Gastro-Sperrzeiten: Gericht signalisiert Verständnis für lärmgeplagte Heidelberger

| Politik Politik

Es ist ein Dauerbrenner: Bürger, die auf ungestörten Schlaf pochen, und die Stadt Heidelberg liegen seit Jahren im Clinch. Mit Unterstützung eines Gerichts und eines neuen Gemeinderates wollen lärmgeplagte Anwohner des Amüsierviertels endlich zur Ruhe kommen.

Im Rechtsstreit zwischen lärmgeplagten Heidelbergern und der Stadtverwaltung dürfen die Bürger auf Entlastung hoffen. Die Vorsitzende Richterin vom Verwaltungsgericht Karlsruhe, Christine Warnemünde, sagte bei der Verhandlung am Mittwoch in Mannheim, es gehe bei den Sperrzeiten nicht um 2.00 oder 3.00 Uhr. Die Sperrzeiten im Ausgehviertel der Stadt beginnen derzeit weit nach diesen Uhrzeiten. Die ursprünglichen 31 Kläger wollen die Schließung der Gaststätten werktags um Mitternacht und am Wochenende um 1.00 Uhr durchsetzen. Sie argumentieren, Schlaf von mindestens sechs Stunden müsse ungestört möglich sein. Die Alteingesessenen führen überdies ins Feld, als sie vor 30 Jahren in die Altstadt gezogen seien, habe niemand voraussehen können, dass sich die Zahl der Bars und Kneipen in diesem Zeitraum verdoppeln würde.

Auf Anregung der Richterin werden bei der Urteilsfindung nur vier Fälle betrachtet, bei denen gesundheitsschädliche Lärmwerte gutachterlich nachgewiesen sind. Die anderen Klagen ruhen. Zuvor hatte Warnemünde eine Einigung der Kontrahenten angeregt. Sie liegen schon seit Jahre im Clinch und begegneten dem Vorschlag zur Güte mit Skepsis. Grund ist, dass der Heidelberger Gemeinderat das letzte Wort beim Erlass von Sperrzeitenregelungen hat. Er ist in das Verfahren jedoch nicht einbezogen. Das Gremium - mit nach der Kommunalwahl geänderten Mehrheitsverhältnissen - beschloss in der Vergangenheit Sperrzeiten, die weder den Auflagen von Richtern noch den Vorstellungen der Stadtverwaltung entsprachen.

Der Vertreter der Heidelberger Bürger, Werner Finger, sagte: «Der Gemeinderat ist nicht steuerbar.» Er könne sich nicht vorstellen, dass auf diese Weise der Konflikt entschärft werden könne. «Ich sehe nur die Möglichkeit eines rechtskräftigen Urteils.» Der Heidelberger Ordnungsbürgermeister, Wolfgang Erichson, betonte, auch wenn die Stadtverwaltung sich bemühe, den Gemeinderat für eine einvernehmliche Lösung zu gewinnen, könne er für dessen Mitwirkung nicht die Hand ins Feuer legen. Eine Mediation scheiterte daran, dass die Bürger während des laufenden Verfahrens nicht daran teilnehmen wollten.

Die Verwaltung unter Oberbürgermeister Eckart Würzner (parteilos) ist in einer kniffligen Lage, ist sie doch wie die Bürger und anders als der alte Gemeinderat für strengere Regelungen. Die Normenerlassklage der Lärm-Gegner richtet sich aber gegen die Stadt. Aus Platzgründen fand die Verhandlung im Verwaltungsgerichtshof in Mannheim statt.

In anderen Städten Baden-Württembergs steht die Lärmproblematik derzeit nicht auf der Agenda - trotz zunehmender Mediterranisierung. So nennen Fachleute den Trend, das Leben in den öffentlichen Raum zu verlagern. Ein Beispiel gibt die Sprecherin der Stadt Tübingen Sabine Schmincke: Vor 30 Jahren seien Straßencafés eine Ausnahme gewesen, jetzt finde man sie an jeder Ecke. 

