Anschlag im Ausgehviertel: Neun Minuten Terror im Herzen Wiens

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Der unscheinbare Steinbrocken auf dem Boden zeugt von der blutigen Spur des Terrors. Ein Schuss hat ihn aus dem Türrahmen einer Stuckfassade am Wiener Salzgries gesprengt. Das angrenzende kleine Labyrinth von Gassen voller Kneipen, das die Wiener Bermudadreieck nennen, ist am Dienstag abgesperrt. Jeden Zugang bewachen Polizisten.

Vor der Hauptsynagoge in der Seitenstettengasse nahm die Terror-Nacht von Wien ihren Ausgang. Ein Mann feuerte laut Zeugen am Montagabend gegen 20 Uhr wahllos in die Lokale, zieht danach weiter durch die Straßen. «Plötzlich fielen Schüsse, erst so 20, dann acht und dann wieder 20», schildert ein Augenzeuge gegenüber der Nachrichtenagentur APA. Er habe das Geschehen anfangs gar nicht einordnen können. «Wer denkt denn in Wien an einen Anschlag?»

Mindestens vier Menschen werden tödlich getroffen, 22 weitere sind teils schwer verletzt. Um 20.09 Uhr erschießt ein Polizist den Attentäter. Die Stadt geht in den Ausnahmezustand - zunächst ist von mindestens einem weiteren bewaffneten Täter die Rede.

Ausgerechnet an einem milden Abend in den letzten Stunden vor dem zweiten Corona-Lockdown in Österreich, ausgerechnet in der Ausgehmeile zwischen Wiens historischer Altstadt und dem Donaukanal - der Attentäter hätte kaum einen belebteren Ort finden können. Die Terrassen der Lokale sind voll, scharenweise stehen Menschen an so einem Abend um die Würstelstände am trubeligen Verkehrsknoten Schwedenplatz.

Plötzlich ist alles vorbei. An einem der markanten U-Bahn-Eingänge sackt auf einem Augenzeugenvideo ein Mann zusammen, von Schüssen getroffen. Das Bild einer Blutlache vor einem Lokal prangt am Dienstag auf den Titelseiten gleich mehrerer Boulevardblätter.
 

«Wir sind losgerannt», sagt eine 30-Jährige, die am Montagabend nur ein paar Gassen entfernt mit drei Freunden vor einer Bar saß. Am Dienstagvormittag sitzt sie etwas verloren auf der Bank einer fast ausgestorbenen Einkaufsstraße und isst Fast Food aus einer Tüte - «das mache ich immer, wenn ich Stress fühle». Die Kellnerin habe kassieren wollen, weil etwas passiert sei, erzählt sie. Dann, so berichtet sie, wurde es laut, Polizisten riefen den Gästen zu, die Straßen zu verlassen. Im Chaos habe sie ein Mann in ein Bürogebäude gewunken, etwa zu zehnt harrten sie dort bis in die frühen Morgenstunden aus.

Am Morgen sind nur wenige Passanten unterwegs, im ersten Bezirk Wiens herrscht überhaupt große Stille. «Bleiben Sie zu Hause, die Gefahr ist noch nicht gebannt», schärften der Bundeskanzler Sebastian Kurz und der Wiener Bürgermeister in der Nacht ein. Einsatzkräfte der Militärpolizei stehen in den Gassen, schwer bewaffnete Polizisten auf dem großen leeren Platz vor dem Stephansdom. Verschiedensprachige Nachrichtencrews warten auf ihren Einsatz. Offizielle Entwarnung gibt es auch am Dienstagmittag noch nicht, zu viele Fragen sind noch offen.

«Schockiert sind wir, es ist eine völlige Katastrophe», sagt ein 45-Jähriger. Am Dienstagmorgen will er in seinem Lokal nach dem Rechten schauen, das nun wegen des Corona-Lockdowns geschlossen hat. Am Abend harrten auch bei ihm etwa 35 Gäste mit Kellnern bis um 2 Uhr morgens aus, wie er sagt. «Wir alle wollten doch noch ein bisschen Freiheit vor dem Lockdown genießen», sagte eine 60-Jährige auf dem Weg ins Büro. Angst habe sie nicht. «Es kann überall passieren, damit muss man rechnen», sagt sie. «Ich habe den Eindruck, dass das Innenministerium und die Polizei das gut im Griff haben.»

Aber auch die Sicherheitsbehörden geraten in den Fokus, als dann die Identität des erschossenen Angreifers feststeht. Der 20-jährige Kujtim Fejzulai hatte eine alles andere als unauffällige Vergangenheit. Er habe nach Syrien ausreisen wollen, um sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen, erklärte das Innenministerium. Im April 2019 wurde der laut Medienberichten gebürtige Wiener mit österreichischem und nordmazedonischem Pass wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten Haft verurteilt, Anfang Dezember aber vorzeitig entlassen.

