Faktencheck: Welche Behauptungen über Vegetarier stimmen - und welche nicht?

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Seit Jahren ist Vegetarismus ein Aufregerthema in Deutschland. Dem Verbraucherzentrale Bundesverband zufolge ernähren sich hierzulande aktuell rund acht Millionen Menschen fleischlos, also etwa zehn Prozent der Bevölkerung - Tendenz steigend. Viele sehen darin einen Beitrag zum Schutz von Klima, Tieren oder der eigenen Gesundheit. Andere glauben nicht an derlei Wirkungen. Anlässlich des Weltvegetariertages am Sonntag (1. Oktober) einige Thesen im Faktencheck:

Behauptung: Vegetarische Ernährung ist besser für Klima und Tiere.

Bewertung: Richtig.

Fakten: «Es ist tatsächlich so, dass vegetarische Ernährung besser ist für das Klima und auch für viele andere Umweltkategorien, wie zum Beispiel die Nitratbelastung in Gewässern», erklärt Hyewon Seo vom Umweltbundesamt (UBA). Der Referentin für Nachhaltige Ernährung beim World Wildlife Fund (WWF), Elisa Kollenda, zufolge könnte man in Deutschland «den Klimafußabdruck unserer Ernährung durch rein vegetarischen Lebensmittelkonsum um 47 Prozent reduzieren».

Nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) werden derzeit weltweit mehr als 33 Milliarden Hühner, 1,6 Milliarden Rinder und jeweils knapp eine Milliarde Schweine und Schafe gehalten. Die Tiere benötigen riesige Flächen und Futtermengen, wodurch Klima und Umwelt nachhaltig geschädigt werden.

Wiederkäuer erzeugen der FAO zufolge Methan, das die Erderwärmung beschleunigt. Zudem leiden die Ökosysteme, da der Flächenverbrauch zum Artensterben beiträgt und gerodete Waldflächen als natürliche Klimaschützer ausfallen. Eine Studie der Universität Bonn kam 2022 zu dem Schluss, dass die Industrienationen weltweit ihren Fleischkonsum im Idealfall um 75 Prozent reduzieren müssten, um die globalen Klimaziele einhalten und die Menschheit auch künftig ernähren zu können.

Behauptung: Durch Fleischersatzprodukte wie Soja schaden Vegetarier dem Planeten genauso.

Bewertung: Irreführend.

Fakten: Millionen Hektar einmaliger Lebensräume sind durch den Sojaanbau in den letzten Jahren vernichtet worden, wie der WWF angibt. Das habe zu einem drastischen Rückgang der Artenvielfalt in den entsprechenden Regionen geführt. Doch das liegt nicht nur an Vegetariern: 70 Prozent des weltweit angebauten Sojas gehen demnach auf den Fleischverzehr zurück, weil das Soja anstatt für den direkten menschlichen Verzehr für Tierfutter eingesetzt wird.

Behauptung: Vegetarische Ernährung schützt Tiere.

Bewertung: Stimmt zum Teil.

Fakten: Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden 2022 in Deutschland mehr als 750 Millionen Nutztiere für die Lebensmittelproduktion geschlachtet - darunter Schweine, Rinder, Schafe, Hühner und Puten. Das sind mehr als zwei Millionen pro Tag. Im Vergleich zum Vorjahr ging die Fleischproduktion um 8,1 Prozent zurück.

Der Deutsche Bauernverband betont auf seiner Website: «Die Haltungsbedingungen in Deutschland werden immer stärker auf die Bedürfnisse der Nutztiere ausgerichtet, zum Beispiel durch besseres Stallklima, höhere Futterqualität, Hygiene, Tiergesundheitsmanagement sowie durch gezieltere Zuchtmethoden.»

