn der Finanzminister eine gesetzliche Grundlage braucht, sind wir bereit, sie zu schaffen», sagte der SPD-Abgeordnete Steppuhn. (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Das Gastgewerbe in Sachsen-Anhalt sieht die seit Jahresbeginn geltende Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen zwar als spürbare Entlastung, schätzt die aktuelle Lage aber dennoch weiter als angespannt an.

Der DEHOGA setzt sich mit einer Kampagne für die Ablösung der täglichen Höchstarbeitszeit ein. Durch eine Umstellung auf die Wochenarbeitszeit sollen Betriebe sowie deren Beschäftigte von mehr Flexibilität profitieren. Die Bundesregierung braucht der Verband allerdings nicht mehr zu überzeugen. Die wöchentliche Höchstarbeitszeit ist längst in Planung.

Der CDU-Parteitag hat eine Steuer auf gezuckerte Getränke abgelehnt. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther will aber noch nicht aufgeben und hat jetzt andere Pläne.

Mehrkosten fürs Mitnehmen? Potsdam will dem Beispiel Tübingen folgen und eine Verpackungssteuer einführen. Die Wirtschaft befürchtet, dass es am Ende der Kunde zu spüren bekommt.

Der Hotelverband Deutschland (IHA) knüpft die Unterstützung für den Digitalen Euro an klare Bedingungen. Für den Erfolg in Hotellerie und Gastronomie fordert der Verband Gebührenfreiheit bei Kleinbeträgen und feste Transaktionsgebühren statt prozentualer Kosten.

Knausern viele Wirte beim Lohn? Der Dehoga Bayern weist Vorwürfe der Gewerkschaft NGG entschieden zurück und betont, dass die Mehrwertsteuersenkung direkt in Lohnsteigerungen und Beschäftigungssicherung fließt.

85 Kilo pro Kopf: Frankreich isst deutlich mehr Fleisch als Deutschland. Jetzt ruft die Regierung zu weniger Konsum auf – aber um die genaue Formulierung gab es Streit.

Die Denkfabrik „Zukunft der Gastwelt“ fordert ein umfassendes Belastungsmoratorium für das Gastgewerbe. In ihrem Schreiben an Bundestagsabgeordnete werden Insolvenzen, wie die der Revo Hospitality Group, als strukturelles Branchenproblem dargestellt. Marc Schnerr beleuchtet in einem Kommentar, warum er diese Argumentation ein wenig einseitig findet.

Die Kommission zur Sozialstaatsreform plant eine Neuausrichtung der Einkommensanrechnung und eine Vereinfachung von Sozialleistungen. Der Branchenverband DEHOGA verweist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung für geringfügig Beschäftigte im Gastgewerbe und warnt vor möglichen Fehlanreizen für Schwarzarbeit.

In Tübingen und Konstanz kennt man sie bereits - in Freiburg gibt es seit Jahresbeginn die Verpackungssteuer auf Speisen zum Mitnehmen. Aus der Gastronomie kommt Gegenwind - die Stadt äußert sich.