Straßengang und Sterneküche - Tim Raue und die «36 Boys»

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Die türkischen Jugendlichen im Berliner Stadtteil Kreuzberg der 1980er Jahre fühlten sich ignoriert, übergangen, vergessen von der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Anerkennung und Zugehörigkeit suchten sie in damals neuen Straßengangs, so erinnert sich der Berliner Sternekoch Tim Raue (52), einst selbst Mitglied der berühmt-berüchtigten türkischen Gang «36 Boys» (gesprochen: «Thirtysixers»). Die Mitglieder fanden Gemeinschaft - und Gewalt. 

«Die "36 Boys" haben sich auch deswegen zusammengeschlossen, weil es darum ging, gesehen zu werden als Mensch, integriert zu werden», berichtet Raue in seinem Zwei-Sterne-Restaurant in Kreuzberg bei der Vorstellung eines Buches über die Bande, der er im Alter zwischen 14 und 16 Jahren als einziger Deutscher angehörte. 

«Damals viel Scheiß gebaut»

«Es ging immer darum, den anderen zu helfen, wenn wir zu viel Scheiß gebaut haben. Weil zu wenig haben wir leider nicht gemacht», sagt Raue. Und fügt mit einem Lächeln hinzu: «Wir können ja über alles sprechen, es ist alles strafrechtlich verjährt.»

Als Aufnahmeritual musste sich ein Neuling mehrere Minuten mit zwei Mitgliedern hart prügeln. «Es ging wirklich darum, durchzuhalten. Ich habe keine drei Minuten geschafft.» Wichtig sei gewesen, den anderen zu zeigen, man rennt nicht weg. «Ich habe damals einen Cut gehabt, der jetzt fast weg ist, den ich aber mit Stolz trage», erzählt Raue über die blutende Wunde im Gesicht. 

«Der ganze Körper schreit: renn, renn, renn»

Auch Kämpfe mit anderen Banden hätten zum Kreuzberger Straßenleben rund um das Kottbusser Tor gehört. «Ich bin komplett gegen Gewalt mittlerweile. Aber damals war es wichtig, dass Du nicht abhaust. Der ganze Körper schreit: renn, renn, renn, wenn 60 Leute auf Dich zukommen», erinnert sich Raue. «Wir waren damals so 30 oder 40, und Du weißt, das Verhältnis ist zwei zu eins. Und die anderen haben nicht ein Streichhölzchen dabei, sondern Baseballschläger. Da musst Du zeigen, dass Du bleibst.» 

Im Buch «36 Boys. Wie eine Kreuzberger Gang zur Legende wurde» schildert der Journalist Paul Christoph Gäbler die Entstehung der Gang. Er habe mit vielen früheren Mitgliedern gesprochen, Erinnerungen zusammengetragen und den historischen Kontext beigesteuert, sagt Gäbler. Erzählt ist die Geschichte in einer Mischung aus Reportage und Roman in der Gegenwartsform mit vielen Details, wörtlichen Zitaten und der Atmosphäre des heruntergekommenen Kreuzbergs im Schatten der Berliner Mauer.

Das Thema Einwanderung habe «unser Land komplett verkackt»

Zu der Geschichte gehört auch die Gegenwart. Was ist geworden aus den früheren kleinkriminellen Jugendlichen, was hatte die Gang mit ihrem Lebensweg zu tun, wo versagte oder half die Gesellschaft? Der Autor zeigt als Ausblick des Buches die verschiedenen Schicksale der Gangmitglieder: Nicht jeder überlebte oder wurde berühmt und reich wie Raue. Einer brach die Schule ab, ein anderer verkauft Döner, jemand studierte, einer wurde Regisseur. 

Der heutige Sternekoch Raue kritisiert die damalige Einstellung der deutschen Gesellschaft und Politik gegenüber den Einwanderern scharf. Das Thema habe «unser Land komplett verkackt». Es habe keine Angebote an die Jugendlichen gegeben, «wie kannst Du ein Teil dieses Landes werden». Niemand habe den Jugendlichen gezeigt, «wie großartig dieses Land ist, wie demokratisch es ist».

So hätten die Jugendlichen ihre eigene Welt gestaltet, fern der Bürgerlichkeit West-Berlins. «Kreuzberg war der Ort, wo jeder sein konnte. Das ist mir auch heute immer noch wichtig», sagt Raue. Auch in der Gang sei es immer Thema gewesen, gesehen zu werden. «Dass ich das erste Mal das Gefühl hatte, dass ich Teil von etwas war.» 

Raue: «Ich bin Kreuzberger»

Das galt auch für den Stadtteil Kreuzberg: «Ich sehe mich bis heute nicht in erster Linie als Deutscher oder als Berliner, sondern: Ich bin Kreuzberger», so Raue. Noch vor einigen Jahren sei er immer mal wieder durch die Kreuzberger Wrangelstraße gelaufen und habe seine damals an die Häuserwand gesprühte Signatur gesucht: «ask2». Zuletzt aber vergeblich. 

Dieses Buch über die «36 Boys» solle auch heutige Jugendliche inspirieren. «Ich bin jemand, der in kompletter Armut groß geworden ist und für den Leistung das ist, was ihn ausmacht. Ich kann nicht ohne Leistung. Ich bin davon getrieben, ein Teil dieser Gesellschaft sein zu dürfen», sagt Raue. «Darauf bin ich stolz, dass ich aus dem Nichts mit ganz, ganz viel Leistung, zum Teil auch mit extremer Härte gegen mich selbst, diesen Weg zu machen.» Das Buch gebe Jugendlichen eine Perspektive: «Du kannst es schaffen. Selbst wenn Du mal Scheiße gebaut hast.» (dpa)


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