Mit einer Schilderaktion macht die Stadt neuerdings auf die Nachtruhe zwischen 22.00 und 6.00 Uhr und das Bußgeld von 60 Euro bei Verstößen aufmerksam. Überdies sei die Zahl der Nachtstreifen des Ordnungsdienstes von vier auf acht erhöht worden. Auch in Ulm hat die Lärmdebatte sich beruhigt. «Es gab mal vor drei Jahren eine Aufwallung, als am Schwörmontag 60 000 bis 70 000 Leute in der Stadt unterwegs waren und Party machten», sagt Frank Raddatz von der Öffentlichkeitsarbeit. Die damalige Diskussion sei wichtig gewesen und habe zu mehr Rücksicht aufeinander geführt.

Auch in Freiburg hat sich die Situation entschärft, seit die Partyszene sich vom Augustinerplatz zu einem Platz mit weniger Wohnungen drum herum verlagert hat. In Mannheim ist das Thema beim Nachtbürgermeister Hendrik Meier aufgehoben. Er versucht als Ansprechpartner für beide Seiten den Ausgleich zwischen Barbetreibern und Anwohnern herzustellen.

Für solche Lösungen spricht sich der Städte- und Gemeindebund aus, den das Thema immer mal wieder beschäftigt. Sprecher Alexander Handschuh: «Wir appellieren an Verständnis und Toleranz auf beiden Seiten und werben für einvernehmliche Regelungen - in den meisten Fällen klappt das.» (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Ein Bündnis aus 14 Wirtschaftsverbänden fordert die Bundesregierung zur Modernisierung des Arbeitszeitrechts auf. Im Zentrum steht die Forderung nach einer Umstellung auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit.

Der Deutsche Tourismusverband fordert angesichts steigender kommunaler Kosten eine breitere Finanzierungsbasis für touristische Infrastrukturen. Dabei werden insbesondere Gästebeiträge und Tourismusabgaben als Mittel zur Sicherung der regionalen Attraktivität hervorgehoben.

Wie schon 2015 scheitert Hamburg mit seinen Olympia-Plänen am Willen der Bevölkerung. Das ist auch eine Niederlage für den Senat und seinen Bürgermeister Peter Tschentscher. Wirtschaftsverbände bedauerten das Nein zu Olympia.

Urlaub in Deutschland könnte für viele angesichts der angespannten Weltlage eine realistische Option werden. Profitieren dürften nach Ansicht des Tourismus-Koordinators vor allem küstennahe Regionen.

Wirtschaftsverbände in Potsdam fordern die Aussetzung der für Juli geplanten Verpackungssteuer aufgrund anhaltender Unklarheiten bei der Umsetzung. Die Allianz warnt zudem vor Wettbewerbsnachteilen und einer mangelnden Lenkungswirkung der Abgabe.

Die Österreichische Hotelvereinigung drängt auf eine gesetzliche Regulierung von Online-Bewertungsplattformen nach italienischem Vorbild. Eine aktuelle Umfrage zeigt eine breite Zustimmung in der Bevölkerung für eine Verifizierungspflicht bei Rezensionen.

Das Rückmeldeverfahren zu frühen Corona-Hilfen, die 2020 an Unternehmen geflossen waren, hatte Debatten ausgelöst. Nun will das Land Hessen die Verwaltungspraxis ändern. Der Dehoga erklärte, man sei damit nicht glücklich, aber zufrieden.

Eine Bitkom-Langzeitstudie zeigt, dass zehn Jahre nach Einführung der Datenschutz-Grundverordnung der betriebliche Umsetzungsaufwand für Unternehmen massiv gestiegen ist.

Die Österreichische Hotelvereinigung kritisiert die geplante Erhöhung der Alkoholsteuer und warnt vor steigenden Kosten für den Tourismus. Verbandspräsident Walter Veit fordert angesichts der allgemeinen Teuerung Entlastungen und Entbürokratisierung statt neuer Steuern.

Rund um die Event-Messe Imex in Frankfurt ist es in Frankfurt zu ersten Warnstreiks im hessischen Hotel- und Gastronomiegewerbe gekommen. Rund 400 Beschäftigte von Hotels und Caterern seien dem Aufruf gefolgt, teilte die Gewerkschaft NGG mit.