«Es stellen sich nun drängende Fragen: Wieso konnte ein amtsbekannter und schwer vorbestrafter Islamist mit dem IS Kontakt aufnehmen? Wo und wie konnte er die Waffen beschaffen? Wen lernte er im Knast kennen?», fragt Florian Klenk, Chefredakteur des Wiener Stadtmagazins «Falter» und einer der angesehensten Journalisten des Landes, auf Twitter. Der Hintergrund des Täters sei wichtig: «Er wurde in Wien geboren und hier radikalisiert.»

Am Dienstagnachmittag machen die Behörden dann klar, dass sie davon ausgehen, dass Fejzulai alleine handelte - auch wenn sie sich weiter nicht endgültig festlegen. Innenminister Karl Nehammer macht deutlich, dass es bislang keinen Hinweis auf einen zweiten Täter gebe. Das gehe aus den Ermittlungen und den Auswertungen von vielen der rund 20 000 Videos hervor, die von Augenzeugen eingereicht wurden.

Ein Wiener Anschlag mitten ins Wiener Herz - trotz aller Fassungslosigkeit reagiert die Stadt auf ihre eigene Art und Weise. «Schleich di, du Oarschloch», rief ein Wiener aus seinem Fenster dem schießenden Attentäter hinterher. Der Moment, auf Video eingefangen, ging viral als Symbol für die Widerstandsfähigkeit der Stadt. Ein anderer Mann soll einem Terroristen eine Vase nachgeworfen haben.

Die am Abend vor dem Lockdown bei letzten Aufführungen besonders voll besetzten Kulturhäuser gingen ebenfalls stoisch mit der Lage um. Star-Percussionist Martin Grubinger, der vor rund 1000 Menschen im Konzerthaus spielte, erhielt schon früh während seines Auftritts Informationen der Polizei über die Anschläge. Die Beamten baten ihn, weiterzuspielen, um so die Besucher so lange wie möglich abzulenken. Grubinger und das Orchester gaben extra lange Zugaben, erst dann wurden die Besucher informiert. Auch die Wiener Philharmoniker spielten nach ihrer Aufführung für die eingeschlossenen Besucher der Wiener Oper, bevor sie sicher nach Hause gehen konnten.

Zu Helden des Abends wurden im Netz auch zwei junge Männer für ihren selbstlosen Einsatz während der Terrorattacke. Noch während Schüsse fielen, halfen Recep Gültekin und Mikail Özen einer älteren Dame und einem angeschossenen Polizisten und wurden dabei selbst verletzt. Ein Anwohner filmte die Szene. «Wir wollten den letzten Kaffee vor den Ausgangssperren trinken und dabei sind wir mitten im Gefecht gelandet», schilderte Özen die Situation auf Instagram.

Die beiden Kampfsportler halfen erst einer älteren Dame, sich in Sicherheit zu bringen. Danach sahen sie einen verwundeten Polizisten. «Wir konnten einfach nicht nur zuschauen. Wir sind hingelaufen und haben ihn zum Krankenwagen befördert», so Özen. «Wir türkisch-stämmigen Muslime verabscheuen jegliche Art von Terror, wir stehen zu Österreich, wir stehen für Wien.» Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wünschte den beiden Männern persönlich per Videoanruf gute Besserung. Für Kritik in den sozialen Medien sorgte derweil, dass Gültekin auf einem 2018 geposteten Bild mit einem von türkischen Nationalisten verwendeten Emblem posiert hatte.

Der Terroranschlag in Wien: Was wir wissen - und was nicht

Nach dem Terroranschlag in Wien am Montagabend ist noch nicht klar, ob der Täter alleine gehandelt hat oder ob er Komplizen hatte. Sicher ist: Bei dem Anschlag nahe der Hauptsynagoge in einem Wiener Ausgehviertel gab es mindestens vier Todesopfer und zahlreiche Verletzte. Der bewaffnete Attentäter selbst wurde von der Polizei erschossen.

WAS WIR WISSEN:

- Die Tat: Der Terrorangriff ereignete sich wenige Stunden vor Beginn des teilweisen Corona-Lockdowns in Österreich. Die ersten Schüsse fielen nach Angaben von Innenminister Karl Nehammer am Montagabend um 20 Uhr. Bewaffnet mit einem Sturmgewehr, einer Pistole und einer Machete sowie einer Sprengstoffgürtel-Attrappe feuerte ein Mann in die Menge und wahllos in Lokale. Ein Mann brach tödlich getroffen auf einem Bürgersteig zusammen. Bei den vier Todesopfern handelt es sich nach Angaben von Kanzler Sebastian Kurz um einen älteren Mann, eine ältere Frau, einen jungen Passanten und eine Kellnerin.

