Gastronomie im Südwesten in Sorge vor erneuten Schließungen wegen Corona

| Gastronomie Gastronomie

Sitzen Peter Pan, Micky Maus und Lucky Luke gemeinsam an der Bar - das ist nicht etwa der Einstieg zu einem schlechten Witz, sondern Alltag von Gastronomen im Coronabetrieb. Genervt erzählt Wirt Filipe Ribas-Heredia von Besuchern, die auf Kontaktformularen im Restaurant nicht den richtigem Namen notieren. Verständnis dafür hat der Betreiber der Brauereigaststätte Dinkelacker in Stuttgart wenig.

Wenn es dennoch vorkommt, erklärt er den Besuchern den Sinn der Maßnahme. Doch diese sind oft schwierige Gesprächspartner - viele begegneten ihm mit Unverständnis, drohten sogar mit dem Anwalt. «Die sind meistens auf 180», sagt er, «dann ist es besser, wenn die Leute gehen».

Seit Mitte Mai dürfen Restaurants im Südwesten unter Auflagen wieder Kunden empfangen. Die meisten Betriebe und ihre Gäste halten sich an die Coronavorschriften - das ist das Ergebnis einer Umfrage des Branchenverbands Dehoga. Trotzdem bereiten die Maßnahmen Probleme, etwa, wenn Gäste ihre korrekten Daten nicht angeben oder das Personal in der Außengastronomie auf die Maske verzichtet.

Mehr Pausen, mehr Mitleid

Ribas-Heredia sieht die Maskenregelung positiv, auch für seine Mitarbeiter im Freien, denn Mund- und Nasenbedeckungen schützten die Beschäftigten. In der Außengastronomie müsse man den Kollegen jedoch mehr Pausen zugestehen, um die Masken abzulegen und durchzuatmen. Über gesundheitliche Probleme hätten seine Mitarbeiter bislang nicht geklagt. Das sieht Kellnerin Maria aus der Pizzeria «L.A. Signorina» am Stuttgarter Marienplatz allerdings anders und spricht vom Brummschädel nach mehrstündiger Arbeit mit Maske: «Wir kriegen oft Kopfschmerzen.»

Manche Kunden hätten aber auch Mitleid - für die Service-Leute ist das Balsam für die Seele bei den schweißtreibenden Schichten in der Hitze. Beim Gaststättenverband Dehoga hofft man, die Maskenpflicht im Außenbereich möge nochmal überdacht werden, weil viele Beschäftigte im wahrsten Wortsinn kaum noch Luft bekämen. Beim Sozialministerium sieht man das anders: «Wenngleich die Gefahr einer Ansteckung draußen geringer ist als drinnen, sollte auch dort eine Maske getragen werden, wenn direkter Kundenkontakt besteht.»

Bisher keine Zwangsschließung

Die meisten Betriebe und Kunden nehmen das hin. In Karlsruhe etwa gibt es nicht mehr Vergehen in der Gastronomie, wie ein Sprecher der Stadt sagt. Der Ordnungsdienst habe seit Mitte Mai mehr als 100 Kontrollen in Gaststätten durchgeführt. Bislang sei jedoch kein Betrieb zwangsweise geschlossen worden, denn das Ziel sei nicht Bestrafung, sondern Beratung: Durch eine sich ständig ändernde Rechtslage seien viele Gastronomen verunsichert.

Zu Beginn seien die Corona-Regeln besser befolgt worden als aktuell, heißt es hingegen bei der Stadt Stuttgart. Dafür laufe die Erfassung der Gästedaten überwiegend gut. Auch in der Landeshauptstadt mussten bisher keine Gaststätten schließen. Bei Kontrollen stünden jedoch oft Tische zu eng oder die Maskenpflicht für das Personal werde missachtet. Die Wirte werden dann angehalten, zu handeln. Außerdem sei die Zahl der Beschwerden der Gäste im Vergleich zum Vorjahr sprunghaft gestiegen. Sprich: Auch sie sind eine Kontrollinstanz.

