Tourismusanalyse: Nur jeder dritte Bundesbürger war 2020 unterwegs

| Tourismus Tourismus

Die Auswirkungen der weltweiten Corona-Pandemie prägten das abgelaufene Reisejahr. Nur noch 37 Prozent der Bundesbürger – und damit rund 40 Prozent weniger als noch 2019 – sind 2020 wenigstens fünf Tage verreist, so ein Ergebnis der Deutschen Tourismusanalyse der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. In der modernen Geschichte des Reisens hat es einen solchen Einbruch noch nicht gegeben, selbst zu Zeiten der Golfkriege, der Terroranschläge am 11. September oder der Wirtschafts- und Finanzkrise verreiste stets die Mehrheit der Bundesbürger.

Für etwa die Hälfte der Deutschen war das Zuhausebleiben in Bezug auf den Urlaub jedoch weniger einschränkend als erwartet, sie sagten sogar, das Verreisen nicht wirklich vermisst zu haben. Für diejenigen, die während der Pandemie in den Urlaub fuhren, gab es wenig Verständnis innerhalb der Bevölkerung. Für 70 Prozent der Bürger ist es ein schlichtweg egoistisches Verhalten und zeigt, dass Urlauber nicht an das Gemeinwohl denken.

Professor Dr. Ulrich Reinhardt, Wissenschaftlicher Leiter der BAT-Stiftung: „Lockdowns, Reisewarnungen und Beherbergungsverbote haben das Reisen verändert. Die Bundesbürger zeigen sich krisenbewusst und pragmatisch. Statt zu verreisen, blieben sie 2020 überwiegend zuhause – teilweise zwangsweise, teilweise aber auch durch die große Verunsicherung und Angst vor Infektionen.“

Inlandsreiseziele 2020: Urlaub vor der eigenen Haustür

Über die Hälfte aller Urlaubsreisen fand 2020 in Deutschland statt – so viele wie zuletzt in den 1970er Jahren. Allerdings war die Anzahl der Reisenden insgesamt geringer, sodass die Anzahl der Ankünfte in Deutschland in etwa gleichblieb. Betrachtet man allein die Marktanteile, so wuchs der Anteil an Inlandsreisenden – im Vergleich zum Vorjahr – um über 20 Prozentpunkte auf 56 Prozent. Bayern, Niedersachen und Baden-Württemberg konnten ihre Marktanteile dabei jeweils in etwa verdoppeln.

Neben den traditionellen Ferien-Bundesländern im Norden und Süden des Landes wurden 2020 auch andere Feriengebiete häufig besucht. So verbrachten beispielsweise doppelt so viele Bundesbürger ihren Haupturlaub in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen oder Sachsen wie in der Türkei. In Brandenburg waren mehr Urlauber als in Kroatien und in Hamburg urlaubten genauso viele wie in ganz Frankreich.

Europäische Reiseziele 2020: Österreich erobert Spitzenplatz 

Erstmals seit etwa 50 Jahren war Österreich wieder das beliebteste Auslandsreiseziel der Bundesbürger. Genau wie Anfang der 1970er Jahre folgten Italien und Spanien auf den nächsten Plätzen.

Im 10-Jahresvergleich zeigt sich ein uneinheitliches Bild: Während Flugreiseziele wie Spanien und die Türkei nur noch einen Bruchteil ihrer Gäste willkommen heißen konnten, war der Rückgang in Italien, Frankreich oder Kroatien nicht ganz so hoch. Ein wesentlicher Grund hierfür war die Möglichkeit, diese Feriengebiete mit dem eigenen Auto erreichen zu können sowie unterschiedliche Reisewarnungen.

Entgegen dem allgemeinen Trend konnten Skandinavien, Polen, Österreich, die Benelux-Staaten sowie Griechenland ihren Marktanteil an deutschen Urlaubern erhöhen – wenn auch auf niedrigerem Gesamtniveau. Hauptgründe hierfür waren die relativ kurze Anreise sowie eine – zumindest gefühlt – geringere Unsicherheit.

Der Wert für Griechenland erklärt sich zudem mit der Sondersituation vor zehn Jahren: 2010 führte die Griechenlandkrise zu einem massiven Einbruch bei den Touristenzahlen, die deutlich unter dem Niveau der Vorjahre lagen.

