Karriere - Nach vorn ja - aber seltener nach oben

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Gastbeitrag von Albrecht von Bonin.

Wer in Zukunft beruflich erfolgreich sein will, muss sich davon verabschieden, dass seine Karriere nur geradeaus und nach oben verlaufen wird. Denn mit flacheren Hierarchien sind auch die Sprossen auf der Erfolgsleiter weniger geworden. Zeit zum Umdenken - aber kein Grund zu verzweifeln.

Besonders im Gespräch mit dem Führungsnachwuchs wird mir häufig die Frage gestellt, welchen Karriereweg man sinnvollerweise einschlagen solle, um schnellstmöglich an die Spitze zu kommen. Ehrlich gesagt, früher ist mir die Beantwortung dieser Frage leichter gefallen. Früher war überhaupt alles einfacher.

Spätestens mit den Krisenjahren hat sich da etwas verändert. Ganze Hierarchien sind flacher geworden oder weggebrochen. In vielen Unternehmen, in denen man früher noch Stufe für Stufe auf derselben Leiter in die Chefetage klettern konnte, gibt es heute nicht einmal mehr die Leiter. Wer heute den Nachwuchs mit Karriereversprechen lockt, der sollte fairerweise auch gleich den Begriff „Karriere“ neu definieren.


Über den Autor Albrecht von Bonin

Albrecht von Bonin ist einer der profiliertesten Personalberater in der Hospitality Industry. Die Suche und Auswahl von Spitzenkräften, der Einsatz von Interim Managern sowie Management Coaching für Führungskräfte und Unternehmer – das sind die Kernkompetenzen, mit denen VON BONIN und die avb Management Consulting echte Mehrwerte bietet.


„Umwege erhöhen die Ortskenntnis!“

Berufswege werden künftiger unwegsamer verlaufen. Die „Schornstein-Karriere“ (Schritt für Schritt, in einer Disziplin nach oben) ist ein Auslaufmodell. Karrieristen müssen als erstes lernen, dass sie ihre Vorgänger nicht mehr kopieren können. Vorwärtskommen wird in Zukunft viele Facetten haben: Mal steigt man die Treppe herauf, mal geht es durch den Dschungel mit noch unbekanntem Ziel, vielleicht auch in eine andere Branche, eine andere Funktion, ein anderes Land. Und manchmal gibt’s Stürze und Rückschläge. Dann probiert man Seitenwege, bewährt sich in komplett anderen Disziplinen und gewinnt dadurch einen breiteren Wissenshorizont. Es wird nicht immer aufwärts gehen (auf der Karriereleiter), aber auf jeden Fall vorwärts. Hier ein neues Projekt, in dem man zwar keine disziplinarische Personalverantwortung und einen tollen Titel trägt, aber ein interdisziplinäres Team aus hochkarätiges Spezialisten mit Ergebnisverantwortung fachlich zum Projekterfolg steuert. Titel sind dabei unwichtig. Vielmehr profitiert die Karriere von der hier erlernten Kommunikationsfähigkeit – nicht mit „Untergebenen“, sondern mit Experten auf Augenhöhe ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Das kann manchmal viel anspruchsvoller sein, als mit Disziplinargewalt Entscheidungen durchzusetzen. Am Ende bringt das erhebliche Horizonterweiterung – und wertvolle Führungskompetenz.

Unsere Einkommen werden wir künftig auch anders verdienen. Gehälter werden häufiger als heute variable Komponenten enthalten. Provisionen, Tantiemen, Prämien oder Boni orientieren sich an Erfolg und Leistung des Einzelnen sowie des gesamten Unternehmens. Automatische Einkommenssteigerungen gehören der Vergangenheit an. Mehr Kohle gibt’s nur bei Erfolg oder größerer Verantwortung. Dazu müssen Unternehmen Ziele, Anforderungen und Leistung transparent und messbar machen.

Neuer Fokus in der Talentförderung

Was ist daran so anders? Nun, die angehende Führungskraft muss vor allem ihren Kopf frei machen von festgefahrenen, althergebrachten Karrierevorstellungen. Personalentwickler und HR‘ ler konzentrieren sich künftig in der Talentförderung nicht mehr auf die Egomanen, die unbedingt „Chef“ des alten Schlages sein wollen, sondern auf Menschen, die die innere Haltung einer echten „Führungspersönlichkeit“ erkennen lassen. Denn die bringen häufiger Bescheidenheit, Neugier, geistige Flexibilität, Innovationsgeist und Bereitschaft zum Wandel mit. Dazu gehört auch, sich ständig mit neuen Themen auseinanderzusetzen, über den Tellerrand hinauszuschauen, offen zu sein für neue Technologien und ein Leben lang lernbereit zu sein.