Denn Sorgen haben viele Gastrobesucher. In der Brauereigaststätte spricht ein älterer Mann davon, dass man derzeit auf eine zweite Schließungswelle zusteuere. «In den Kneipen sitzen die Leute munter auf engstem Raum zusammen und das ohne Maske», sagt er. Die Bedenken vieler Kritiker der Coronaregeln kann er nicht nachvollziehen: «Die Leute geben ihre Daten bei jedem Googleaufruf und bei Facebook an. Und beim Kontaktformular nicht?», fragt er. «Zurzeit ist jeder Hobbyvirologe», kommentiert ein anderer Gast. Problematisch ist das für die Wirte, die fürchten, dass deshalb vor allem ältere Gäste die Betriebe zunehmend meiden.

Bloß keine erneuten Einschränkungen in Restaurants, hofft Filipe Ribas-Heredia. «Für mich geht es um meine Existenz. Wenn die Auflage lautet, dass Gäste einen Zettel ausfüllen oder eine Maske tragen müssen, dann ist das für mich ein kleineres Übel, als dass Gaststätten wieder geschlossen werden.» (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Internationale WM-Gäste sorgen in nordamerikanischen Restaurants für Debatten über Trinkgeldregeln. Viele Betriebe reagieren mit automatischen Servicegebühren auf ausbleibende Zahlungen.

Die Gastronomie-Marke Kneipe 80 plant eine Tournee durch Deutschland und Österreich. Dabei ergänzen neue Standorte und diverse Gastspiele bei Großveranstaltungen das bisherige Portfolio des Konzeptgebers Marc Uebelherr.

Zwei-Sterne-Koch Daniel Gottschlich plant für 2028 die Eröffnung eines zweiten Restaurantkonzepts. Das neue Projekt soll unabhängig vom Ox & Klee betrieben werden und nach Unternehmensangaben Kulinarik, Technologie und Inszenierung zu einem immersiven Gastronomieerlebnis verbinden.

Casualfood nimmt am Flughafen Düsseldorf den ersten Slim Chickens Standort an einem deutschen Airport in Betrieb. Das Konzept ergänzt das gastronomische Portfolio des Flughafens um ein weiteres internationales Angebot.

Superschmarrn erweitert sein Filialnetz und will im Juli 2026 einen fünften Standort am Friedensplatz in Bonn eröffnen. Hinter dem Gastronomiekonzept stehen die Gastronomen Gunilla und Thomas Hirschberger, die unter anderem als Gründer der Marken Sausalitos und Hans im Glück bekannt sind.

Mit deutlichen Worten kritisiert Jürgen Dollase die Präsentation der Michelin-Sterne 2026. Sein Kommentar richtet sich sowohl gegen den Ablauf der Veranstaltung als auch gegen die Ausrichtung des Guide Michelin.

Die Sommelier-Union Deutschland blickt auf ihr fünfzigjähriges Bestehen zurück und bestätigt im Rahmen des Sommelier-Campus die Vereinsführung um Präsidentin Yvonne Heistermann.

Applaus, Emotionen und strahlende Gewinner: Bei der Verleihung des Michelin Guide Deutschland 2026 traf sich die Spitze der deutschen Gastronomie. Unsere große Bildergalerie zeigt die schönsten Momente des Abends.

Mit der Verleihung von drei Michelin-Sternen gehört das L.A. Jordan in Deidesheim zur Spitzengruppe der ausgezeichneten Restaurants. Veröffentlicht wurden nun auch Auszüge aus den Bewertungen der Michelin-Inspektoren zu mehreren Menügängen.

Der Michelin Guide Deutschland 2026 umfasst insgesamt 339 Sterne-Restaurants im gesamten Bundesgebiet. Das Restaurant L.A. Jordan in Deidesheim steigt als Neuzugang in die Drei-Sterne-Kategorie auf, während vier Betriebe zwei Sterne erstmals erhalten.