Bei dem Angriff wurden außerdem mindestens 22 weitere Menschen verletzt. Einige von ihnen erlitten nach Angaben der österreichischen Nachrichtenagentur APA lebensgefährliche Verletzungen.

Nach Angaben von Nehammer dauerte es neun Minuten, bis die Polizei den Täter ausschalten konnte. Der Attentäter habe zu diesem Zeitpunkt noch viel Munition bei sich getragen.

- Der Täter: Der 20 Jahre alte Täter wurde von der Polizei erschossen. Nach Angaben von Innenminister Nehammer hieß er Kujtim Fejzulai und hatte neben der österreichischen auch die mazedonische Staatsbürgerschaft.

Er hatte Nehammer zufolge in der Vergangenheit versucht, nach Syrien auszureisen, um sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen. Er wurde jedoch aufgehalten und am 25. April 2019 wegen versuchter Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten Haft verurteilt. Am 5. Dezember wurde er demnach als junger Erwachsener vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen.

Dem Mann sei es gelungen, die Behörden vor seiner vorzeitigen Haftentlassung über den Misserfolg seiner Deradikalisierung zu täuschen, so Nehammer. Es habe keine Warnhinweise über die Gefahr durch den 20-Jährigen gegeben.

- Der Ort: Die Polizei benannte sechs Orte, darunter die Seitenstettengasse, den Morzinplatz, den Fleischmarkt und den Bauernmarkt. Einer der Orte liegt nahe der Wiener Hauptsynagoge. dpa konnte nach Sichtung der Bildmaterialien zwei weitere Orte identifizieren.

Nach der Tat war die Wiener Innenstadt zeitweise mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr erreichbar. Weder Busse noch Bahnen steuerten Ziele im historischen Kern der Zwei-Millionen-Metropole an.

- Die Hintergründe: Der Anschlag geht nach den Worten von Innenminister Nehammer auf das Konto mindestens eines islamistischen Terroristen. Der Attentäter sei ein Sympathisant der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gewesen, sagte er.

- Die Ermittlungen: Nach Angaben des Innenministeriums in Wien waren rund 1000 Beamte im Einsatz. Nach dem Anschlag seien insgesamt 18 Wohnungen durchsucht worden, die Wohnung des Täters sei aufgesprengt worden. Insgesamt 14 Personen seien vorläufig festgenommen worden, teilte Nehammer mit. Zuvor war bereits bekannt geworden, dass die Polizei in St. Pölten westlich von Wien zwei Menschen festgenommen hatte, zudem gab es in niederösterreichischen Landeshauptstadt zwei Hausdurchsuchungen. Der «Kurier» berichtete, es handele sich um Kontaktadressen des mutmaßlichen Attentäters.

WAS WIR NICHT WISSEN:

- Täter und mögliche Hintermänner: Zunächst hatte die Polizei nicht ausgeschlossen, dass an dem Schusswechsel weitere Täter beteiligt gewesen sein könnten. Die Innenstadt war nachts weitgehend abgeriegelt. Am Vormittag waren dort wieder Passanten unterwegs.

Am Dienstagnachmittag hatte das Innenministerium noch keinen Hinweis auf einen zweiten Täter bei dem Anschlag in Wien. Das gehe aus den bisherigen Ermittlungen und den Auswertungen von vielen der rund 20 000 Videos hervor, die die Bürger der Polizei zur Verfügung gestellt hätten, sagte Innenminister Nehammer vor Journalisten.

Unklar ist auch noch, ob der getötete Schütze Unterstützer im Hintergrund hatte. Offen ist etwa, wie er sich die Waffen besorgen konnte. Nach Behördenangaben wurden in seiner Wohnung Munitionsteile gefunden.

- Das Motiv: Trotz der Verbindung zur Terrormiliz IS ist das konkrete Motiv für die Tat ebenso wenig bekannt wie ein Bekennerschreiben oder -video. Wollte der Schütze Panik im gut besuchten Ausgehviertel verbreiten oder hatte er sich die Synagoge als Ziel ausgesucht? Nach Angaben des Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, waren allerdings sowohl die Synagoge als auch das Bürogebäude an derselben Adresse zum Zeitpunkt der ersten Schüsse nicht mehr in Betrieb und geschlossen.

- Überwachung: Der Täter war einschlägig vorbestraft. Ob und wie die Sicherheitsbehörden ihn auch nach seiner vorzeitigen Haftentlassung auf dem Schirm hatten, blieb zunächst offen. Er habe sich in seiner Bewährungszeit frei bewegen können, sagte Innenminister Nehammer.


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