Lea Schmitz vom Tierschutzbund argumentiert, dass die meisten Tiere auch heute noch in tierschutzwidrigen Haltungssystemen und einer Hochleistungszucht leben, die sie auf reine Produktionseinheiten reduziere. «In ihrer beengten Umgebung haben sie weder ausreichend Platz oder Rückzugsmöglichkeiten noch können sie ihre natürlichen Bedürfnisse ausleben. All das führt zu Krankheiten, Stress, Frustrationen und Verhaltensstörungen.»

Daher sei vegetarische Ernährung «bereits ein erster wichtiger Schritt für mehr Tierschutz», sagt Schmitz. Sie betont allerdings auch: «Leider verursachen aber auch die Milch- und Ei-Produktion großes Tierleid. Zum Beispiel müssen Milchkühe und Legehennen in der Regel ebenfalls in jungen Jahren sterben, sobald sie keine Höchstleistungen mehr erbringen.» Der konsequentere Weg für mehr Tierschutz ist für den Tierschutzbund daher der Veganismus, bei dem auch auf tierische Produkte wie Eier, Käse oder Honig verzichtet wird.

Behauptung: Vegetarische Ernährung ist gesünder und hilft beim Abnehmen.

Bewertung: Grundsätzlich richtig.

Fakten: Den Verbraucherzentralen zufolge hat eine vegetarische Ernährung «nachweislich gesundheitliche Vorteile». Es heißt: «Wer auf Fleisch verzichtet und sich vielfältig und abwechslungsreich ernährt, ist gut versorgt mit allen wichtigen Nährstoffen.» Deutsche verzehren wöchentlich rund ein Kilo Fleisch, wie das UBA schreibt. Empfohlen wird von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung mit Blick auf die Gesundheit aber deutlich weniger: 300 bis 600 Gramm. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft verarbeitetes Fleisch als «krebserregend» und unverarbeitetes rotes Fleisch als «wahrscheinlich krebserregend» ein.

Für die Verbraucherzentralen ist vegetarische Ernährung gesund, solange auch Milch und deren Produkte verzehrt werden. Durch Ergänzungsmittel kompensiert werden können mögliche Mängel an Vitamin B12, das hauptsächlich durch tierische Erzeugnisse (zu denen auch Milchprodukte gehören) aufgenommen wird. Die Leipziger Neurologin Veronica Witte, die eine Studie zu vegetarischer Ernährung leitete, weist etwa auf bestimmte Zahnpasten oder Aufbauspritzen hin.

Außerdem: Einer Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften aus dem Jahr 2020 zufolge haben Menschen durchschnittlich einen geringeren Body-Mass-Index, wenn sie weniger tierische Produkte zu sich nehmen. Fleischlastige Ernährung kann zur Gewichtszunahme führen.

Behauptung: Kinder können sich ohne Fleisch nicht gesund entwickeln.

Bewertung: Falsch.

Fakten: «Eine gut zusammengesetzte, gemischt vegetarische Ernährung mit Verzehr von Milchprodukten und Eiern kann gesundes kindliches Wachstum und Entwicklung auch ohne Fleischverzehr ermöglichen», sagt Berthold Koletzko, Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Es bestehe jedoch ein «etwas höheres Risiko für eine nicht optimale Versorgung mit einigen Nährstoffen wie Vitamin B12, Eisen, Zink und Omega-3 DHA.» DHA steht für Docosahexaensäure, eine Omega-3-Fettsäure.

Auch hier können geeignete Nahrungsergänzungsmittel in Betracht kommen. WWF-Referentin Kollenda weist darauf hin, dass die Gesundheit von Kindern grundsätzlich auf einer ausgewogenen Ernährung fußt und nicht davon abhängt, ob Fleisch gegessen wird oder nicht: «Eine vegetarische Ernährung, die abwechslungsreich ist und außerdem pflanzliche Proteinquellen wie Hülsenfrüchte und Nüsse und tierisches Protein aus Milchprodukten enthält, ist auch für Kinder und Jugendliche geeignet.» (dpa)


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