Auch wenn die tropischen Temperaturen zum Sommerstart etwas anderes vermuten lassen - weinbautechnisch zählt Deutschland zur «Cool Climate»-Zone. In der gelingt es den Winzern, Weine mit intensiven Aromen, aber dennoch filigraner Eleganz und Leichtigkeit hervorzubringen - ganz im Sinne des Mottos, mit dem auch das Deutsche Weininstitut (DWI) auf Messen wirbt: «Keep it Light! Enjoy Wines Made in Germany».
Während in wärmeren Regionen viele Weine mit höherem Zuckergehalt gelesen werden, was zu 13 bis 15 Volumenprozent Alkohol führt, können hierzulande Weine qualitativ mithalten, die es nur auf 12 Volumenprozent - und oft sogar noch niedrigere Alkoholwerte - bringen. «Solche Weine mit moderaten Alkoholgehalten sind ein Alleinstellungsmerkmal für den deutschen Weinbau», sagt Ernst Büscher, Pressesprecher des DWI.
Noch befinden wir uns laut dem Experten am nördlichen Ende des weltweiten Qualitätsweinbaus, der vor allem zwischen dem 30. und 50. Breitengrad liegt. Das half uns bei dem Ruf, Könner von schlanken Weinen mit frischer Säure und moderatem Alkohol zu sein. Denn mit steigenden Temperaturen und mehr Sonnenstunden weiter südlich reifen Trauben schneller und bilden mehr Zucker – und damit potenziell mehr Alkohol.
Sorgen Hitzewellen nun auch für kräftigere Weine?
Drohen angesichts aktueller Hitzewellen auch bei uns kräftigere Weine mit mehr Alkohol? Büscher, der auch Winzer gelernt und Weinbau studiert hat, sieht dafür keine allzu große Gefahr. Es gebe verschiedene Möglichkeiten, trotz der zunehmenden Erwärmung durch den Klimawandel die Trauben langsamer reifen zu lassen und so weiterhin schlanke Weine herzustellen. Vorübergehende extreme Hitzephasen würden erst später im Jahr zum Problem, wenn die Trauben reifer werden, dann könnten sie bei Extrem-Temperaturen Sonnenbrand bekommen.
Dabei lagen kräftige Weine lange im Trend, hoher Alkohol galt vielen als Qualitätsmerkmal. «Als sich das Klima in Deutschland erwärmt hat, versuchten viele Weingüter, solche Weine zu erzeugen», erinnert sich Büscher. Inzwischen sieht er eine Gegenbewegung: «Winzer achten wieder stärker darauf, dass die Trauben nicht zu viel Zucker entwickeln. Die leichteren, für unsere Anbaugebiete typischen Weine sind heute gefragt.»
Ein Grund: Vor allem Jüngere achten stärker auf Gesundheit. «Und zur angesagten leichten Küche passen auch frische Weine mit weniger Alkohol», so Büscher.
Lebendigkeit im Wein
«Für mich bringen diese Weine immer eine Leichtigkeit mit, eine Frische und eine Lebendigkeit», sagt Christine Pieroth. Die Winzerin von der Nahe, eine eher kühle deutsche Weinbauregion, produziert dort Naturweine mit etwa 10,5 Volumenprozent Alkohol. «Wenn ich wollte, könnte ich gerade in warmen Jahren aber auch Weine mit 14, 15 Prozent machen.» Doch sie kennt Mittel, das zu verhindern.
Schon im Weinberg lässt sich der Zuckergehalt der Trauben beeinflussen, etwa durch den Laubschnitt. Die Blätter spenden den Trauben Schatten – gleichzeitig entsteht dort der Zucker. «Mit dem Laubschnitt beeinflussen wir die Säurestruktur, aber auch die Zuckerproduktion der Traube», erklärt Pieroth.
«Der wichtigste Faktor ist aber der Erntezeitpunkt. Je früher man erntet, umso weniger Alkohol haben wir später im Wein.» Werden die Trauben zu früh gelesen, fehlt es an reifen Aromen. «Wir müssen hier den Sweetspot finden. Deshalb gehen wir mehrmals durch den Weinberg und ernten nur das, was gerade richtig schön reif ist.»
Alkohol als Geschmacksträger
Jan Philipp Bleeke nennt sich selbst einen «Winzer ohne Weingut». 2017 hat der gebürtige Bielefelder in seiner Wahlheimat an der Mosel seinen ersten eigenen Wein gemacht. Sein Stil: Weine mit wenig Alkohol. Dabei geht es ihm nicht darum, Trends zu bedienen. «Das ist ein Stil, der die Weine aus kühleren Gegenden wie Mosel und Saar einzigartig macht», sagt er. Und ergänzt: «Ein Wein mit 10 Prozent aus wärmeren Regionen schmeckt für mich komisch, das passt nicht zum Terroir.»












