Lockerung von Corona-Maßnahmen in Deutschland noch nicht in Sicht

| Politik Politik

Politiker von Union und SPD sehen im Gegensatz zu Österreich und Dänemark noch keine Veranlassung für eine Lockerung der strengen Corona-Maßnahmen hierzulande. CSU-Chef Markus Söder mahnte am Montagabend zu Geduld wie zuvor Kanzlerin Angela Merkel. Auch SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil nannte eine Debatte über Lockerungen zum jetzigen Zeitpunkt falsch. Sorgen macht sich unterdessen der Städtetag über die Finanzierbarkeit von Aufgaben in den Kommunen und forderte Hilfen vom Bund.

Österreich und Dänemark hatten am Montag erste Lockerungen der Maßnahmen in Aussicht gestellt. Das nördliche Nachbarland steigt nach Ostern in «die erste vorsichtige Phase der Öffnung» ein, wie Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sagte. Zunächst sollen Kinderkrippen, Kindergärten sowie die unteren Jahrgangsstufen von Schulen am 15. April wieder öffnen. In Österreich bleiben hingegen die Schulen bis Mitte Mai zu, dort sollen zuerst Geschäfte wieder öffnen. Bundeskanzler Sebastian Kurz sagte am Montagabend in der ARD: «Wir waren sehr, sehr restriktiv, und wir waren sehr, sehr schnell in unseren Maßnahmen.» Daher könne man Österreich ganz behutsam und schrittweise wieder hochfahren. Es brauche dazu aber «Begleitmaßnahmen» wie die Maskenpflicht in einigen Bereichen.

Kanzlerin Merkel hatte am Montag erklärt, es sei noch zu früh, ein Datum für Lockerungen zu nennen. Der Gesundheitsschutz stehe im Vordergrund. Zuletzt hatten Bund und Länder geltende Kontaktsperren und weitere Beschränkungen noch einmal bis einschließlich 19. April verlängert. Kommende Woche ist ein weiteres Bund-Länder-Treffen geplant.

CSU-Chef Söder sagte in der ARD, Österreich sei ungefähr drei Wochen voraus. In Deutschland sei man nun besser beraten, die Maßnahmen fortzusetzen und deren Wirkung abzuwarten. Es könne auch «Lichtblicke» geben, wo man sich weiterentwickeln könne. Dieser Weg müsse «in sich schlüssig» sein. «Wir müssen vorsichtig sein und dürfen keinen Rückfall riskieren.»

Auch die SPD bleibt vorsichtig. «Der Ernst der Lage ist bei allen angekommen, aber wir brauchen noch Geduld», sagte Generalsekretär Klingbeil. Eine Debatte über eine Lockerung der Anti-Corona-Maßnahmen zum jetzigen Zeitpunkt sei «völlig falsch», sagte er der «Passauer Neuen Presse» (Dienstag).

Die Corona-Krise wirft auch viele ethische Fragen auf, der Deutsche Ethikrat will sich am Dienstag (11.00 Uhr) äußern. In der Corona-Krise wird unter anderem über eine Priorisierung von Patienten («Triage») diskutiert, wenn steigende Zahlen schwerkranker Corona-Patienten erwartet werden. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, beklagte, dass darüber in der Altenpflege niemand spreche. «Täglich werden tausendfach überlastete Altenpflegekräfte gezwungen, Prioritäten zu setzen», sagte Brysch der Deutschen Presse-Agentur. Sie entschieden, wer zuerst auf die Toilette dürfe oder wie lange die Windel getragen werde. Sie müssten festlegen, wann Essen gereicht werde und wie viel Zeit Heimbewohnern dafür bleibe.

STÄDTETAG WILL «KOMMUNALEN RETTUNGSSCHIRM»

Die Kommunen tragen finanziell schwer an den Beschränkungen im Alltagsleben, weil Einnahmen vor allem bei der Gewerbesteuer wegbrechen oder Kultur- und Freizeiteinrichtungen dicht bleiben. «Nach den wichtigen Hilfen für Wirtschaft, Handel und Selbstständige brauchen nun auch die Kommunen finanzielle Unterstützung», forderte der Präsident des Deutschen Städtetages, Burkhard Jung, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Nötig sei ein Rettungsschirm für die Kommunen.

BUNDESHAUSHALT KANN HILFEN VERKRAFTEN

Den Bundeshaushalt überfordern die vielen Hilfsprogramme für die Wirtschaft aber nicht. Finanzminister Olaf Scholz sagte am späten Abend im ZDF, es sei gut, dass der Bund in den vergangenen Jahren solide gewirtschaftet habe. Nach der letzten Finanzkrise habe die Bundesregierung eine Staatsschuldenquote von 80 Prozent aufgewiesen, betonte Scholz. Mühselig habe man den Schuldenstand auf unter 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes gesenkt. Alle jetzt auf den Weg gebrachten Maßnahmen würden zu etwa 75 Prozent Schuldenquote führen. «Insofern haben wir gut vorgesorgt für eine genau so schwierige Situation», sagte der Vizekanzler.