Fernreisen 2020: Kaum noch Urlaub außerhalb Europas

Nach dem Rekordjahr 2019 folgte für den Fernreisemarkt ein fast schon dramatischer Absturz im Jahr 2020. Lediglich jeder fünfzehnte Urlauber wählte noch eine Feriendestination außerhalb Europas. Urlaubsreisen nach Afrika oder Amerika fanden 2020 fast überhaupt nicht statt. So sank z.B. der Anteil deutscher Urlauber, die in die USA und Kanada, nach Ägypten und Tunesien reisten, um jeweils rund 80 Prozent, und auch die Inselparadiese in der Karibik wurden deutlich seltener angeflogen.

Reinhardt: „Im Jahresvergleich muss weit zurückgeschaut werden, um einen so geringen Fernreiseanteil zu finden. Zuletzt verreisten Anfang der 1990er Jahre so wenige Bundesbürger außerhalb der europäischen Grenzen.“der unterwegs sein.“

Reisedauer 2020: Im Inland nur noch gut eine Woche

Keine 10 Tage waren die Bundesbürger durchschnittlich in ihrem Haupturlaub 2020 unterwegs. Im Langzeit-Jahresvergleich zeigt sich eine Reduzierung des Urlaubs um etwa 2 Tage pro Jahrzehnt. So dauerte ein Urlaub Anfang der 1980er Jahre noch über 18 Tage, in den 90er Jahren waren es gut 16 Tage, um die Jahrtausendwende knapp 15 Tage und vor zehn Jahren noch über 12 Tage.

Allerdings stabilisierte sich die Reisedauer im letzten Jahrzehnt zwischen 11 und 12 Tagen. Dies macht Hoffnung auf eine längere Vorortzeit nach dem Ende der Pandemie. Entsprechend lautet die Prognose für das Jahr 2025: 11,5 Urlaubstage im Durchschnitt.

Tagesaugaben 2020 im Jahresvergleich: Deutschland teurer als Europa

Vor zehn Jahren kostete ein Urlaubstag im Durchschnitt 76 Euro. Im letzten Jahr waren es mit über 100 Euro pro Tag rund ein Viertel mehr und gleichzeitig mehr als jemals zuvor. Allerdings reduzierten sich durch die verkürzte Reisedauer die Gesamtkosten, sodass ein Urlaub letztendlich mit 996 Euro sogar deutlich günstiger war als noch 2019 (1.208 €). In diesen knapp 1.000 Euro pro Person waren neben den Unterkunfts-, Verpflegungs- und Transportausgaben auch alle weiteren Kosten von Eintritten über Souvenirs bis hin zu Trinkgeldern inkludiert.

Besonders deutlich stiegen die Tageskosten im Inland. Erstmals lagen diese mit 99 Euro sogar knapp über den Durchschnittskosten für einen Auslandsurlaub innerhalb Europas.

Innerhalb Europas variierten die Preise ebenfalls stark. Am preiswertesten war ein Urlaubstag in Polen, aber auch in Skandinavien reisten die Bürger recht günstig. Spanien dagegen verlangte deutlich mehr pro Tag und teilweise sogar mehr als Fernreisedestinationen.

Reinhardt: „Hoteliers und Reiseveranstalter, Restaurants und Betriebe in Deutschland profitierten von der Alternativlosigkeit vieler Urlauber und versuchten so die Ausfälle aus anderen Monaten zu kompensieren.“ 

Reiseprognose 2021: Zwischen Hoffen und Bangen

Derzeit ist völlig offen, wann Hotels wieder öffnen, Reisewarnungen aufgehoben und Flugzeuge wieder abheben werden. Auch welche Voraussetzungen notwendig sein werden, um überhaupt zu verreisen, steht nicht fest – von negativen Corona-Tests über Impfnachweise bis hin zu Quarantäneaufenthalten.

Dennoch plant bereits jetzt fast die Hälfte der Bundesbürger, dieses Jahr noch zu verreisen. Jeder Fünfte will sogar mehrmals die Koffer packen. Ein Drittel ist noch unentschlossen und wartet die Entwicklung weiterhin ab. Sicher, dieses Jahr nicht zu verreisen, ist dagegen lediglich ein knappes Viertel der Bevölkerung.

