Wissenschaftler geben Politikern Empfehlungen und Hausaufgaben mit

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Die Empfehlungen der Leopoldina-Akademie der Wissenschaften haben Hoffnungen auf eine vorsichtige Öffnung von Geschäften, Betriebsstätten und Bildungseinrichtungen geweckt. Doch damit diese Realität werden, müssen sich an diesem Mittwoch nicht nur Bundesregierung und Ministerpräsidenten auf einen Fahrplan einigen. Die Wissenschaftler nennen auch konkrete Voraussetzungen für Lockerungen der massiven Einschränkungen. Diese Bedingungen sind bisher aber noch nicht alle erfüllt. Daher geben die Wissenschaftler den Politikern nicht nur Empfehlungen mit, sondern auch Hausaufgaben.

ZUVERLÄSSIGE DATEN: Die seit März geltenden Einschränkungen sollen eine Überforderung des Gesundheitssystems verhindern und Risikogruppen bis zur Verfügbarkeit von wirksamen Medikamenten und Impfstoffen schützen. Damit die Maßnahmen nicht gleichzeitig Bildungsbiografien zerstören, Massenarbeitslosigkeit, Pleiten und psychische Krankheiten befördern, müssen mehr Gesundheits- und Kontaktdaten in Echtzeit erhoben und nutzbar gemacht werden können - etwa zur aktuellen Zahl der Infizierten und zu lokalen Ausbruchsherden. Dafür braucht es mehr Tests und digitale Lösungen.

MEHR TESTS: Die Kapazität für Tests auf das neuartige Coronavirus ist nach Angaben der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) zuletzt noch einmal erhöht worden. Demnach sollen nun 100 000 Tests pro Tag gemacht werden. Vergangene Woche wurden nach Angaben des Verbandes insgesamt rund 300 000 Corona-Tests in den Laboren ausgewertet. Bundesweit arbeiteten zuletzt laut ALM mehr als 100 Labore mit Coronavirus-Tests. Die ALM-Labore erbringen nach eigenen Angaben 90 Prozent aller Corona-Tests. Einer Abfrage des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge beteiligten sich Mitte März sogar deutschlandweit mehr als 150 Labore mit Abstrichen auf Sars-CoV-2.

In vielen Laboren sind zudem Abstrichtupfer, Schutzkleidung und Atemmasken knapp. «Das ist alles nicht in dem Maß vorhanden, wie es vorhanden sein müsste», sagt der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Laborärzte (BDL), Andreas Bobrowski. Dagegen sei die Versorgung mit Corona-Tests, den sogenannten PCR-Tests, mittlerweile ausreichend. Allerdings warnte der Arzt davor, dass die Labore bei einzelnen Ausbrüchen auch schnell an ihre Kapazitätsgrenzen kommen könnten – sollten etwa Altenheime oder Krankenhäuser betroffen sein, bräuchte es eine hohe Zahl von PCR-Tests innerhalb kurzer Zeit.

Vereinzelt werden nach ALM-Angaben auch schon Patienten auf Antikörper getestet – zum Nachweis auf eine möglicherweise schon überstandene Sars-CoV-2-Infektion. Für einen größeren Einsatz müsse aber erst die Zuverlässigkeit dieser Antikörpertests sichergestellt werden. Von dem Einsatz sogenannter Antikörper-Schnelltest rieten die ALM zuletzt ab. Deren Qualität sei häufig fraglich, hieß es.

DATENSPENDE, HANDY-STANDORTE UND CORONA-WARN-APP: Digitale Anwendungen helfen herauszufinden, wie viele Menschen Symptome haben, wie viel soziale Interaktion wo stattfindet und ob jemand womöglich angesteckt wurde. In der Krise arbeiteten sogar Konkurrenten wie Vodafone und die Telekom zusammen, heißt es. Dass in der öffentlichen Debatte über digitale Lösungen zuletzt vor allem Bedenken dominierten, hat wohl auch mit der Art und Weise zu tun, wie die Bundesregierung und das RKI darüber informiert haben. Denn im Prinzip geht es um drei verschiedene Möglichkeiten.