Der Chef des Steuerzahlerbundes, Reiner Holznagel, räumte zwar ein, dass das Finanzfundament solide sei. Er betonte in der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Dienstag) aber auch: «Die Folgen der Corona-Krise werden die öffentlichen Kassen in Deutschland über Jahrzehnte hinweg stark belasten.» Dennoch verböten sich Gedankenspiele über Steuererhöhungen.

SPD-Fraktionsvize Achim Post will sogar Steuern senken, und zwar für Bürger mit kleinen und mittleren Einkommen, wenn die Corona-Krise vorbei ist. So soll die Konjunktur angekurbelt werden, sagte Post der Deutschen Presse-Agentur. Die niedrigeren Steuern müssten mit «starken Investitionen in Klimaschutz, Wachstum, Beschäftigung und auch den europäischen Zusammenhalt verbunden sein», betonte er. Erleichterungen für Vielverdiener lehnt er ab.

«CORONA-BONUS» BEI SCHULNOTEN?

Unklar ist, wann der reguläre Schulunterricht in Deutschland wieder anlaufen kann. «Sollte eine Öffnung der Schulen nicht mehr möglich sein, können Noten auch nach den bisher erbrachten Leistungen plus eines «Corona-Bonus» gegeben werden», sagte die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Dienstag). «Im Zweifel soll die Bewertung zugunsten des Schülers ausfallen», sagte Tepe.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, meinte, man könnte mit Abschlussklassen und der Oberstufe wieder in den Schulbetrieb einsteigen. Ohne ein Ende des Lockdown «brauchen wir uns über die Öffnung der Schulen nach den Osterferien weiterhin keine Gedanken zu machen», sagte Meidinger der «Rhein-Neckar-Zeitung» (Dienstag). Er fügte hinzu: «Wenn wie in Niedersachsen die Sommerferien bereits in der zweiten Junihälfte beginnen, macht es Sinn, jetzt bereits über Versetzungen und Zeugnisse nachzudenken.»


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken verteidigt die Pläne der schwarz-roten Koalition, die verpflichtende Krankschreibung ab dem ersten Tag einzuführen und die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Es sei zwar das Ende der telefonischen Krankschreibung vereinbart, nicht aber die Möglichkeit eines Attests per Video. 

Die Stadt Bamberg will die Umwandlung von Wohnraum in Ferienwohnungen in weiten Teilen des Stadtgebiets künftig verhindern. Neue Bebauungspläne und Veränderungssperren sollen den Wohnungsmarkt langfristig schützen.

Mit den Worten „Die Minijobs bleiben“ hat sich CSU-Chef Markus Söder klar gegen eine Abschaffung der geringfügigen Beschäftigung ausgesprochen. Seine Aussage erfolgt wenige Tage nach einem Brandbrief von Wirtschaftsverbänden und vor der für den Herbst angekündigten Entscheidung der Bundesregierung.

Eine breite Allianz von Wirtschaftsverbänden, darunter der DEHOGA, hat die Bundesregierung eindringlich davor gewarnt, Minijobs im Zuge der geplanten Sozial- und Rentenreformen faktisch abzuschaffen oder deutlich zu verteuern. In einem Brandbrief fordern sie den Erhalt der Minijobs in ihrer heutigen Form. 

Für die rund 80.000 Beschäftigten im Hotel- und Gaststättengewerbe im Norden beginnen die Tarifverhandlungen. Die Gewerkschaft NGG hat mit Forderungen nach einem Lohnplus von fast 6 Prozent vorgelegt.

Die staatlichen Wirtschaftshilfen während der Corona-Pandemie haben nach einer ZEW-Analyse zahlreiche Arbeitsplätze gesichert. Die zunächst befristete Mehrwertsteuersenkung für Speisen in der Gastronomie kam hingegen nicht so gut an bei den Forschern.

Hochprozentige alkoholische Getränke sollen bald teurer werden – durch einen Aufschlag bei der Steuer. Das soll nicht nur dazu beitragen, den Haushalt zu sanieren.

Die Bundesärztekammer begrüßt die Pläne der Bundesregierung Alkohol, Tabak und gesüßte Getränke stärker zu besteuern - fordert aber noch weitergehende Schritte: Bei Alkohol greife die Beschränkung auf einzelne Produktgruppen wie Spirituosen oder Schaumwein zu kurz.

Mehr Ausgaben und höhere Schulden: Das sind Kernpunkte des Bundeshaushalts 2027. Finanzminister Lars Klingbeil schließt Milliardenlücken, muss dazu aber in eine Rücklage greifen. Zur Konsolidierung des Haushalts plant die Regierung zudem den Abbau von Finanzhilfen.

Branchenverbände sehen in den Koalitionsbeschlüssen ein Signal für den Fortbestand der Minijobs. Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte die Entscheidung über den rentenpolitischen Umgang mit Beschäftigungsverhältnissen jedoch erst für den Herbst an.