Schon heute erwarten krisengeschüttelte Unternehmen von ihren Führungskräften, dass sie sich aus ihrer persönlichen Komfortzone herausbewegen und als Vorbild für ihre Mitarbeiter das alte Besitzstandsdenken ablegen. Simple Tugenden gilt es wieder neu zu entdecken, wie z.B.

  • die eigene Meinung zu relativieren
  • die Bereitschaft, anderen Menschen zuzuhören
  • Mutig Neues auszuprobieren, zu experimentieren
  • Fehler als Chance zu betrachten
  • Offenheit, Vertrauen vorzuleben
  • Zusammenarbeit, Gemeinsamkeit, Partnerschaft zu praktizieren
  • Bescheidenheit und Selbstreflexion von sich und anderen zu verlangen
  • Entscheidungskompetenz in schwierigen Situationen zu zeigen

Mehr denn je wird Karriere künftig von dem gesunden Mix aus Wettbewerbsgeist und Teamfähigkeit gesteuert. Wettbewerbsgeist ist hier allerdings nicht zu verwechseln mit Machtkampf und faulen Tricks, um einen Konkurrenten aus dem Sattel zu schießen. Vielmehr versteht er sich als permanente Motivation, sich neue Ziele zu stecken und die Qualität der eigenen Arbeit zu steigern.

Im Zusammenspiel mit Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten ist nicht mehr der Einzelkämpfer gefragt, der einsam seinen Job durchzieht („ehe ich denen das erklärt habe, hab’ ich’s schneller selbst gemacht“). Vernetztes Arbeiten ist gefragt, gepaart mit Kooperationsbereitschaft. Dabei gilt es zu akzeptieren, dass „der Chef kein Alleskönner“ ist und jeder im Team in seiner Disziplin Spitzenleistung erbringen muss. Erfolg hat derjenige, der mit seiner persönlichen Begrenztheit umgehen kann und nicht versucht „everybody´s darling“ zu sein. Stattdessen setzt er alles daran, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: seinen besten Beitrag zum Gesamterfolg.

Hier kann ich etwas Sinnvolles bewirken

Die Erfolgreichen der Zukunft haben vor allem drei Stärken: Schnelligkeit(heißt auch Mut zum Risiko und Entscheidungsfreude), Einfachheit (nicht alles so kompliziert oder dreifach genäht) und effektives ZeitManagement (nicht 70 Stunden pro Woche unproduktiv, sondern 40 Stunden hart, aber effektiv).

Und letztlich braucht jeder Mensch, wenn er langfristig Erfolg haben will, eine gesunde Balance in seinem Leben. Es scheint mir fast ein Naturgesetz zu sein, dass sich die meisten Erfolgsmenschen außerhalb des Berufes und jenseits von Laptop und Smartphone auf ihr intaktes Privatleben konzentrieren. Lebenspartner, Familie, Kinder, Freundeskreis bilden bei den meisten den ausgleichenden Pol zum beruflichen Engagement. Hoffentlich wird das bei künftigen Karrieren auch so bleiben.

Wer all diese Anforderungen erfüllt, kann eigentlich nur gewinnen. Für ihn hat Karriere nicht mehr den Reiz von „ranks and titles“, sondern von persönlichem Wachstum, Multikompetenz, Verantwortung, Selbstverwirklichung und Entscheidungseinfluss. Wenn wir Innovation wirklich ernst meinen, brauchen wir Menschen, die sich vom althergebrachten Karrieredenken verabschieden.

Hat er/sie dann aber mal das "greise" Alter von etwa 40 Jahren erreicht und einige Erfolge vorzuweisen, dann ist Vorsicht geboten. Wer jetzt selbstgefällig wird und aufhört weiter zu lernen, zuzuhören, der ist schnell out. Er sägt an dem Ast, auf dem er sitzt. Hier gilt nach wie vor das alte Sprichwort:

„Wer mit dem Erfolg arrogant wird, hat die längste Zeit Erfolg gehabt“.


Autor
Albrecht von Bonin

VON BONIN + PARTNER Personalberatung
www.von-bonin.de
avb Management Consulting
www.avb-consulting.de


 

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