1. Behörden können mit den Daten von Mobilfunkanbietern feststellen, an welchen Orten besonders viele Menschen zusammenkommen. Dabei ist nicht wichtig, wer diese Menschen sind.

2. Die vom RKI angeregte «Datenspende» erfolgt über Fitnessarmbänder und Smartwatches. Die freiwillige Übertragung bestimmter Gesundheitsdaten soll in Kombination mit der Postleitzahl des Wohnorts dazu beitragen, die Ausbreitung des Coronavirus besser zu erfassen und zu verstehen. Mehr als 160 000 Menschen machen mit.

3. Noch nicht verfügbar ist eine von der Bundesregierung empfohlene freiwillige nationale Stopp-Corona-App, die eine anonymisierte Warnung an Menschen versendet, die Kontakt zu Infizierten hatten. Ein europäischer Austauschmechanismus, der die Privatsphäre schützt, existiert dafür bereits. Das Kanzleramt unterstützt das Vorhaben. Wenn Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) grünes Licht gibt, könnte die App kommende Woche starten.

VERFÜGBARKEIT VON SCHUTZMASKEN: Die Akademie empfiehlt das Tragen von Mund-Nasen-Schutz. In Bildungseinrichtungen und - verpflichtend - auch im öffentlichen Personennahverkehr. Vorausgesetzt, es gibt die Masken. Fehlende Schutzausrüstung ist aktuell immer noch das drängendste Problem in Kliniken. Selbst angefertigte Masken, Schals und Tücher könnten zumindest im öffentlichen Leben zur Überbrückung genutzt werden, empfiehlt die Leopoldina.

Ein Mund-Nasen-Schutz dient vor allem dem Schutz anderer Menschen, weil das Material vor Mund und Nase Tröpfchen beim Sprechen, Niesen oder Husten auffängt. Vor einer Ansteckung des Trägers mit dem Virus schützen sie aber eher nicht. Medizinischem Personal, das direkten Umgang mit Verdachtsfällen und Corona-Patienten hat, bieten diese simplen Masken keinen ausreichenden Schutz. Das Virus könnte auch über kleinere Partikel in der Luft – sogenannte Aerosole - übertragen werden.

INTENSIVBETTEN: Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) sieht die Krankenhäuser mit Blick auf die aktuelle Zahl von Covid-19-Patienten für die nächsten Wochen gut gerüstet. «Insgesamt ist die Lage so, dass die Kliniken die Versorgung gut gewährleisten können», sagt DKG-Präsident Gerald Gaß. Aktuell bestünden in den deutschen Krankenhäusern noch Reserven bei den Behandlungsmöglichkeiten.

Das Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) meldete am Dienstag 8597 freie Intensivbetten. Das entspricht einem Anteil von rund 42 Prozent gemessen an den insgesamt 20 595 registrierten Intensivbetten. 11 998 dieser Betten sind aktuell belegt. Nur ein kleiner Teil - 2488 Betten - wird derzeit für Covid-19-Patienten genutzt, die sich in intensivmedizinischer Behandlung befinden. Nach Angaben des RKI berücksichtigt das Register bisher allerdings nur weniger als die Hälfte der tatsächlich verfügbaren Betten. Denn nur 789 Klinikstandorte melden derzeit ihre Kapazitäten an das Register.

Die DKG bemühe sich weiterhin, Kapazitäten aufzustocken, vor allem zur Behandlung von Patienten, die beatmet werden müssen. Mit Blick auf die angedachten Lockerungen in der Corona-Krise mahnt Gaß zur Abwägung: «Für die Kliniken ist es wesentlich, dass eine langsame Ausbreitung oder möglichst eine Eindämmung der Infektionszahlen erreicht wird, um auch weiterhin die hohe Versorgungsqualität von intensivmedizinisch zu betreuenden Patienten gewährleisten zu können.»

Divi-Tagesreport zu Intensivbetten

RKI-Lagebericht 13.04.2020

LAB-Mitteilung vom 07.04.2020 zu Test-Kapazitäten

RKI zur Corona-Datenspende

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