Und über drei Viertel (78%) sind davon überzeugt, dass das Gefühl der Unsicherheit beim Verreisen erst einmal weiter dazugehören wird.

„Solange die Angst, sich zu infizieren, krank zu werden oder im Urlaub gar ärztliche Hilfe zu benötigen, im Hinterkopf ist, werden viele Bundesbürger mit einem unguten Gefühl unterwegs sein oder gleich ganz zuhause bleiben. Sicherheit war, ist und bleibt die Grundvoraussetzung beim Reisen,“ so der wissenschaftliche Leiter Professor Reinhardt.

Sonderbefragung: Reisen während und nach Corona

Wenn die Bundesbürger endlich wieder bedenkenlos verreisen können, wollen gut drei Viertel von ihnen im Urlaub vor allem Zeit mit der Familie und den Freunden verbringen. Das Zusammensein mit ihnen haben sie mehr vermisst als das unterwegs sein an sich. 

Auch können sich zwei Drittel der Bundesbürger vorstellen, kürzere Strecken wiederzuentdecken, anstatt weite Reisen zu machen. Dieses könnte einerseits eine große Chance für Inlandsziele sein, anderseits auch eine Antwort auf steigende Preise; schließlich gehen 77 Prozent der Bürger davon aus, dass Urlaub nach dem Ende der Pandemie teurer sein wird.

Als Ausblick hält Reinhardt fest: „Die Bürger hoffen auf die Rückkehr der Normalität. Sie sehnen sich nach einem unbeschwerten Urlaub am Strand oder den Bergen und wollen endlich wieder unterwegs sein.“


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Vom Meeresrauschen in den Schlaf gewiegt werden und morgens den Sonnenaufgang über der See beobachten: Schlafstrandkörbe sind beliebt. Über eine Erfolgsgeschichte aus dem Norden.

Eine aktuelle Analyse untersucht die Beliebtheit von 30 Alpendestinationen anhand von Instagram-Followerzahlen und Gastronomiebewertungen. Die Ergebnisse zeigen regionale Unterschiede in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz.

Eine Umfrage unter Ferienhausvermietern zeigt, dass neben klassischen Verboten auch kurios anmutende Regeln existieren. Diese spezifischen Vorgaben sollen meist die Unterkunft vor Schäden bewahren und den Aufenthalt für alle Gäste sichern.

Strand, Altstadt oder Sehenswürdigkeit: Im Urlaub ist das Smartphone schnell gezückt. Doch wer die Fotos anschließend in sozialen Medien oder in größeren Chatgruppen teilt, sollte vorher genau hinschauen.

Der Wildes-Wasser-Weg in Bodenmais ist zum schönsten Wanderweg Deutschlands 2026 in der Kategorie Tagestouren gewählt worden. Insgesamt beteiligten sich über 52.000 Personen an der Abstimmung des Wandermagazins.

Das Statistische Bundesamt registriert für das erste Halbjahr 2026 gestiegene Preise für Flugtickets und Pauschalreisen. Dabei zeigen sich je nach Destination teils deutliche regionale Unterschiede bei den Kosten.

Die anhaltende Trockenheit im Hochsommer lässt die Pegelstände des Rheins in Hessen und Rheinland-Pfalz fallen und fallen - für Kabinenschiffe könnte es demnächst eng werden.

Ein aktueller Bericht offenbart wachsende Unterschiede im Reiseverhalten europäischer Nationen. Während Reisende in Deutschland ihre Ausgaben pro Trip erhöhen, setzen britische Urlauber auf eine höhere Frequenz.

Der Deutsche Tourismusverband hat seinen Praxisleitfaden für nachhaltigen Tourismus aktualisiert. Eine Studie zeigt gleichzeitig, dass zwar ein hohes Bewusstsein herrscht, aber oft personelle und finanzielle Kapazitäten fehlen.

Streit ums Handgepäck: Das Oberlandesgericht in Hamm kippt die Ein-Stück-Regel einer spanischen Fluggesellschaft. Zu den umstrittenen Maßen sagen die Richter aber nichts.