Overtourism: Wie Bayerns Orte und Regionen den Andrang managen

| Tourismus Tourismus

Die Debatte um die Belastungsgrenzen des Tourismus gewinnt in Bayern an Sachlichkeit. Während international oft von einer Krise gesprochen wird, rücken im Freistaat zunehmend Konzepte zur Steuerung und Tragfähigkeit in den Vordergrund. Das Bayerische Zentrum für Tourismus (BZT) thematisiert seit Beginn des Jahres die Auswirkungen von punktuellem Übertourismus und suchte hierzu den Dialog mit Vertretern aus der Praxis.

Wahrnehmung und Verhaltensänderung der Reisenden

Eine aktuelle Untersuchung des BZT verdeutlicht die Präsenz des Themas im Bewusstsein der Bevölkerung. Demnach ist der Begriff Übertourismus 55 Prozent der Menschen in Deutschland bekannt. Knapp die Hälfte der Befragten, nämlich 46 Prozent, gab an, dieses Phänomen bereits auf Reisen oder am eigenen Wohnort persönlich erlebt zu haben. Diese Erfahrungen haben direkte Auswirkungen auf die Urlaubsplanung. Von den Betroffenen passen 55 Prozent ihr Reiseverhalten aktiv an. Dabei gaben 61 Prozent an, verstärkt in der Nebensaison zu verreisen, während 56 Prozent bekannte touristische Brennpunkte meiden. Nahezu jeder Zweite weicht für den Urlaub auf andere Zielgebiete aus.

Die Verantwortung für Lösungen wird dabei differenziert gesehen. Während 67 Prozent der Umfrageteilnehmer die Reisenden selbst in der Pflicht sehen, fordern 40 Prozent ein Eingreifen von Politik und Unternehmen. Professor Alfred Bauer, Leiter des BZT, beobachtet eine Verschiebung der Diskussion. Laut Bauer hat sich der Diskurs seit den Corona-Jahren von einer reinen Branchenfrage hin zu einer politisch-gesellschaftlichen Debatte entwickelt. Das Ziel bestehe darin, wirtschaftliche Stärke, ökologische Verantwortung und soziale Akzeptanz in ein nachhaltiges Gleichgewicht zu bringen.

Regionale Herausforderungen und Lösungsansätze

In Bayern stellt sich die Situation nicht flächendeckend, sondern als räumlich und zeitlich begrenztes Phänomen dar. Besonders markant zeigt sich dies in der Gemeinde Grainau. Bürgermeister Stephan Märkl verweist auf die wirtschaftliche Relevanz des Sektors, benennt aber gleichzeitig die Schwierigkeiten im Tagestourismus. Am Eibsee werden an Spitzentagen bis zu 15.000 Gäste gezählt.

In Füssen setzt man auf eine stärkere Einbindung der lokalen Bevölkerung. Stefan Fredlmeier, Geschäftsführer von Füssen Tourismus und Marketing, fordert angesichts der Besucherströme rund um das Schloss Neuschwanstein ein gemeinwohlorientiertes Destinationsmanagement sowie erweiterte Formate zur Bürgerbeteiligung. Auch in der Landeshauptstadt München wird an der Akzeptanz gearbeitet. Ralf Zednik, Leiter der Marktforschung bei München Tourismus, setzt auf eine gezielte Auswahl von Zielgruppen, die zu den Einheimischen passen, sowie auf Maßnahmen zur Besucherlenkung und Entsaisonalisierung.

Infrastruktur und datenbasierte Steuerung

Ein weiterer Aspekt der Debatte betrifft die Verkehrsinfrastruktur. Benedikt Esser, Präsident des Busverbandes RDA, spricht sich gegen pauschale Beschränkungen für Busse während der Hauptsaison aus. Er plädiert stattdessen für eine intelligente und datenbasierte Verkehrslenkung, um die Ströme effizienter zu führen.

Das BZT wird die Thematik weiter vertiefen. Am 26. März stellt Professor Bauer im Rahmen einer Online-Veranstaltung weitere Details der Studie zur Nachfrageseite vor, um die Datenlage für künftige Management-Entscheidungen zu präzisieren.


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Hilton hat seinen Trends Report 2027 veröffentlicht. Die Untersuchung beschreibt, wie sich das Reiseverhalten deutscher Urlauber im kommenden Jahr verändern könnte. Im Mittelpunkt stehen Flexibilität, Erholung, persönliche Entwicklung und Vertrauen.

Dass München für Deutschland ins Rennen um Olympische und Paralympische Spiele geht, hat im Freistaat eine Welle der Euphorie ausgelöst. Auch das Gastgewerbe begrüßte die Entscheidung als starkes Signal für die Landeshauptstadt und den Freistaat.

Die Deutschen planen für diesen Herbst weniger Urlaubsreisen als vor einem Jahr. Das zeigen die aktuellen Ergebnisse des Urlaubsplanungsindex des Deutschen Instituts für Tourismusforschung in Kooperation mit dem Deutschen Tourismusverband.

Royal Caribbean Group hat eine Vereinbarung über eine 50-prozentige Beteiligung an Sandals und Beaches Resorts unterzeichnet. Der Abschluss der rund drei Milliarden US-Dollar teuren Transaktion wird für Anfang 2027 erwartet.

Das im Mai eröffnete temporäre Erlebnis-Dorf des Erdbeer-Unternehmens Karls in Wernigerode im Harz soll 2027 in die Verlängerung gehen. Zunächst wird es aber nach den Herbstferien Anfang November schließen.

Lonely Planet zählt Dessau zu seinen Reisezielen für 2027. Autor Anthony Ham stellt das Bauhaus und dessen Einfluss auf die Alltagsarchitektur in den Mittelpunkt.

Die Aktien mehrerer Reiseplattformen haben nach dem Start von Metas KI-Assistent Muse nachgegeben. Analysten befassen sich mit möglichen Folgen für das Geschäft mit Reisebuchungen.

Eine aktuelle Studie der Deutschen Zentrale für Tourismus bestätigt die Bedeutung der Vereinigten Staaten als wichtigsten Überseemarkt für den deutschen Tourismus. Trotz gestiegener Kostensensibilität bleiben die Ankünfte stabil auf dem Niveau des Vorjahres.

Die Ferienparkkette Center Parcs prüft die Errichtung eines großen Ferienparks im Lausitzer Seenland. Das Projekt auf Brandenburger Seite solle zwischen Sedlitzer See und Partwitzer See auf rund 90 Hektar Fläche 500 bis 700 Ferienhäuser umfassen.

Tui spürt weiterhin die Folgen des Iran-Kriegs, viele Menschen buchen ihren Urlaub zudem später. Doch es gibt auch Lichtblicke. Was erwartet Europas größter Reisekonzern für die Wintersaison?