Die von der schwarz-roten Koalition geplanten Verschärfungen bei Krankschreibungen im Job (Tageskarte berichtete) lösen breite Proteste aus. Der Sozialverband VdK kritisierte die Pläne als Ausdruck einer Misstrauenskultur. «Die Regierung unterstellt den Menschen wieder einmal, den Sozialstaat zum Blaumachen auszunutzen. Das ist nicht die Realität», sagte Präsidentin Verena Bentele. «Wir wissen inzwischen, dass sich Menschen viel eher krank zur Arbeit schleppen, wenn kurzfristige Krankschreibungen dermaßen verkompliziert werden.»
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) kritisierte, es grenze an Irrsinn, Abertausende Menschen zusätzlich zum reinen Ausfüllen von Zetteln in die Praxen zu jagen. «Wer hustet, eine Magen-Darm-Infektion hat, gehört ins Bett - und nicht in die übervolle Praxis», sagte KBV-Chef Andreas Gassen auch der «Rheinischen Post». Der Vorsitzende des Hausärzteverbands, Markus Blumenthal-Beier sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, die Koalition nehme «die komplette Überlastung unserer Praxen billigend in Kauf».
Nach einem Beschluss des Koalitionsausschusses von Union und SPD soll die verpflichtende Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung schon ab dem ersten Tag der Erkrankung als gesetzliche Regel eingeführt werden. Bisher ist dies erst am vierten Tag vorgeschrieben. Abgeschafft werden soll angesichts vieler Fehlzeiten in Firmen die Möglichkeit zu telefonischen Krankschreibungen.
Grünen-Politiker: Steigendes Infektionsrisiko im Wartezimmer
Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Koalition schaffe neue Bürokratie statt besserer Versorgung. Statt Hausarztpraxen zu entlasten und Patienten besser zu steuern, würden wertvolle ärztliche Kapazitäten für reine Bescheinigungen gebunden. «Das verlängert Wartezeiten, erhöht das Infektionsrisiko in den Wartezimmern und verschlechtert am Ende die Versorgung der Menschen, die ärztliche Hilfe wirklich brauchen.» Der Linke-Fachpolitiker Ates Gürpinar kritisierte, gestärkt werde nicht die Wirtschaft, sondern der Druck auf Beschäftigte.
Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) erklärte, die Koalition reagiere zu Recht auf den im internationalen Vergleich hohen Krankenstand. Die Gewerkschaft Verdi monierte dagegen, wenn Beschäftigte sich vom ersten Tag an etwa mit einem grippalen Infekt zum Arzt schleppen sollten, sei das Ausdruck einer Misstrauenskultur. Vorsitzender Frank Werneke betonte: «Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind keine Drückeberger, auch wenn Arbeitgeber und Teile der Regierung dies unterstellen.»
Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) nannten das Aus für telefonische Krankschreibungen «reine Symbolpolitik» ohne Nachweis für einen Missbrauch. Ihr geringer Anteil könne den Anstieg von Fehlzeiten nicht erklären, der unter anderem durch die Einführung elektronischer Krankmeldungen 2022 verursacht worden sei. Dies führe zu einer vollständigeren Erfassung der Fälle. (dpa)